Gerichtsprozess
Mord am Gemeindepräsidenten von Metzerlen: Verurteilte müssen für fast 20 Jahre ins Gefängnis

Das Solothurner Oberamt verurteilte zwei Männer zu langen Haftstrafen. Sie sollen den früheren Gemeindepräsidenten von Metzerlen getötet haben. Die Anwälte hatten das ursprüngliche Urteil des Richteramts Dorneck-Thierstein weitergezogen.

Dimitri Hofer Aktualisiert
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Das Obergericht führt die Verhandlungen durch. Der Prozess findet jedoch an einem geheimen Ort statt.

Das Obergericht führt die Verhandlungen durch. Der Prozess findet jedoch an einem geheimen Ort statt.

Hanspeter Bärtschi

Darum geht es im Prozess:

  1. Im Juni des vergangenen Jahres verlas die Gerichtspräsidentin des Richteramts Dorneck-Thierstein das Urteil: Ein 45-jähriger Serbe und ein 43-jähriger Holländer müssen wegen Mordes und versuchten bandenmässigen Raubes 19 Jahre respektive 17 Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die beiden Männer am 14. März 2010 nach Metzerlen fuhren und den damaligen Gemeindepräsidenten Ivo Borer in seinem Haus überfielen und ihm mit Gegenständen schwere Kopfverletzungen zufügten. Der Pensionär starb einige Monate später im Spital an den Verletzungen. 
  2. Gemäss einem Tipp soll sich im Haus im solothurnischen Leimental ein Tresor mit einer hohen Summe Geld befunden haben. Stattdessen erbeuteten die Männer in Metzerlen jedoch nur einen Haus- und einen Fahrzeugschlüssel. Neben den beiden Hauptanklagepunkten im Fall Metzerlen wurden die Männer auch in Nebenpunkten verurteilt:  Der Serbe für einen bewaffneten Raubüberfall auf ein Uhrengeschäft in Wettingen und der Holländer für einen Einbruch in ein Schmuckgeschäft in Spreitenbach. Beide Taten ereigneten sich ebenfalls im Jahr 2010. 
  3. Die Anwälte der beiden verurteilten Männer zogen das Urteil des Richteramts Dorneck-Thierstein an die nächste Instanz weiter. Deshalb kommt es in dieser Woche zur Neuauflage des aufsehenerregenden Prozesses am Obergericht. Den Behörden war es erst mehrere Jahre nach der Tat und nach umfangreichen Ermittlungen gelungen, die beiden Männer festzunehmen. 
  4. Wie schon beim Prozess am Richteramt Dorneck-Thierstein finden die Verhandlungen an einem geheimen Ort statt. Die Männer sollen den Pink Panthers, einer weltweit tätigen Gruppe von Juwelenräubern, angehören. Die Medien können dem Geschehen via Videoübertragung beiwohnen. Die Verhandlung wird voraussichtlich am Mittwoch und Donnerstag durchgeführt. Das Gericht verkündet das Urteil am 29. September. 

Donnerstag, 29. September 2022: Nachmittag:
Die Angeklagten werden zu langen Haftstrafen verurteilt

Fast eine ganze Woche hatten sich die drei Richter des Solothurner Obergerichts Zeit für die Urteilsberatung im Mordfall Metzerlen genommen. Am Donnerstagnachmittag verkünden sie das Urteil am Obergericht: Die Angeklagten, wie auch deren Anwälte, der zuständige Staatsanwalt Raphael Stüdi und die Medien, hören den Worten der Richter via Videoübertragung zu.

Das Gericht verurteilt einen 45-jährigen Serben zu 18,5 Jahren sowie einen 43-jährigen Holländer zu 19 Jahren und zwei Monaten Gefängnis. Haupttaten sind der Mord am ehemaligen Gemeindepräsidenten von Metzerlen sowie versuchter bandenmässiger Raub im gleichen Fall. Der Drahtzieher, ein 68-jähriger Serbe, erhält eine Haftstrafe von 41,5 Monaten wegen versuchten bandenmässigen Raubes. Dieser fungierte damals als Auftraggeber und Fahrer.

