Baselland
Gleichstellungsfachfrau verteidigt MAG-Leitfaden des Kantons – doch «typisch weiblich» geht nicht

Die Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung verteidigt den umstrittenen neuen MAG-Leitfaden des Kantons. Ein wichtiges Detail kritisiert aber auch sie.

Hans-Martin Jermann
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Neuer Leitfaden für Mitarbeitergespräche im Baselbiet
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«Beispiele automatischer Zuschreibungen müssen vorsichtig gewählt werden.» Jana Wachtl Leiterin der kantonalen Fachstelle Gleichstellung

Neuer Leitfaden für Mitarbeitergespräche im Baselbiet

Martin Toengi

Der neue Leitfaden des Kantons zur Durchführung der Mitarbeitendengespräche (MAG) hat eine Kontroverse ausgelöst: Für Gesprächsstoff im 44-seitigen Dokument (!), das für alle Vorgesetzten und Mitarbeitenden des Kantons ausser den Lehrern gilt, sorgt vor allem der Anhang.

Darin wird vor «Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehlern» und vor «geschlechterspezifischen Stereotypen» gewarnt. Unter «typisch weiblich» werden unter anderem folgende Verhaltensmuster aufgezählt: «Ausgeprägte und natürliche Sozialkompetenz», «zurückhaltend», «verantwortungsscheu» oder «passives Abwarten». Damit würden althergebrachte Rollenbilder von Männern und Frauen fortgeschrieben, findet ein langjähriger leitender Kantonsangestellter.

Fachstelle nicht einbezogen

Doch nun erhält das zuständige Personalamt Unterstützung: Aus der Gleichstellungs-Perspektive sei es korrekt, mögliche Stereotype oder Rollenerwartungen zu thematisieren und kritisch zu hinterfragen, findet Jana Wachtl, Leiterin der Baselbieter Fachstelle Gleichstellung für Frauen und Männer. Stereotype, also Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die einer Person nur aufgrund des Geschlechts zugeschrieben werden, blieben im Berufsleben heute oft unbewusst.

«Deren Wirkung wird unterschätzt». Bestünden unbewusst unterschiedliche Erwartungen an Frauen und Männer, könne dies die Beurteilung der Leistung beeinflussen. Um dem entgegenzuwirken, müssen laut Wachtl diese Stereotype angesprochen werden. Ebenfalls sei es sinnvoll, wie im MAG-Leitfaden des Kantons, konkrete Beispiele automatischer Zuschreibungen zu nennen. «Diese müssen aber sehr vorsichtig gewählt werden, zeitgemäss sein und in den Kontext passen», sagt Wachtl. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Klischees bloss aufgewärmt und weitertransportiert werden.

Eine Formulierung im Leitfaden hält allerdings auch Wachtl für unglücklich. Dieser müsse präzisiert werden: Es sollte nicht heissen «typisch weiblich» respektive «typisch männlich» – das könnte womöglich missverstanden werden. Besser wäre es, es würde dort heissen: «Beispiele weiblicher Stereotype». Die kantonale Fachstelle für Gleichstellung ist bei der Verfassung des Leitfadens nicht einbezogen worden. Obwohl sie in derselben Direktion angesiedelt ist wie das Personalamt: in der Finanz- und Kirchendirektion von Anton Lauber (CVP).

«Vielerorts noch immer bitter nötig»

Sukkurs erhält das Personalamt auch von einer HR-Fachfrau eines bekannten Baselbieter Unternehmens. Sie möchte anonym bleiben. Auch in ihrem Umfeld seien die Reaktionen auf die von der bz angestossene Debatte, inwiefern Geschlechterklischees bei MAG erwähnt werden sollen, gemischt gewesen. «Es ist in manchen Unternehmen auch heute noch bitter nötig, solche Stereotype anzusprechen», sagt sie.

Leuten, die unterschwellig andere diskriminieren, müsse man aufzeigen, dass er oder sie gerade jemanden diskriminiert habe, führt sie aus. Womöglich wäre es geschickt gewesen, in einem grösseren Kontext auf gelebte Werte hinzuweisen, die als Grundsatz hinter den Warnungen vor Stereotypen stehen, wie etwa: «Der Kanton als Arbeitgeber stellt sich gegen jegliche Form der Diskriminierung.»

Die Frage, ob auf Stereotype in einem MAG-Leitfaden explizit und anhand zahlreicher Beispiele aufmerksam gemacht werden müsse, sei wohl auch eine Generationenfrage. Für jüngere Mitarbeitende beider Geschlechter habe diese Frage wohl eine geringere Bedeutung. Die HR-Spezialistin hat für den Leitfaden des Kantons durchaus lobende Worte übrig: «Das ist ein spannendes Nachschlagewerk. Vielleicht kann ich für meine Arbeit sogar die eine oder andere Idee abkupfern», sagt sie.