Geistschreiber
Böse Spätlese

Willi Näf
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Noch immer stehen einige Plakate in der Region (Symbolbild).

Noch immer stehen einige Plakate in der Region (Symbolbild).

Kenneth Nars

Sommerzeit. Erntezeit, Heu, Chirsi, Abstimmungsplakate. Die Plakatbauern haben ihre Ernte grossenteils bereits eingefahren. Ich habe gestaunt über die unterschiedlichen Anbaumethoden und die grosse Sortenvielfalt unserer Schweizer Plakatlandwirte. Wie liebevoll sie Ihre Transparente gepflanzt haben. Mit welcher Energie. In welchen Mengen.

Mittlerweile sind es nur noch vereinzelte Exemplare, welche die Herzen erfreuen. Eine süsse Spätlese. Für Spätleserinnen und -leser, naturbegeisterte E-Biker aus der Stadt und so. Und die Hardcore-Idealisten unter den Landwirten lassen ja womöglich noch da und dort ein flottes Transparent bis in den August hinein stehen. Zugunsten des Landschaftsbildes. Obwohl es dafür wohl nicht einmal Subventionen gibt.

Wenn sie bis in den Sommerferien warten, könnten sogar noch ein paar klimajugendliche Landdienstleistende aus der Stadt beim Rückbau der letzten Plakate mithelfen. Am meisten profitieren würden jene, die sich am Rückbau von Plakaten bereits versucht haben – nachts – aber bloss eine mutwillige Sachbeschädigung hinbekamen. (Gutmenschen sind ja meist lausige Vandalen).

Das Motto der Landdienstvermittlerin Agriviva lautet nicht umsonst seit 75 Jahren «Wir bauen Brücken zwischen Stadt und Land». Angesichts des aktuellen Stadt-Land-Grabens werden immer längere Brücken nötig. Und in einem Landdienst könnten diese lebensfremden Stadtgretas auch einmal etwas ernten. Ihre landwirtschaftliche Erfahrung besteht ja oft nur in der regelmässigen Entsorgung von abverrecktem Basilikum.

Als Bauernbub und Landei habe ich mich meiner Bauernsame nie verbundener gefühlt als jetzt. Besonders inspiriert hat mich diese eine Bäuerin aus Oberdiessbach, die nach der Ablehnung des CO2-Gesetzes am Radio zufrieden erklärte: «Mir chlini Schwiz chöi ja sowieso nid di ganzi Welt rette.» Und ich so: Gopfredli, sie hat recht! Seither denke ich wie sie. Jahrelang kaufte ich möglichst konsequent und ziemlich teuer regio, CH und bio. Aber von Stund an gibt es ohne schlechtes Gewissen billige importierte Lebensmittel und wunderbare rote Februar-Erdbeeren aus Spanien. Denn ich kleiner Konsument kann ja sowieso nicht die ganze Schweizer Landwirtschaft retten. Gell.