Die drei Richter sehen es als erwiesen an, dass der 45-Jährige und der 43-Jährige im März des Jahres 2010 Ivo Borer in dessen Haus in der Aussicht auf eine grosse Beute überfielen. Die zwei Männer schlugen acht Mal mit Gegenständen auf den 70-Jährigen ein, sodass dieser einige Monate später in einem Spital an den Folgen der Verletzungen starb. Statt einer grossen Geldsumme und Juwelen erbeuteten sie im Solothurner Leimental lediglich einen Haus- und einen Autoschlüssel.

Die 18,5 sowie 19 Jahre und zwei Monate Haft enthalten zudem Verurteilungen für weitere Taten: Die beiden Hauptangeklagten wurden wegen bandenmässigen Raubes in einem Schmuckgeschäft in Wettingen im Jahr 2010 verurteilt. Diese Tat hatten die beiden gemeinsam begangen. Beim Holländer kommt eine Verurteilung wegen gewerbsmässigen Diebstahls in einer Bijouterie in Spreitenbach im Jahr 2010 hinzu. Der Witwe von Ivo Borer müssen die beiden wegen Mordes verurteilten Männer eine Genugtuung von 35'000 Franken bezahlen.

Ein Kronzeuge, DNA-Spuren und die Aussagen der Angeklagten

Oberrichter Hans-Peter Marti begründet das Urteil:

«Wir sind überzeugt davon, dass die richtigen Täter ermittelt und angeklagt wurden.»

Alle drei Männer hatten die Taten immer abgestritten.

Der Schuldspruch fusse auf drei Säulen, sagt Marti: DNA-Spuren am Tatort in Metzerlen, die Aussagen eines Kronzeugen sowie die Vernehmungen der Beschuldigten. Letztere hätten nichts Entlastendes, jedoch viel Belastendes zu Tage gefördert.

Im Einfamilienhaus in Metzerlen waren DNA-Spuren des 45-jährigen Serben auf Kabelbindern und einem Schal festgestellt worden. Zwar sei es tatsächlich so, wie im Prozess moniert wurde: der Schal ist an verschiedenen Orten im Haus fotografiert worden. «Doch das tut nichts zur Sache. Die Spuren sind auf dem Schal», sagt Oberrichter Hans-Peter Marti. Daniel Helfenfinger, Anwalt des Serben, hätte während den Verhandlungen erklärt, der Schal sei seinem Mandanten beim Besuch eines Nachtclubs wenige Tage vor der Tat gestohlen worden. Dazu sagt Marti:

«Die Freundin des Angeklagten gab zu Protokoll, die gesamte Zeit mit ihm verbracht zu haben. Einen Nachtclub hätten sie nie besucht. Der Diebstahl eines Schals sage ihr nichts.»

Die Aussagen eines Kronzeugen, der beide Männer als Täter identifizierte, enthielten viel Täterwissen und seien sehr glaubwürdig. Beim Kronzeugen, der selber in der Vergangenheit mehrfach straffällig geworden ist, handle es sich um einen Freund des Auftraggebers im Fall Metzerlen. Marti beschreibt den Mann, der sich in einem Zeugenschutzprogramm befindet, wie folgt: «Er ist ein Insider im Bereich der serbischen Kriminalität und war früher ein Mitglied der Pink Panthers.» Den Verurteilten wird nachgesagt, dieser international tätigen Juwelendiebesbande anzugehören. Auch deshalb waren die Sicherheitsvorkehrungen während des Prozesses gross und die Verhandlungen wurden an einem geheimen Ort durchgeführt.

Der Holländer wiederum versuchte, sich mit einem professionell gefälschten Bericht eines Aufenthalts in einem serbischen Spital ein Alibi für den Tattag zu verschaffen. Unstimmigkeiten habe es auch bei anderen Dokumenten gegeben, sagt Hans-Peter Marti. Ebenso seien Aussagen des Holländers oft widersprüchlich gewesen.

Eine «skrupellose und heimtückische» Tat

Der Tatbestand des Mordes sei im Fall Metzerlen gegeben: «Die beiden Männer sind skrupellos und heimtückisch vorgegangen. Sie legten eine grosse Gefühlskälte an den Tag.» Sie hätten Ivo Borer während Stunden schwer verletzt seinem Schicksal überlassen. Der Überfall fand am Vormittag eines Tages statt, an dem seine Frau in einem Restaurant arbeitete. Hilfe erhielt der Gemeindepräsidenten erst am Abend, als die Frau nach Hause kam.

