Chesslete
Gugge in der stillen Nacht in Nunningen

In Nunningen eröffnet die Guggenmusik die Fasnacht – wie in Basel um 4 Uhr morgens.

Boris Burkhardt
Merken
Drucken
Teilen
Durch das dunkle Dorf marschieren die Ohregrübler. Die Fasnacht in Nunningen hat begonnen.
11 Bilder
Morgestreich Nunningen 2019
Morgestreich Nunningen 2019
Morgestreich Nunningen 2019
Morgestreich Nunningen 2019
Morgestreich Nunningen 2019
Morgestreich Nunningen 2019
Morgestreich Nunningen 2019
Morgestreich Nunningen 2019
Morgestreich Nunningen 2019
Morgestreich Nunningen 2019

Durch das dunkle Dorf marschieren die Ohregrübler. Die Fasnacht in Nunningen hat begonnen.

Boris Burkhardt

Auch langjährige Liebhaber der Guggenmusik haben noch nicht alles erlebt, bevor sie nicht am Morgenstreich in Nunningen waren. Wie imposant eine einzelne Gugge wirken kann, wenn sie um vier Uhr morgens durch ein stilles, schlafendes Dorf in der Talmulde unter dem Riedberg marschiert, in dem unten nur die Kandelaber, oben die Sterne in der Dunkelheit sichtbar sind.

Seit ihrer Gründung 1973 führt die Guggenmusik Ohregrübler die Fasnachtseröffnung am Schmutzige Dunnschtig auf dieselbe oder ähnliche Art durch: Punkt vier knallt die Rakete auf dem Dorfplatz; und die 35 Guggenmusiker, alle in weisse Nachthemden oder Bademäntel gekleidet, setzen sich, gefolgt von einigen Zuhörern, in Bewegung.

Früher war das Interesse grösser

Tambourmajor Sandra Gasser marschiert heute im zwölften Jahr voran; sie wählt jedes Jahr eine neue Route durch das 1900-Einwohner-Dorf, um möglichst viele Nunninger zu wecken. Auf der Durchgangsstrasse nach Bretzwil nehmen die Ohregrübler die ganze Strassenbreite ein – kein Auto wird sie um diese Uhrzeit stören. Aber auch hinter den Fenstern bleibt es vorerst noch still und dunkel.

Bis vor zehn Jahren habe der Morgenstreich noch wesentlich mehr Zuspruch erfahren, wird Präsident Lucien Barriopedro später sagen. Immer wieder seien damals Anwohner aus den Häusern gekommen und hätten sich dem Zug angeschlossen. Als Grund für das nachlassende Interesse vermutet Barriopedro die zunehmenden Verpflichtungen bei der Arbeit: «Die Leute nehmen sich kaum noch Urlaub für die Fasnacht.»

Über die Musslistrasse geht es am Hang entlang wieder zurück ins Dorf, via Riseten über den Schulhof. Auch hier rührt sich in der Dunkelheit noch nichts. Fasnachtsveteranin Martha Gasser kann sich noch erinnern, wie in Nunningen in ihrer Schulzeit, deutlich vor 1973, am Schmutzige Dunnschtig eine «echte» Chesslete nach Dornacher beziehungsweise Solothurner Vorbild zelebriert wurde, wunderschöner Lärm mit Zubern und Pfannen, Töpfen und allen möglichen Metallgegenständen, auf die man schlagen kann. Die Generation um Barriopedro und Sandra Gasser weiss davon nichts mehr: Der Begriff Chesslete hat sich in Nunningen aber dennoch in unklarem Verhältnis zum heute dominierenden Namen Morgenstreich nach Basler Vorbild erhalten.

Als es in strammem Marsch über Brunngasse und Grellingerstrasse weitergeht, hört man zum ersten Mal schwach und diffus zwischen den kurzen Spielpausen der Guggenmusik den Klang von Treicheln.

Bald kann man das Geräusch am Fusse des Hangs verorten; und dort sieht man in der Säspelstrasse auch sechs weissgekleidete Gestalten im Kandelaberlicht. Es handelt sich um die Gruppe um Kurt Baumgartner, die den Nunninger Guggenmusik-Morgenstreich zum ersten Mal um ihre zehn Kilo schweren Kuhglocken bereichern. Die «Bieridee» sei ihnen erst vor drei Wochen gekommen, sagt Baumgartner; die Treicheln habe er von einem Bekannten besorgt. Baumgartner war 20 Jahre Mitglied eines Treichlerclubs. Er weiss: Treicheln will gelernt sein, weshalb seine fünf Mitstreiter ihre neuen Musikinstrumente auch erst einmal an einem «Probesonntag» durch Nunningen führten.

Erste Zuschauer zeigen sich

Auf unterschiedlichen Wegen erreichen beide Gruppen gegen 4.40 Uhr eine Garage in der oberen Säspelstrasse, die aufwendig fasnächtlich geschmückt ist. Noch immer ist ausser den Narren niemand auf der Strasse zu sehen. In der Garage gibt es Glühwein, den neben Martha Gasser, Vreni Frei und Hein Hänggi ausschenken. Sie waren von 1999 bis 2006 als Schissdräckszügli in der Nunninger Fasnacht unterwegs. Heuer gibt es neben der Guggenmusik noch ein paar Wagencliquen in der Nunninger Dorffasnacht, die heute mit dem Dorfmaskenball und der Beizenfasnacht fortgeführt wird und am Sonntag mit dem Umzug und dem Kindermaskenball in der Mehrzweckhalle ausklingt.

Gegen 5.30 Uhr setzen sich Guggenmusik und Treichler wieder in Bewegung, um auf getrennten Routen im Restaurant Frohsinn zur Mehlsuppe wieder zusammenzufinden. Auf dem diesmal wesentlich kürzeren Marsch über die Zullwilerstrasse müssen die Ohregrübler nun bereits für mehrere Autos platzmachen. Auf einem Balkon stehen auch die ersten beiden Zuschauer und verfolgen den närrischen Zug.

Das Restaurant Frohsinn, das während der Fasnacht «Leichtsinn» heisst, wechselt sich jährlich mit dem zweiten Nunninger Gasthaus Kreuz beim Narrenempfang mit Mehlsuppe ab. Hungrig setzen sich die Ohregrübler um die Tische – dafür, dass einige die Nacht seit elf Uhr in der Fasnachtsbar durchgemacht haben, wirken sie fit. Der eine oder andere tut jedoch seine Absicht kund, sich nochmals aufs Ohr zu legen – um 13 Uhr geht bereits der Aufbau für die Dorffasnacht am Donnerstagabend los.