Wenslingen
Golfplatz-Idee scheucht Naturschützer auf

Schon im Jahr 2020 könnte man in Wenslingen eine Runde Golf spielen. Geplant ist eine 18-Loch-Anlage. Doch der Widerstand ist programmiert. So befürchten Umweltschützer, dass die Golfer den scheuen Feldhasen vertreiben könnten.

Hans-Martin Jermann
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Hochebene im Tafeljura: Auf dem Wenslinger Feld (Blick Richtung Oltingen) könnte bis 2020 der grösste Golfplatz der Nordwestschweiz gebaut werden. Nicole Nars-Zimmer

Hochebene im Tafeljura: Auf dem Wenslinger Feld (Blick Richtung Oltingen) könnte bis 2020 der grösste Golfplatz der Nordwestschweiz gebaut werden. Nicole Nars-Zimmer

Nicole Nars-Zimmer

Rund 10 000 aktive Golfer gibt es in der Region Basel. Sie haben derzeit keine Möglichkeit, ihren Lieblingssport in der Nähe des Wohnorts auszuüben, zumindest nicht auf Schweizer Boden. In der Nordwestschweiz diesseits des Juras gibt es keinen einzigen Golfplatz mit der Originalgrösse von 18 Löchern. Die bestehenden Plätze in Zwingen und Rheinfelden sind «nur» 9-Loch-Anlagen.

Das alles soll sich nun ändern. Die bz weiss: In Wenslingen will der Rheinfelder Golfsport-Promotor Heinz Breitenmoser eine 18-Loch-Anlage bauen.
60 Hektaren Land werden benötigt. Kosten: 10 bis 15 Millionen Franken. Ab 2020 sollen am Rande des Oberbaselbieter Dorfs bis 600 Golfer ihrem Sport frönen. Breitenmoser sieht Wenslingen als Ersatzstandort für ein nicht realisierbares Projekt im Osten Rheinfeldens.

Landwirte in der Zwickmühle

Der Initiant und Golfplatzplaner will seine Idee nicht an die grosse Glocke hängen, offiziell existiert noch kein Projekt. Vergangenen Donnerstag hat Breitenmoser den Landeigentümern und Mitgliedern der Gemeindebehörden seine Idee ein erstes Mal präsentiert. Zwei Standorte werden diskutiert: einer nördlich des Dorfes in einer von Wald umrandeten Geländekammer; der andere südlich auf einer leicht ansteigenden Hochebene Richtung Oltingen (Foto oben). Breitenmoser will bis Anfang April mit den Landeigentümern Gespräche führen. Es wird kompliziert: Das Wenslinger Landwirtschaftsland ist in viele Kleinparzellen unterteilt. Laut Gemeindepräsident Andreas Gass sind pro Standort acht bis zehn Landwirte und bis zu 30 weitere Eigentümer betroffen. «Können in den Verhandlungen die Flächen nicht sinnvoll arrondiert werden, so ist das Projekt gestorben», sagt Gass.

Kantone sehen es unterschiedlich

Sind Golfplätze in Gebieten möglich, die im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) verzeichnet sind? Diese Frage wird von Kanton zu Kanton unterschiedlich beantwortet: So hat Zürich eine Standortausscheidung vorgenommen; in BLN-Gebieten sind Golfplätze grundsätzlich nicht möglich.

Vorab in Tourismus-Kantonen ist die Situation anders: So gibt es etwa in Realp bei Andermatt inmitten einer vom Bund geschützten Landschaft einen Golfplatz, der zudem in Naturschutzkreisen auf Akzeptanz stösst.

«BLN-Gebiete sind keine Heiligtümer», sagt der Baselbieter Kantonsplaner Martin Kolb auf Anfrage. Golfplätze seien hier grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Heikle Punkte seien die Zufahrt, Parkplätze und Bauten wie etwa das Clubhaus. Eine Beurteilung der vorliegenden Projektidee in Wenslingen könne noch nicht vorgenommen werden, stellt Kolb klar.

Die Wenslinger Bauern stehen vor einer delikaten Situation: Golfplätze werfen grosszügige Pachtzinse ab; ausserdem locken Verdienstmöglichkeiten wie das Greenkeeping. Andererseits müssten die Bauern das Land für 40 Jahre an den Betreiber abgeben; erst nach 35 Jahren könnte der Pachtvertrag neu verhandelt werden. Gass ist Landwirt und vom Projekt betroffen. Zur bz sagt er: «Heute könnte ich Ihnen nicht sagen, ob ich den Vertrag unterschreiben würde.»

Im Dorf ist der Meinungsbildungsprozess nicht weit fortgeschritten. Erste Reaktionen auf die Ausführungen Breitenmosers fielen gemischt aus. Ein Golfplatz brächte rund 20 krisenfeste Arbeitsplätze – für die 700-Einwohner-Gemeinde kein Pappenstiel. Der kantonale Richtplan gestehe Wenslingen kein zusätzliches Bauland zu, sagt Gass und fügt an: «Der Golfplatz ist eine Chance für die Zukunft. Er stellt für die Gemeinde eine von wenigen Möglichkeiten dar, sich zu entwickeln.» Allerdings befindet sich der Perimeter im BLN-Gebiet Baselbieter und Fricktaler Tafeljura, ist im kantonalen Richtplan als Vorranggebiet Landschaft und in der Gemeinde als Landschaftsschutzzone eingetragen.

Regula Waldner, Präsidentin des Natur- und Vogelschutzvereins Wenslingen, stellt die Bewilligungsfähigkeit des Golfplatzes vor diesem Hintergrund infrage. Zwar anerkennt sie, dass auf ausgeräumtem Landwirtschaftsland errichtete Golfplätze eine ökologische Aufwertung bringen könnten. Dennoch meldet sie Bedenken an: Das favorisierte Gelände beherberge etliche wertvolle Strukturen und Naturschutzobjekte, ausserdem eine Vielfalt an Kleintieren, Insekten und Vögeln auf der roten Liste. Zudem ist Wenslingen einer von wenigen Feldhasen-Hotspots im Kanton. «Ein gewalztes Golfer-Green ist wohl nicht gerade das ideale Hasen-Biotop», sagt sie. Dasselbe gelte für eine andere seltene Ackerbewohnerin, die Feldlerche. Ein Urteil masst sich die Naturschützerin noch nicht an. «Bevor der allfällige Umweltverträglichkeitsbericht vorliegt, will ich nicht sagen, das Projekt sei prinzipiell schlecht.» Im Bericht müssten aber die Auswirkungen auf Natur und Umwelt detailliert aufgezeigt werden.

Feldwege nicht frei begehbar

Ein Golfplatz führe zudem zu einer Einschränkung der Begehbarkeit, sagt Waldner. Zwar betone der Initiant, dass der Platz frei zugänglich sein werde. Dies gelte allerdings wohl nur für die offiziellen Wanderwege, nicht aber für die vielen Feldwege. Spaziergänger und Reiter auf dem Wenslinger Feld müssten sich demnach auf der Restfläche konzentrieren. «Keine schöne Aussicht für sie – und ein unerwünschter Stress für die schützenswerte Flora und Faune im frei zugänglichen Gebiet», sagt Waldner. Verträgt sich das Projekt mit den Anliegen des Naturschutzes und der Erholungsuchenden? Dies dürfte der Knackpunkt der nun folgenden Diskussionen sein. Die Kontroverse ist programmiert.