Einige Monate nach der Tat starb Ivo Borer im Bruderholzspital an einer Lungenentzündung. «Dabei handelt es sich um eine typische Komplikation aufgrund der schweren Hirnschädigung», sagt Marti. Er wird noch deutlicher: «Die ihm zugefügten Verletzungen führten letztlich zum Tod.» Beide Anwälte hatten vorgebracht, ein Abbruch der Behandlung mit Antibiotika hätte den Tod zur Folge gehabt.

Nach einem ersten erfolglosen Weiterzug vom Richteramt Dorneck-Thierstein ans Solothurner Richteramt können die Anwälte der Verurteilten das Urteil erneut weiterziehen. Kurz nach der Urteilsverkündung stellt Thomas Fingerhuth, der den Holländer verteidigt, auf Anfrage klar:

«Wir werden das Urteil auf jeden Fall weiterziehen.»

Es sieht ganz so aus, als ob sich dereinst auch Richterinnen und Richter des Bundesgerichtes mit dem Mordfall Metzerlen beschäftigen werden müssen.

Donnerstag, 22. September 2022, Nachmittag:
Die Angeklagten haben das letzte Wort - und schweigen

Daniel Helfenfinger, Anwalt des Serben, fährt nach der Mittagspause mit seinem Plädoyer fort. Auch er bezeichnet den Kronzeugen als unglaubwürdig. Dieser habe sich immer wieder in Widersprüche verstrickt. Seine selektiven Erinnerungslücken seien der Vorinstanz nicht aufgefallen. Beim Kronzeugen handle es sich um kein unbeschriebenes Blatt:

«Er verfügt über kriminelle Energie sowie über Know-how und Wissen.»

Der Anwalt zitiert frühere Aussagen des Auftraggebers der beiden Männer, der sich darüber ärgerte, dass die Gewalt im Einfamilienhaus in Metzerlen eskaliert ist. Der Drahtzieher war wütend über das Ableben von Ivo Borer, «da die Täter zu fest prügelten», wie er einst erklärte. Helfenfinger findet: «Diese Worte verdeutlichen, dass nicht geplant war, einen Mord zu verüben.» Der Auftraggeber befindet sich derzeit in Serbien und wird nicht vor Ort befragt. Das Verfahren schliesst jedoch auch ihn mit ein.

Bei anderen Taten, wie etwa bei einem Raubüberfall auf ein Uhrengeschäft in Wettingen, sei keine Gewalt angewendet worden, sagt der Verteidiger. In der Anklageschrift heisst es jedoch zum Fall Metzerlen:

«Die nahe Möglichkeit des Todes infolge der vorstehend beschriebenen Gewalteinwirkung gegen den Kopf des Geschädigten war den Beschuldigten bewusst. Trotzdem taten sie es, nicht, weil sie darauf vertrauten, der Tod werde nicht eintreten, sondern weil sie ihn billigten oder den Geschädigten gar töten wollten.»

Abgesehen vom Schal, über dessen Fundort der Verteidiger bereits am Vormittag gesprochen hatte, habe man nirgends im Haus in Metzerlen DNA-Spuren des Serben gefunden. Der Verteidiger wiederholt, was er bereits während der Erstverhandlung gesagt hatte: Der Schal sei dem Serben zusammen mit seinem Pass bei einem Nachtclubbesuch gestohlen worden.

Borer sei im Spital gestorben, da er nicht mehr behandelt wurde

Ebenso bestünden Zweifel daran, dass beide Täter wechselseitig auf Ivo Borer eingeschlagen hätten, wie es im Urteil des Richteramts Dorneck-Thierstein heisst. «Wäre es so abgelaufen, wie von der Staatsanwaltschaft behauptet, hätte im Obergeschoss des Hauses viel mehr Blut sein müssen.»

Wie auch schon Thomas Fingerhuth, Anwalt des Holländers, weist Helfenfinger auf die Lungenentzündung hin, der Ivo Borer im Spital vor Monate nach dem Überfall erlag. «Er hätte daran nicht sterben müssen, wenn sie behandelt worden wäre.» Bei den ersten beiden Lungenentzündungen, die das Opfer im Spital erlitt, wurde Antibiotika eingesetzt. Bei der dritten nicht mehr. Das Opfer sei aufgrund einer «unsachgemässen Behandlung» gestorben.

