Dominik Alder
Geschichte der Schauenburger Chirsi: Der «Schuldige» bekennt sich

Ein ehemaliger Diplomat erzählt, wie das Pfarrer-Paar Alder von der Herkunft der Schauenburger Kirsche erfuhr.

Claudia Maag
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Die begehrten festfleischigen Baselbieter Schauenburger Kirschen. ZVG

Die begehrten festfleischigen Baselbieter Schauenburger Kirschen. ZVG

«Ich war der ‹Schuldige› und Auslöser dieser Geschichte», sagt Dominik Alder. Nachdem die Schauenburger Kirsche zur Schweizer Obstsorte des Jahres 2016 gekürt wurde (bz berichtete), meldete er sich bei der bz. In den Siebzigerjahren reiste das Pfarrer-Paar Alder aus Ziefen in den Libanon. Dort wurde ihnen eine Schale mit dunkelbraunen Kirschen vorgesetzt, die sie sofort als «Schauenburger» identifizierten. Benannt ist die Frucht nach dem Standort des «Mutterbaumes», Bad Schauenburg nahe Liestal. Anfänglich hatte man die Sorte «Flurianer» genannt, nach ihrem Entdecker Emil Flury. Lange war nicht bekannt, woher die Schauenburger stammen – Vermutungen deuteten in Richtung Frankreich.

Dominik Alder hat seine Berufswahl «nie bereut». ZVG

Dominik Alder hat seine Berufswahl «nie bereut». ZVG

Jetzt ist klar, wer dem Ehepaar Alder diese Frucht serviert hatte: ihr Sohn Dominik Alder. Er war damals angehender Diplomat bei der Schweizer Botschaft in Beirut, als die Eltern ihren jüngsten Sohn Ende Juni 1974 besuchten.

«Sie erholten sich kaum»

Es sei gerade Kirschenzeit gewesen, erinnert sich Alder. Während die Tafelkirsche hierzulande als Spätobst erst gegen August reif ist, ist sie es im Libanon bereits im Juni. Der 69-Jährige erzählt, wie seine Eltern bei ihm Kirschen sahen und deren Sorte sofort erkannten. Wie Pfarrer Philipp Alder später, 1986, in einer Schrift der Zentralstelle für Obst- und Weinbau Baselland schreiben sollte, ist der Fund hauptsächlich seiner Frau Johanna zu verdanken. Kurz zuvor hatte sie noch ihren zurückgelassenen Schauenburgern im heimischen Rebberg nachgetrauert. Bei ihrer Ankunft fanden sie den Abendtisch gedeckt und die Kirschen lagen auf einer blauen Schale. Sie habe zugegriffen, geprüft, gekostet und sagte: «Das sind ja Flurianer!» Die Szene amüsiert den ehemaligen Botschafter noch immer: «Meine Eltern erholten sich kaum.»

Bei ihm lagen libanesische Schauenburger auf dem Tisch

Der pensionierte Diplomat kam 1946 in Ziefen zur Welt und wuchs dort auf. Schon früh im Rechtsstudium interessierte er sich für den Diplomatenberuf. «Ich wollte immer etwas auf dem Gebiet des internationalen Rechts machen», erinnert er sich. Sein Lizenziat in Rechtswissenschaft machte er an der Universität Basel. Danach ging er ein Jahr nach Brügge in Belgien, um sich am Collège d’Europe in Europarecht zu spezialisieren. «Ich dachte damals, die Schweiz werde eines Tages Mitglied der EG, der Vorläuferin der heutigen EU», sagt er und lacht. Alder absolvierte die Eintrittsprüfung zum diplomatischen Dienst des EDA und «habe sie bestanden», scherzt er. Im diplomatischen Dienst war der heute 69-Jährige von 1973 bis 2011 auf sieben Auslandposten im Einsatz. Als Schweizerischer Botschafter vertrat er die Schweiz ab 1998 in Guatemala, Tunesien, Saudi-Arabien und den Niederlanden. Er habe diese Berufswahl «nie bereut». Man müsse sich einfach damit abfinden, wie ein Nomade immer unterwegs zu sein. Alder ist mit Ayşen Alder-Berkem, einer ehemaligen türkischen Diplomatin, verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und wohnt in Thônex bei Genf.

Obwohl er die Frucht gut kennt, «wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass die Baselbieter Kirschensorte aus dem Libanon stammen könnte.» Sie sei dort – klimatisch bedingt – auch etwas grösser. Alder meint rückblickend: «Dass meine Eltern mich dort besuchten und gerade Kirschenzeit war, war einer dieser lustigen Zufälle.» Er vermute, man hätte sonst nicht gemerkt, wo die Schauenburger herkamen.

Die Wiederfindung hing noch von einem weiteren Zufall ab: Beinahe wäre Alder gar nicht nach Beirut gegangen. Schon damals war es für Diplomaten-Anwärter beim Eidgenössischen Politischen Departement (EPD), dem heutigen EDA, obligatorisch, einen zweijährigen Ausbildungs-Stage zu absolvieren. Je ein halbes Jahr in Bern und Genf. Das zweite Jahr verbrachte man als Stagiaire in einer Botschaft.

Beirut statt Teheran

Eigentlich war der Ziefner für einen Einsatz in Teheran vorgesehen, doch der dortige Botschafter sagte einen Monat zuvor ab. Alder konnte als Ersatz zwischen Mexiko und Beirut wählen und entschied sich für Letzteres, da er im Kopf bereits auf den Orient fixiert gewesen sei. Der Pensionär lehnt sich zurück und erzählt: «So habe ich Beirut noch im letzten Jahr vor dem Bürgerkrieg erleben dürfen» und meint den Libanesischen Bürgerkrieg, welcher im April 1975 begann und 15 Jahre dauern sollte.

Zurück in der Schweiz, liess die Tafelkirsche den Pfarrer nicht los und er ging der Sache nach. In der Nachkriegszeit bis in die frühen Achtzigerjahre kam man im Baselbiet an der Schauenburger nicht vorbei. Sie galt als Inbegriff einer spätreifenden, festfleischigen und sehr aromatischen Tafelkirsche.

Und was war mit Emil Flury?

Emil Flurys Töchter lebten im Tessin. Die Alders kannten sie, da sie dort ein Ferienhäuschen besassen. Der Pfarrer fragte nach und ihm wurde bestätigt: «Schauenburger und Flurianer sind ein und dasselbe.»

Weiter erfuhr er, dass der 1940 verstorbene Hotelier um 1900 weite Reisen unternommen hatte und dabei auch den Nahen Osten und den Libanon besuchte. Offenbar brachte er aus dem Libanon mehrere Kirschen-Edelreise ins Baselbiet. «Das gab Flury aber nie zu», sagt Dominik Alder. Warum sei ihm ein Rätsel. «Ich bin sicher, seine Töchter wussten es», meint er augenzwinkernd.

Chirsimarkt mit Kirschsteinspucken am Samstag findet von 8 bis 14 Uhr auf dem Matthäuskirchplatz in Kleinbasel der Chirsimarkt statt. Geboten wird allerlei aus und mit Kirschen aus lokaler Produktion. Das Highlight sind die REH4-Meisterschaften im Kirschsteinspucken mit einer 15 Meter langen Chirsisteinspuckbahn. Siegerehrung: 13 Uhr.

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