Geist & Reichlin
Die grosse Krux von Subventionen

Kennen Sie das englische Akronym «lol»? Es steht für «Laughing out loud», das spontane laute Lachen als Reaktion auf einen Witz, ein lustiges Bild etc. Als ich diesen Sonntag die Zeitung aufschlug, war das ein ungläubiger «lol»-Moment.

Naomi Reichlin
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Soll Werbung für reduzierte Fleischwaren verboten werden?

Soll Werbung für reduzierte Fleischwaren verboten werden?

Archivbild: zvg

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) spielt offenbar mit dem Gedanken, ein Werbeverbot für Fleischrabatte vorzuschlagen. Damit soll verhindert werden, dass Rabatte für Fleisch als «Frequenzbringer» eingesetzt werden, also Konsumenten in die Läden locken sollen. Dies entspräche nicht der «Wertigkeit von Fleisch» und sei einem nachhaltigen Konsum nicht förderlich. Möglicherweise erscheint dieser Vorschlag für einige wie ein ernst gemeinter Versuch, das Ziel einer nachhaltigen Ernährungspolitik zu erreichen. Ich sah aber bloss einen scheinheiligen Alibi-Vorschlag und war mir bezüglich der Ernsthaftigkeit des Vorschlags derart unsicher, dass ich einen kurzen Blick auf das Datum werfen musste. August, nicht April – okay.

Ob der Vorschlag oder die Erklärung hanebüchener ist, da war ich mir noch nicht ganz sicher. Grund für den Vorschlag sei, gemäss BLW-Vizepräsident Adrian Aebi, dass Rabatte der «Wertigkeit von Fleisch» nicht entsprechen. Ganz offensichtlich scheint er eine Vorstellung davon zu haben, was der Wert von Fleisch ist. Er ist der Meinung, dass reduzierte Fleischpreise das Fleisch «zu billig» machen, und impliziert damit, dass wir genug Geld für ein Stück Fleisch zahlen, wenn wir es ohne Rabatt ins Einkaufskörbchen legen. Und diese Aussage könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt liegen.

Wenn ich nämlich in der Migros ein Stück Rindfleisch kaufe – notabene ohne Rabatt –, dann zahle ich gerade mal einen Drittel der tatsächlichen Kosten dieses Stücks Fleisch. Die restlichen zwei Drittel bezahlen Sie, liebe Leserinnen und Leser. Über Steuergelder, indem Sie die Produktion mitfinanzieren, und die aus der nicht nachhaltigen Fleischwirtschaft entstehenden Umweltschäden. Danke für die Unterstützung! Könnte ich sagen. Aber finden Sie wirklich, dass Sie meinen oder den Fleischkonsum Ihrer Mitmenschen mitzufinanzieren haben?

Da hört es übrigens nicht auf. Wussten Sie, dass wir alle jährlich über sechs Millionen Franken für Fleischwerbung bezahlen? «Tsch-Tsch», «Alles andere ist Beilage»: Das kann man alles machen, aber dazu bitte keine Steuergelder verwenden.

Beispiele wie dieses gibt es unzählige: Milliardenschwere Subventionen, die selbst gesetzten Zielen, wie der Nachhaltigkeit, diametral widersprechen. Wir diskutieren über die Neuauflage des CO2-Gesetzes, übernehmen aber die Kosten von zwei Dritteln jedes Rindsfilets, einem Drittel jedes Stück Schweinefleischs und einem Viertel jedes Poulets? Wir subventionieren einerseits die Fleischproduktion und -werbung, wollen aber andererseits Werbung für Fleischrabatte verbieten? Das ist nichts als absurd. Es ist gleichzeitig die allgemeine Krux von Subventionen, die einen bestimmten Lebensstil fördern wollen: Aus vermeintlich sinnvollen Gründen eingeführt, geraten wir früher oder später in ein Dilemma. Bei den Fleischpreisen und generell beim Konsum sind wir Welten von Kostenwahrheit entfernt. Unsere Politikerinnen und Politiker sind nun in der Verantwortung, trotz Lobby, den Finger in die Wunde zu legen.

Naomi Reichlin studiert Politikwissenschaften in Friedrichshafen und war von 2017 bis 2020 Vizepräsidentin der FDP Baselland.

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