Ein Kausalzusammenhang zwischen den Verletzungen und dem Tod sei ebenfalls nicht gegeben. Aus all den am Morgen und am Vormittag aufgeführten Gründen fordert Daniel Helfenfinger für den Serben einen Freispruch. Nach rund drei Stunden beendet er sein Plädoyer.

Das letzte Wort gehört den beiden Angeklagten. In gebrochenem Deutsch erklären beide, nichts sagen zu wollen. Damit ist die Parteiverhandlung vorbei. In einer Woche, am 29. September, verkünden die Richter das Urteil.

Donnerstag, 22. September 2022, Morgen:
Die Plädoyers der Anwälte

Am zweiten Prozesstag hält Thomas Fingerhuth zu Beginn sein Plädoyer. Der Zürcher Anwalt vertritt im Verfahren den 43-jährigen Holländer. In der Vergangenheit ist Fingerhuth immer wieder als Verteidiger bei spektakulären Fällen in Erscheinung vertreten. So vertrat er unter anderem die Rapperin Loredana vor Gericht.

Fingerhuth geht zuerst auf einige seiner Meinung nach verfahrenstechnischen Unstimmigkeiten ein. Danach kommt er zur Täterschaft des Holländers:

«An den Kabelbindern in Metzerlen wurden zwar DNA-Spuren des Serben und von Ivo Borer gefunden, nicht jedoch von meinem Mandanten.»

Es gäbe keinerlei Beweise für eine Teilnahme des Holländers an der Tat.

Auch sei nicht bewiesen, dass Borer am 14. März 2010 tatsächlich mit Kabelbindern gefesselt wurde. Als er gegen den Abend von seiner Frau aufgefunden wurde, sei er nicht gefesselt gewesen. Der Erstinstanz geht in ihrem Urteil jedoch davon aus, der Metzerler Gemeindepräsidenten sei mit Kabelbindern gefesselt worden.

Viel Zeit verwendet der Anwalt dafür, aufzuzeigen, dass die Verletzungen, die dem Opfer zugefügt wurden, nicht zu seinem Tod führten.

«Nicht die Schädelverletzungen waren kausal für seinen Tod, sondern der Abbruch der Behandlung.»

Als Ivo Borer im Juli des Jahres 2010 starb, litt er bereits an einer dritten Lungenentzündung. Anders als bei den ersten beiden Lungenentzündungen wurde damals entschieden, ihn nicht mehr mit Antibiotika zu behandeln. «Weder der Serbe noch der Holländer können für den Tod von Ivo Borer verantwortlich gemacht werden.» Er fordert deshalb für seinen Mandanten einen Freispruch.

Er spricht über den Kronzeugen, welcher sich in einem Zeugenschutzprogramm befindet. Es existierten keinerlei Dokumente, mit denen man die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen überprüfen könne. Diese seien aufgrund des Zeugenschutzprogramms unter Verschluss. Er wendet sich an die Richter: «Ich konnte die Dokumente nie anschauen. Auch Sie können sie nicht einsehen.»

Beim Kronzeugen handle es sich gemäss eines früheren Urteils um einen mehrfach vorbestraften Kriminellen. Bei Fall Metzerlen habe dieser von einer Drittperson erfahren, dass die beiden Beschuldigten den Überfall durchgeführt hätten. Beim Holländer habe er zudem lediglich den Vornamen genannt. Er stellt die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen stark in Frage und stellt die Vermutung an, dieser habe lediglich mit den Behörden zusammengearbeitet, um Vorteile zu erlangen.

Anwalt des Serben kritisiert die Arbeit der Staatsanwaltschaft

«Mein Mandant hat nichts mit dem ihm vorgeworfenen Straftaten zu tun», eröffnet Daniel Helfenfinger sein Plädoyer. Der Schwarzbube mit Kanzlei in Zwingen verteidigt den 45-jährigen Serben.

Helfenfinger übt Kritik an der Solothurner Staatsanwaltschaft:

«Bis zum Jahr 2017 wurde meinem Mandanten kein Verteidiger gestellt.»

Der Serbe befand sich ab 2011 in Frankreich in Haft. In der Schweiz war damals ein Verfahren gegen ihn eröffnet worden. Ohne einen notwendigen Anwalt seien die Voraussetzungen für ein faires Verfahren nicht erfüllt gewesen. Der heutige Verteidiger des Serben spricht sogar von «Rechtsmissbrauch».

