Geschlechter-Debatte
Gründungsmitglied der «Feministen» sagt: «Es ist Zeit, dass mehr progressiv eingestellte Männer aktiv werden»

Der Frenkendörfer Nils Jocher ist Gründungsmitglied der schweizweit tätigen Gruppe «Die Feministen», die sich explizit an Männer richtet. Feminismus kämpfe gegen jegliche Form von Unterdrückung und Diskriminierung, betont Jocher.

Jocelyn Daloz
Merken
Drucken
Teilen
"Das Geschlecht ist nur eine Kategorie unserer Identität": Der Frenkendörfer Feminist Nils Jocher wehrt sich gegen eine starre Mann-Frau-Definition.

"Das Geschlecht ist nur eine Kategorie unserer Identität": Der Frenkendörfer Feminist Nils Jocher wehrt sich gegen eine starre Mann-Frau-Definition.

Kenneth Nars

«Real men are feminists.» Das ist das erste, das auf der Webseite des Vereins «Die Feministen» auffällt. Der Slogan steht auf dem Plakat eines männlichen Aktivisten bei einer Demo. Das Bild fasst die Grundhaltung der Bewegung zusammen: Feminismus geht alle an. Auch Männer. Der auf nationaler Ebene tätige Verein ist entstanden, um «Männer für die Gleichstellung aller Geschlechter und Geschlechtsidentitäten zu sensibilisieren und zu mobilisieren.» Der ehemalige Präsident der Baselbieter Juso und möglicherweise künftige Vizepräsident der Baselbieter SP Nils Jocher ist Vorstandsmitglied des Vereins. Im Interview äussert er sich zur Gender-Debatte mit dem Appell, Geschlechterrollen- und Identitäten zu hinterfragen.

Nils Jocher, was ist für Sie ein Mann ?

Nils Jocher: Ich finde, jeder Mensch soll es für sich selber herausfinden. Wir orientieren uns als Verein sehr stark daran, wie diese Bilder und Charakterisierungen als Unterdrückungsmechanismen wirken. Eigentlich entsteht das Problem just dadurch, dass die Gesellschaft eine klare Vorstellung davon hat, was ein Mann ist oder sein soll – stark, muskulös, und so weiter. Ich finde es falsch und gefährlich, Leute in Vorstellungen einzuengen, nur weil im Moment vielleicht eine Mehrheit, wenn überhaupt, sich so verhält. Eigentlich wäre es schön, wenn wir es schaffen würden, ein breiteres und diverses Bild von Männlichkeit zu zeigen.

Konservative Kreise werfen dem Feminismus vor, Geschlechter abschaffen zu wollen. Ist das Ihr Ziel?

Naja – es wäre schön, wenn es nicht mehr relevant wäre. Diese Kategorien sind etwas willkürlich und zugleich individuell. Viele Leute argumentieren gegen Feministinnen genau damit: Wenn Geschlechter irrelevant sein sollen, dann spiele es gar keine Rolle, ob jetzt im Vorstand mehr Männer als Frauen sitzen oder wie viele weibliche Präsidentinnen es gibt. Aber ganz so simpel ist es eben nicht.

Man wirft euch vor, die Differenzierung zu verstärken, obwohl ihr sagt, sie abschaffen zu wollen.

Ich wünsche mir ja auch, dass es irrelevant wäre, ob sich jemand als Frau oder Mann oder gar nicht in diesem binären System definiert. Der Punkt ist, dass wir anhand dieser Kategorien sehen können, welche Menschen diskriminiert werden. In vielen Teilen der Gesellschaft gibt es noch immer eine Gleichstellungsdiskrepanz. Ausserdem können wir nicht eine Identität, die jahrhundertelang zur Ausgrenzung genutzt wurde, jetzt einfach abschaffen. Jetzt, wo sich Menschen emanzipatorisch und um gleiche Rechte zu erlangen darauf berufen.

Weshalb nennt sich Ihre Gruppe «FeministEN»?

