Bildung
Gemeinden schlittern wegen ‹Rolls-Royce›-Schulen in tiefrote Zahlen

In vielen Baselbieter Gemeinden sind neue Schulen in Planung oder bereits in Bau. Ueli Keller, Experte für Schulraumplanung kritisiert das Vorgehen der Gemeinden: Die Projekte seien oft zu teuer und entsprechen nicht der modernen Pädagogik.

Benjamin Wieland
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Neue Schulhäuser im Baselbiet und was sie kosten
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Gründen, Muttenz: 27 Millionen
Wilmatt, Therwil: 28 Millionen
Gartenhof, Allschwil: 70 Millionen

Neue Schulhäuser im Baselbiet und was sie kosten

Zur Verfügung gestellt

Immer mehr Baselbieter Gemeinden schlittern in die roten Zahlen. Dafür verantwortlich sind auch die stark steigenden Kosten für die Bildung: Bis Sommer 2015 muss mehr Schulraum zur Verfügung gestellt werden - diesen Fahrplan gibt das Harmos-Konkordat vor.

Viele Schulen sind in Planung oder bereits in Bau. Die meisten Gemeinden seien der Aufgabe jedoch gar nicht gewachsen, sagt Ueli Keller, Experte für Schulraumplanung.

Das zeige sich nicht nur finanziell, sondern auch bei der Ausstattung und Architektur der Neubauten. Diese seien oftmals zu rasch beschlossen worden, zu teuer - und würden den Ansprüchen von moderner Pädagogik nicht entsprechen. Beim Schulhausbau gilt deshalb laut Keller: Weniger wäre oft mehr.

Zur Person

Es gibt wohl kaum eine Person, die mehr Schulhäuser von innen gesehen hat als Ueli Keller: Der Experte für Bildungs- und Raumfragen organisiert Exkursionen an Schulen in ganz Europa. Keller ist Mitbegründer des schweizerischen Netzwerks Bildung & Architektur und arbeitete 45 Jahre als Lehrer und Heilpädagoge, Supervisor und Organisationsentwickler, zuletzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Erziehungsdirektion Basel-Stadt

Seit Juli 2012 ist der 66-Jährige an seinem Wohnort Allschwil Mitglied des Einwohnerrats für die Grüne Partei. Aktuell zum Thema läuft noch bis Mitte Juni im Schauraum b in Basel die Ausstellung «Pädagogische Architektur». (bwi)

Ueli Keller, im Kanton Baselland wird in den kommenden Jahren ein Schulhaus nach dem anderen aus dem Boden gestampft. Ist das für Sie als pensionierten Lehrer kein Grund zur Freude?

Ueli Keller: Jein. Der Souverän hat zu Harmos Ja gesagt. Das gilt. Auch wenn die Folgen für den Schulraum und die Finanzen dabei nicht bedacht worden sind. Sehr schade finde ich, wenn die Chancen des Schulbaus oder Schulumbaus für die Bildung nicht genutzt werden, weil das Know-how dafür fehlt. Das macht mir keine Freude.

Warum fehlt das Know-how?

Die Gemeinden werden vom Kanton sich selbst überlassen. Zumindest auf der Primarstufe. Sie sind tendenziell überfordert - finanziell und oft vor allem auch fachlich.

Nehmen wir als Beispiel das neue Schulhaus Gartenhof in Allschwil. Dieses wird nach neusten pädagogischen Erkenntnissen gebaut. Es lässt keinen Wunsch offen - und sollte den Ansprüchen aller Nutzer genügen.

Gut, dass Sie das Gartenhof erwähnen. Dieses Schulhaus ist vor allem eines: teuer! Es wird 70 Millionen Franken kosten. Dabei schlittert die Gemeinde tief in die roten Zahlen. Ich habe die Schule «Rolls-Royce für die Bauwirtschaft» getauft. Und Allschwil ist nicht alleine: In der Nordwestschweiz sind insgesamt Bauten in der Höhe von rund zwei Milliarden Franken geplant - unglaublich viel Geld.

Ueli Keller «Superteure und architektonisch spektakulär gebaute Schulen sind pädagogisch oft wenig erfolgreich.»

Ueli Keller «Superteure und architektonisch spektakulär gebaute Schulen sind pädagogisch oft wenig erfolgreich.»

Zur Verfügung gestellt

Das ist viel Geld. Dafür erhalten wir aber gute Qualität. In Allschwil gibt es ein Schulhaus, das - ich zitiere die Gemeinde - «flexible Anpassungsmöglichkeiten an spätere Bedürfnisse garantiert». Das hat seinen Preis. Oder sollen die Lehrer in Lehmhütten unterrichten?

Vielleicht wäre das gar nicht so schlecht. Nein, Spass beiseite. Superteuer und architektonisch spektakulär gebaute Schulen sind oft pädagogisch wenig erfolgreich.

Was bringt Sie zu dieser Aussage?

Ich habe als Experte weit mehr als hundert Schulen in ganz Europa besucht. Schulen, die sich beim Bauen nach der Decke strecken müssen, werden oft sehr kreativ. Ich habe Gemeinden gesehen, die wenig Geld einsetzten - etwa Herisau: Die haben in einem älteren Sekundarschulgebäude Wände raus gehauen und Lernlandschaften geschaffen. Bei Besuchen vor Ort war mein Eindruck: Diese Schule «fägt»!

Was hätte den zum Beispiel Allschwil besser machen können?

Mehr Kooperieren. Kooperation ist das A und O, wenn es eine Schule werden soll, die der Vielfalt und den Widersprüchen von diversen Logiken - Bildung, Architektur, Verwaltung, Finanzen, Politik, und so weiter - optimal entspricht. Ich denke dabei auch an die Ansprüche der Nutzergruppen, von denen es unglaublich viele gibt: Betreuungs- und Lehrpersonen, Schulleitungen, Hauswarte, Schülerinnen und Schüler, Eltern, Anwohner, Vereine, und viele mehr. Es gibt Stellen, die alle an einem Schulbau Beteiligten zusammen an einen Tisch bringen können, etwa die Plattform «Schulbau Forum Nordwestschweiz» in Basel.

Die Gemeinden haben gar keine Wahl, als neuen Schulraum zur Verfügung zu stellen: Es werden seit ein paar Jahren wieder mehr Kinder geboren, und die Zahl Primarschüler steigt wegen der Harmos-Umsetzung zusätzlich an. Ohne Neubauten geht es kaum.

Doch. Es geht auch ohne teure Neubauten. Die Stadt Lausanne zum Beispiel hat das Harmos-Schulbauproblem nach dem Prinzip «Ei des Kolumbus» gelöst - gegen den Widerstand des Kantons, wohlbemerkt. Die ersten 4 Klassen bleiben in den bestehenden Primarschulhäusern und die Klassen 5 und 6 werden in die bestehenden Sekundarschulen platziert. So bleiben der aufstrebenden Stadt viele wertvolle Ressourcen, zum Beispiel für die Entwicklung von Ökoquartieren. Etwas in der Art wäre auch in Allschwil möglich gewesen.

Trotzdem: Die Zeit ist knapp - die Gemeinden haben keine Zeit für Experimente.

Die Zeit ist genau das Problem. Die Politik reagiert mit Hau-Ruck-Übungen und Machtblock- anstatt Sachentscheiden. Das ist schlecht. Eher früher als später werden wir gar keine andere Wahl mehr haben, als Alternativen zu «Rolls-Royce»-Neubauten zu suchen. Je früher wir kreativ werden und kooperativ nach bestmöglichen Lösungen suchen, desto besser!