Zudem habe die Staatsanwaltschaft mit der Befragung seines Mandanten sieben Jahre zugewartet. «Die vielen Verfahrensunterbrüche sind stossend.» Spätestens ab Ende 2011 sei das Verfahren nicht mehr vorangetrieben worden. Der Anwalt betont, dass der Solothurner Staatsanwalt Raphael Stüdi davon gesprochen habe, Gutachten seien mit der Polizei «abgesprochen worden». Auch sei dem Serben das rechtliche Gehör nicht gewährt worden.

Verteidiger Daniel Helfenfinger widmet sich dem Schal mit den DNA-Spuren des Serben, der am Tatort in Metzerlen gefunden wurde. «Es existieren Fotos von drei verschiedenen Standorten des Schals im Haus. Das kann doch nicht sein.» Die Staatsanwaltschaft widerspreche dem kriminaltechnischen Dienst diametral. Der Anwalt stellt die Frage, ob der Schal möglicherweise drapiert worden sei.

Mit diesen Ausführungen beendet er den ersten Teil des Plädoyers. Am Nachmittag geht es weiter.

Mittwoch, 21. September 2022, Nachmittag:
Der Staatsanwalt hält sein Plädoyer

Der Prozess beginnt nach der Mittagspause mit einer Stellungnahme des zuständigen Solothurner Staatsanwalts Raphael Stüdi zu den Beweisanträgen der beiden Anwälte. Er fordert, sämtliche Beweisanträge abzulehnen. Es handle sich um dieselben Anträge, die bereits im erstinstanzlichen Verfahren gestellt wurden. Da die Anträge schon bekannt gewesen seien, hätten die Anwälte sie dem Gericht schon vor der heutigen Verhandlung bekannt geben sollen. Er vermutet, dies sei nicht getan worden, damit der Prozess verschoben werden müsse.

Nach einem weiteren längeren Unterbruch erklärt das Gericht, sämtliche Beweisanträge abzulehnen. Man erhoffe sich nichts durch weitere Abklärungen und habe auch nicht vor, das Verfahren für längere Zeit zu unterbrechen. Die Beweisaufnahme ist damit abgeschlossen. Die beiden Angeklagten haben bereits am Vormittag durch ihre Anwälte erklärt, keinerlei Aussagen zu machen.

Staatsanwalt stützt sich auf DNA-Spuren in Metzerlen

Als nächstes hält Staatsanwalt Raphael Stüdi sein Plädoyer. Er beginnt seine Ausführungen mit:

«Ich bin überzeugt davon, dass das Urteil der Erstinstanz kein Fehlurteil war.»

Bei einem Kabelbinder sowie einem Schal, die am Tatort in Metzerlen gefunden wurden, seien DNA-Spuren des Serben festgestellt worden. Er stützt sich dabei auf Untersuchungen des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Basel. Die Verteidigung behaupte, der Schal sei von der Staatsanwaltschaft drapiert worden. «Das ist absurd.» Der Serbe sei zur Zeit der Tat nicht wie angegeben in Holland, sondern in der Schweiz gewesen.

Der Staatsanwalt bezeichnet den Serben als Pink Panther, der schon vor dem Überfall straffällig geworden ist. Im Fall Metzerlen habe der Auftraggeber der späteren Mörder von Ivo Borer durch eine mittlerweile verstorbene Frau aus Ex-Jugoslawien, die sich im Umfeld des Gemeindepräsidenten bewegte, einen Tipp erhalten. Der Auftraggeber habe zudem nach der Tat die beiden Männer nach Frankreich gefahren.

Bei der Täterschaft des Holländers sei er ebenfalls sicher, auf dem richtigen Weg zu sein, sagt Staatsanwalt Raphael Stüdi. «Der Holländer kannte den Serben gut, er vertraute ihm und er war zum Zeitpunkt der Tat in der Schweiz.» Ein Urteil aus Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2005, als der Holländer für einen Überfall auf ein Juweliergeschäft verurteilt wurde, zeige auf, dass er in der Vergangenheit ähnliche Taten begangen habe.

