Stiftung
Gilberte de Courgenay braucht Hilfe

Der Prattler Moritz Schmidli ruft zur Sammlung für das «Hôtel de la Gare» in Courgenay auf. Nach jahrelangem Einsatz und einer Millionen-Investition will er sein Engagement zurückfahren. Nun braucht das «Hôtel de la Gare» neue Investoren.

Bojan Stula
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Keystone

Eigentlich wollte Moritz Schmidli in seinem Geburtsort Gempen eine Stiftung für ein neues Alterszentrum errichten. Als sich dieses Vorhaben wegen zermürbender Einsprachen zerschlug, brachte ihn eine Bekannte auf eine andere Idee, Gutes zu tun: Das berühmte «Hôtel de la Gare» im jurassischen 2000-Seelen-Dorf Courgenay – die Wirkungsstätte der legendären «Gilberte de Courgenay» im 1.Weltkrieg – ging pleite und stand vor dem Aus. Käufer waren keine in Sicht. Wie wäre es also, wenn der frühere KMU-Inhaber und Erfinder eines neuartigen Transport-Verschlusssystems diesen mythischen Ort vor dem Untergang retten würde?

Mit seinen beiden Söhnen und der Stieftochter war Schmidli früher an Wochenenden oft in die Freiberge nahe Courgenay zum Zelten gefahren. Er kannte die Gegend ganz genau. Kurzentschlossen kaufte der heute 86-Jährige das Gebäude und überführte es zusammen mit seiner Frau Klärly in eine Stiftung, welche das Bahnhofbuffet als Restaurationsbetrieb und Gedenkstätte unterhalten sollte.

1,75 Millionen investiert

Das war 1998. Seither hat Moritz Schmidli rund 1,75 Millionen Franken aus seiner eigenen Tasche in die Erhaltung des «Hôtel de la Gare» gesteckt: eine halbe Million Franken für den Kauf des Gebäudes sowie eines weiteren Hotels. 250000 Franken als Starthilfe für die später in «Fondation Gilberte de Courgenay, Hôtel de la Gare» umbenannte Stiftung. Sowie im Jahr 2000 eine Million Franken als auf acht Jahre befristetes und amtlich bestätigtes Darlehen für dringend anstehende Sanierungsarbeiten am Gebäude.

Seit 2008 wartet der Prattler nun schon auf die Rückzahlung der Million. Laut Revisorenbericht schuldet ihm die Stiftung 1,039 Millionen Franken. Inzwischen hat er die Hälfte der Summe abgeschrieben und wäre mit einer Rückzahlung von 500000 Franken zufrieden. Weniger geht auf keinen Fall, denn so viel benötigt er zur Finanzierung seines Lebensabends. Ausserdem möchte er seinen drei Kindern ein anständiges Erbe hinterlassen.

Schmidli hat deshalb schon vor längerer Zeit seinen Austritt aus der Stiftung angekündigt, welcher er als Vizepräsident in Abwesenheit eines Präsidenten vorsteht. Längst sieht er seinen Beitrag zur Erhaltung der Gedenkstätte als erfüllt an. «Ich habe genug, ich bin am Ende», sagte Schmidli vergangene Woche gegenüber der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Das Problem ist: Bis heute konnte er diesen angekündigten Abschied nicht umsetzen.

Moritz Schmidli weiss: Sollte er aus der Courgenay-Stiftung austreten, bevor sich ein neuer Geldgeber findet, müsste die Stiftung wohl liquidiert werden und das «Hôtel de la Gare» zum Schleuderpreis an den Erstbesten verhökert werden. Das vermutet auch der Kanton Jura, der von Schmidlis Rückzugsplänen erfahren hat und nun Auskunft über die finanziellen Aussichten der Stiftung fordert. Vor allem geht es dem Kanton darum zu erfahren, ob die Stiftung auch ohne Schmidli ihre Bankschuld finanzieren und die Aktivitäten im legendären Bahnhofbuffet aufrechterhalten kann.

Ungebührliche Intervention

Eigentlich steht die Stiftung momentan finanziell auf soliden Füssen. An flüssigen Mitteln verfügt sie über ziemlich genau 200000 Franken. Der Buchwert der Liegenschaft lag Ende 2010 bei 1,527 Millionen Franken. «Die Bilanz der Stiftung hat noch nie so gut ausgesehen wie jetzt», sagt der vife Pensionär gegenüber der bz.

Überhaupt hält er die Intervention des Kantons Jura für ungebührlich. Bis zum 31.August wollen die jurassischen Behörden von Schmidli ultimativ Auskunft und drohen andernfalls, die Stiftung unter staatliche Aufsicht zu stellen. Käme es zum Konflikt zwischen Kanton und Stiftung, könnte Schmidli sein Geld wohl nur über den Betreibungsweg einfordern. Doch auf einen hässlichen Rechtsstreit, der seine ganze Aufbauarbeit in Courgenay während 12 Jahren gefährdet, hat der Baselbieter Mäzen keine Lust. Noch immer liegt ihm das Wohlergehen der Stiftung und die Zukunft des «Hôtel de la Gare» am Herzen.

Noch ist völlig offen, ob Schmidli auf der Suche nach einem neuen Investor fündig wird. Die Anfrage des Kantons Jura wird die Stiftung trotzdem termingemäss schriftlich beantworten, mit dem Hinweis auf eine drohende Betreibung. Wegen der ungewissen Zukunft der Gilberte-Gedenkstätte ruft Schmidli die Bevölkerung auf, sich mit einer Spende zugunsten der Fondation an der Rettung der nationalen Gedenkstätte zu beteiligen (siehe unten).

Ein erster Spendenaufruf im Februar in einem Inserat in der Wirtschaftszeitschrift «Bilanz» brachte nur gerade kümmerliche 200 Franken ein. Die darin angesprochenen Schweizer Superreichen zeigten Gilberte die kalte Schulter.

Zwei Reisecars pro Woche

Dass der Erhalt des «Hôtel de la Gare» in Courgenay von nationalem Interesse ist, steht ausser Frage. «Dieser Erinnerungsort sollte möglichst unverändert erhalten bleiben, wer immer auch der Besitzer ist», findet der Basler Historiker Georg Kreis. «Er ist ein Teil fassbarer nationaler Geschichte, ermöglicht unserem Land historische Tiefe und verbindliche Identität.»

Bei der Bevölkerung erfreut sich das für 1,975 Millionen Franken renovierte und 2001 wieder eröffnete Hotel-Restaurant ungebrochener Beliebtheit: Etwa zwei Reisecars mit Besuchern kommen jede Woche, um das Gasthaus der legendären «Gilberte de Courgenay» zu besichtigen. Das soll auch in Zukunft so bleiben, findet der Baselbieter Moritz Schmidli.

Fondation Gilberte de Courgenay, Hôtel de la Gare, Courgenay, Spendenkonto: CS Zürich, CH 04 0483 5151 2035 3100-1.