Gesang
Jugendchorfestival: Wenn schon ohne Zuschauer, dann eben kreativ

Alle zwei Jahre über Auffahrt ist Basel fest in der Hand junger Chöre. Doch diesmal ist fast alles anders.

Reinmar Wagner
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Der Drakensberg Boys Choir am europäischen Jugendchorfestival im Jahr 2000.

Der Drakensberg Boys Choir am europäischen Jugendchorfestival im Jahr 2000.

Zvg

Wenn die Schweden mit einem originellen Abba-Medley begeistern oder die Basler mit Züri West, wenn die Spanier nicht bloss Flamenco mitbringen oder die Slowenen ein vokales Musiktheater aufführen, in dem sie eine Touristengruppe in einen Wald voll Affen und exotischer Vögel entführen – dann ist Europäisches Jugendchorfestival in Basel.

Aber so wird es nicht sein dieses Jahr: Keine langen Schlangen vor den Konzertorten, keine vollen Kirchen wie sonst nur an Weihnachten. Und vor alem: keine Chöre aus dem Ausland. Ja, es ist sogar noch ein bisschen schlimmer, als man denkt, wenn man die 50/100-Besucher-Regel, die seit dem 19. April gilt, im Hinterkopf hat.

Gesang ist immer noch nicht erlaubt

Denn ausgerechnet für Chöre gilt diese Regel nicht, wie Kathrin Renggli, die Leiterin des Jugendchorfestivals, betont: «Chören sind Auftritte nach wie vor verboten. Wir dürfen zwar 50 Leute in einen Saal einladen, aber dort nur Streams zeigen. Wir dürfen Ausstellungen und Workshops anbieten, wir dürfen Einblicke hinter die Kulissen zulassen, wir dürfen Geschichten erzählen. Aber direkte Auftritte unserer Chöre vor Publikum, das dürfen wir, Stand jetzt, nicht veranstalten.»

So viele Leute wie am Jugendchorfestival 2016 werden sich in diesem Jahr nicht versammeln dürfen.

So viele Leute wie am Jugendchorfestival 2016 werden sich in diesem Jahr nicht versammeln dürfen.

Martin Toengi

Ein paar Ideen hat die Festivalleitung dennoch, wie sie Begegnungen der jungen Chorsänger mit ihrem Publikum im Rahmen des Erlaubten ermöglichen könnte:

«Die Chöre würden zum Beispiel in Weidlingen singend den Rhein hinunterfahren, und am Ufer darf man sitzen und zuhören.»

Ausländische Chöre mussten ausgeladen werden

Im Zentrum steht in diesem Jahr ganz klar die Begegnung der jugendlichen Chorsänger untereinander. Denn diese sind sich jetzt seit mehr als einem Jahr nicht mehr direkt begegnet, wie Oliver Rudin, der Leiter der Knabenkantorei Basel, betont: «Es ist für die Jungs sehr wichtig, dass sie wieder live und nicht nur über den Computer zusammen singen können. Wir haben die digitalen Möglichkeiten natürlich genutzt. Aber dennoch merke ich, dass es uns allen sehr viel gegeben hat, als wir im März wieder miteinander singen durften: Das war für alle ein Hühnerhaut-Effekt!»

Lange sah es so aus, als könnten einige wenige ausländischen Chöre nach Basel reisen können, schliesslich mussten sie aber alle ausgeladen werden. Das Basler Jugendchorfestival ist 2021 also mehr als sonst ein Festival für die einheimischen jungen Sängerinnen und Sänger, was Oliver Rudin durchaus wertvoll findet: «Man darf gar nicht daran denken, was alles ausgefallen ist. Wir wären zum Beispiel jetzt gerade auf einer Konzertreise in Georgien.»

Jugendlicher Konkurrenztrieb

Nicht nur die Auftritte fehlen, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl, die Begegnung mit fremden Kulturen. «Normalerweise singen wir zwei- bis dreimal in der Woche, und normalerweise hat man ein Ziel, und das ist die Bühne. Egal, ob vor 1'000 Zuhörern, nur in einem Stream oder vor den Augen und Ohren der anderen Chöre: Man will zeigen, was man kann. Wir suchen eigentlich das Kompetitive nicht. Aber mit Jugendlichen entsteht es automatisch, und das ist ja auch kein so schlechter Antrieb.»

Europäisches Jugendchorfestival Basel, 12. bis 15. Mai 2021, www.ejcf.ch