Kurze Zeit, nachdem der Holländer im Jahr 2018 in Holland verhaftet wurde, legte er ein Arztzeugnis für den Tag der Tat vor. Nachfragen beim Spital in Serbien, wo er sich damals befunden haben soll, hätten jedoch ergeben, dass er nicht dort war. «Sein Arztzeugnis ist eine Totalfälschung.» Auch bezieht sich der Staatsanwalt beim Holländer, wie auch schon beim Serben, auf Aussagen eines Kronzeugen, der die beiden Männer als Täter im Fall Metzerlen identifizierte.

Einer hielt Ivo Borer fest, der andere suchte nach Wertgegenständen

Nun kommt Staatsanwalt Stüdi auf die Tat in Metzerlen zu sprechen. Im erstinstanzlichen Urteil des Richteramts Dorneck-Thierstein heisst es, die beiden Männer hätten wechselseitig mit zwei Schlaginstrumenten auf Ivo Borer eingeschlagen. Auch das Institut für Rechtsmedizin der Universität Basel kam zum Schluss, dass zwei Schlaginstrumente verwendet wurden. In der Anklageschrift heisst es dazu:

«Sie fesselten den Geschädigten mit Kabelbindern und schlugen ihm mit einem kantig stumpfen beziehungsweise scharfkantigen Gegenstand mindestens acht Mal wuchtig auf den Kopf und mindestens zwei Mal entweder mit der Faust oder mit den vorhin beschriebenen Gegenständen gegen das Gesicht und den Oberkörper.»

Wer wie häufig auf Borer eingeschlagen habe, sei unklar, so Stüdi. Aber es sei unrealistisch, dass bei zwei Gegenständen nicht auch beide Männer zugeschlagen hätten. Später sei einer der beiden beim Verletzten im Erdgeschoss geblieben, während der andere im Obergeschoss nach Wertgegenständen suchte.

Raphael Stüdi fordert für den Serben wegen Mordes und bandenmässigen Raubes eine Freiheitsstrafe von 19 Jahren und für den Holländer wegen Mordes und versuchten bandenmässigen Raubes eine Freiheitsstrafe von 19 Jahren und acht Monaten. Damit endet der erste Prozesstag. Morgen Donnerstag halten die Anwälte der Beschuldigten ihre Plädoyers.

Mittwoch, 21. September 2022, Morgen:
Die Beweisanträge der Anwälte

Zu Beginn der Neuauflage des Prozesses stellt Daniel Helfenfinger, Anwalt des Serben, zahlreiche Beweisanträge. Unter anderem fordert er, einige Beweismittel zu streichen und die Hintergründe von DNA-Analysen besser zu durchleuchten. Helfenfinger sagte schon früher:

«Dass mein Mandant vor Ort war, ist nicht erwiesen. Und selbst wenn er in Metzerlen gewesen sein sollte, ist nicht erwiesen, dass er mit seinem Verhalten den Tod von Ivo Borer ausgelöst hat.»

Für ihn handelte es sich beim Prozess am Richteramt Dorneck-Thierstein um einen Indizienprozess, da keinerlei Beweise vorlägen.

Anwalt Thomas Fingerhuth, der den Holländer vertritt, stellt ebenfalls Beweisanträge. Er verlangt sogar, das Verfahren an die erste Instanz zur Neubeurteilung zurückzugeben. Sein Mandant sei während der Verhandlungen am Richteramt Dorneck-Thierstein physisch und psychisch nicht in der Lage gewesen, sich angemessen zu verteidigen. Schon damals kritisierte Fingerhuth in heftiger Weise die Haftbedingungen des Holländers und verliess den Gerichtssaal. Die ersten Verhandlungen im Dezember 2020 mussten deshalb abgebrochen und konnten erst rund ein halbes Jahr später wieder aufgenommen werden.

Um über die vielen Beweisanträge der Anwälte zu befinden, benötigt das Gericht Zeit, weshalb es die Verhandlung für den heutigen Vormittag beendet. Zwischen dem zuständigen Staatsanwalt Raphael Stüdi und Daniel Helfenfinger kommt es dabei zu einem kleinen Geplänkel: Helfenfinger moniert, dass nun viel Zeit verloren gehe, woraufhin Stüdi entgegnet, dass dies nicht der Fall wäre, hätte Helfenfinger seine Anträge schon früher gestellt.

Am Nachmittag um 13.30 Uhr geht es weiter. Bereits jetzt ist klar, dass die beiden Angeklagten keine Aussagen machen werden, wie ihre Anwälte erklären.