Der Name ist ein Stück weit eine Provokation. Wir wollen damit spezifisch Männer ansprechen und jene zusammenzubringen, die feministische Politik und Themen vorantreiben wollen. Wir sind mehrheitlich Männer, haben aber eine Frauenquote im Vorstand. Uns ist sehr wichtig, eine Ergänzung zu bestehenden Gruppen zu sein. Wir haben seit unserer Gründung vor eineinhalb Jahren ziemlich Zulauf erhalten: Es ist langsam an der Zeit, dass mehr progressiv eingestellte Männer aktiv werden und eine Rolle finden in der Bewegung. Darüber hinaus wollen wir auch sensibilisieren. Es erscheint uns wichtig, dass Männer feministische Ideen auch von Männern hören. Es ist traurig, aber leider noch oft so, dass Männer eher auf Männer hören. Wir können dieses «Privileg» ausnutzen.

Hat das auch damit zu tun, dass einige Männer bei feministischen Debatten das Gefühl haben, als Feindbild dargestellt zu werden?

Gewalt von Männern an Frauen ist ein sehr grosses Problem. Alle zwei Wochen gibt es in der Schweiz einen Frauenmord. Dieses Problem muss endlich auch von Männern angegangen werden. Aber ja: Viele Männer verstehen nicht, dass es nicht darum geht, Männer per se als «böse» zu charakterisieren. Und dass es auch sie betreffen kann: Es schwingen sehr viele Themen beim Feminismus mit, die alle angehen. Feminismus kämpft im Grunde genommen gegen jegliche Form von Unterdrückung und Diskriminierungsstrukturen. Klar, primär sind es Frauen, die unter den aktuellen Gegebenheiten leiden, aber Männer leiden auch unter der Rolle, die die Gesellschaft ihnen zuteilt: Sie haben höhere Suizidraten, sterben früher, sind stärker Herzinfarkt-gefährdet. In körperlich anstrengenden Branchen arbeiten mehrheitlich Männer. Das sind Faktoren, die auch mitschwingen, wenn man vorschreibt, wie sich Frauen und Männer zu verhalten haben.

Männern wird beigebracht, dass sie nicht scheitern dürfen.

Genau, und das führt dazu, dass sie oft nicht zugeben können, wenn sie überfordert sind. Politische Parteien zum Beispiel finden mehr Männer als Frauen, die sich für eine Position bereitstellen. Zum Teil liegt das an einer massiven Selbstüberschätzung einiger Männer, die sich in selbstverständlicher Weise kompetent fühlen.

Verstehen wir Sie richtig: Im gesellschaftlichen Umgang zueinander sollen Geschlechter nicht mehr relevant sein, ohne dass freilich negiert wird, dass biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern existieren?

Es gibt biologische Unterschiede zwischen Menschen, und auf diese müssen wir unterschiedlich Rücksicht nehmen. Es gibt Menschen, die menstruieren und welche, die Kinder gebären können und jene, die es nicht können. Aber das hat noch nichts damit zu tun, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Zudem sind auch die biologischen Unterschiede komplexer als nur zwei starre Kategorien. So gibt es auch Menschen, die sich als Mann identifizieren und Kinder gebären können. Wir leben im 21. Jahrhundert, das kann man jetzt auch einfach mal akzeptieren.

Das Geschlecht ist nach wie vor die erste Kategorie, die unsere Identität beeinflusst. Die Geschlechterdebatte verunsichert viele Menschen, weil sie grundlegende Fragen zu ihrer Identität aufwirft.

Geschlecht ist nur eine Kategorie. Wir sind auch geprägt von unserer sozialen Schicht, unserer Herkunft, unserer sexuellen Orientierung. Und sobald Unterdrückungserfahrungen damit verbunden sind, nehmen wir diese selber sehr fest wahr. Aber ja, Rollenbilder geben enorm Halt, und dass man danach sucht, kann ich nachvollziehen. Die Herausforderung der Gesellschaft ist es aufzuzeigen, dass es auch andere Wege gibt, sich als Mann oder Frau zu fühlen: Du kannst männlich sein und einen Rock tragen, eine Frau sein und Töff fahren – ganz blöde Beispiele, aber ich finde schon, dass wir aufzeigen sollten, dass das, was uns ausmacht, viel mehr ist als das Geschlecht. Ich finde es schade, dass wir Leute nur auf einige Merkmale reduzieren.