Weinbau
Guter Wein, trotz schwierigen Bedingungen

Die Muttenzer Weinbauern haben es nicht leicht: Ihr Anbaugebiet hat weniger Sonnenstunden und werden von Hündelern geplagt. Trotzdem geben sie alles, um einen guten Wein zu erreichen.

Jürg Gohl
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Die Rebberge am Südfuss der Ruinen Wartenberg sind noch in Herbstnebel gehüllt. Während die Trauben im Oberbaselbiet bereits von der Sonne beschienen sind, müssen jene im Unterbaselbiet noch etwas zuwarten. Natürlich hätten Andreas Buser, der Wein-Fachmann des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain, und der Weinproduzenten-Präsident, Oberbaselbieter Wetter nach Muttenz mitgebracht.

Doch dieser feine Unterschied ist typisch für die Weinregion Nordwestschweiz: oben mehr Sonnenstunden, unten dafür mehr Sonnenkraft; beide Vorzüge würden allerdings nicht einmal im Verbund ausreichen, um Kraft des Föhns beim Bündner Rebensaft zu erreichen.

«Dieses Weinjahr lebt von der Qualität»

Auch wenn fast alle Blauburgunder-Trauben, die wichtige Sorte unter den Baselbieter Weinen, noch an den Stöcken hängen und die Herbstsonne in sich aufnehmen, so lässt sich bereits heute feststellen, dass der Baselbieter Weinherbst mengenmässig eher bescheiden ausfallen wird. Weinliebhaber kann das aber nur freuen. «Dieses Weinjahr lebt von der Qualität», bringt es Andreas Buser, der Weinbau-Chef des landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain, auf den Punkt und verspricht viele Öchslegrade. Der Muttenzer Weinbauer Urs Jauslin ist überzeugt, dass sein Blauburgunder die 100 Öchsle knacken wird. Im Baselbiet wurde das letztmals im Rekordjahr 2003 registriert.Derzeit ist im Kanton rund ein Viertel der Ernte eingefahren, der Riesling×Sylvaner, das weisse Gegenstück zum Blauburgunder, ist sogar ganz geerntet. Bemerkenswert am Weinherbsts ist auch, dass die Region von Schädlingen, Krankheiten oder auch Hagelschäden eher verschont blieb. Mit der Lese wurde am 22. September begonnen, acht Tage später als 2009, sogar fünf Wochen später als 2003. (JG)

Nachteile gegenüber dem Oberbaselbiet

Die Muttenzer Winzer – die Familien Jauslin und Stocker bauen den Wein professionell an, dazu kommen aber noch zahlreiche Hobby-Weinbauern – müssen sich aber noch mit anderen Nachteilen gegenüber dem Oberbaselbiet zurechtfinden. Die Rebberge unter dem Wartenberg, dem ersten Jurahügel aus Basler Optik, sind ein äusserst beliebtes Naherholungsgebiet – nicht immer nur zur Freude der Weinbauern.

Das haben selbst die Tiere entdeckt. Regenwürmer, Eidechsen, ja sogar Schlangen fühlen sich in den gepflegten Hängen heimisch. Weniger Freude bereiten freche Dachse, die offenbar gerne Muscat-Trauben naschen, Rehe, kleine Vögel und in diesem Jahr vor allem Wespen, die den Trauben zusetzen.

Buser: «Arroganz der Städter»

Hinzu kommt der Mensch. Während gestern Buser über den diesjährigen Weinherbst orientierte passierten Jogger, Wanderer, «Hündeler» das Rebhaus Hallen; und unter Letzteren hielten sich nicht alle an die Leinenpflicht, die im Zusammenhang mit dem Weinberg in Muttenz vor ein paar Jahren ein Politikum gewesen war.

Weinbauer Urs Jauslin bemüht sich um Diplomatie, auch wenn die «Hinterlassenschaften» auf dem Muttenzer Rebland ein einziges Ärgernis für Landbesitzer und Weinkonsumenten sind; Claude Renggli, der Präsident des Wein- und Rebbauvereins Muttenz, erklärt beschwichtigend: «Sie sind halt auch unsere Kunden.»

Buser aber spricht von einem «Nutzungskonflikt», weil die landwirtschaftlichen Gebiete, also auch die Muttenzer Rebberge, von der Bevölkerung primär als Naherholungsgebiete genutzt und verstanden werden; die eigentliche Aufgabe dieser Zonen wird schlicht ignoriert. Er spricht sogar von der «Arroganz der urbanen Bevölkerung» und fordert eine Gegenleistung zu den Zahlungen an Zentrumsleistungen. «Sonst kommt die Landwirtschaft immer stärker unter die Räder», sagt er.

Urs Jauslin pflichtet ihm bei: «Ich habe tatsächlich das Gefühl, wir Winzer werden nicht richtig ernst genommen.» Dieser Agglo-Konflikt erschwert den Winzern das Leben ebenso wie die ausländische Konkurrenz, die mit mehr Maschinen und grösseren Flächen günstiger Wein produzieren kann. Eine dritte bemerkenswerte Herausforderung hingegen nimmt er von der sportlichen Seite: Der Muttenzer Rebberg weist zwei grundverschiedene Bodentypen auf, die auch entsprechend verschiedene Weine gedeihen lassen.

Bergrutsch rettete Reben

Tatsächlich war der Rebbau in Muttenz bereits einmal stark gefährdet. Neben Krankheiten machte den Weinbauern auch zu schaffen, dass sich der Grossraum Basel immer weiter ausdehnte. Bereits waren im Gebiet des heutigen Rebbergs erste Häuser ausgesteckt, als am Karfreitag des Jahres 1952 dort die Erde zu Tal rutschte. Ein Brunnen im Rebgelände erinnert noch an diesen im Nachhinein nicht nur schwarzen Tag.

Seither kommt der Hang für Häuser nicht mehr infrage. Die bis dahin schnell schrumpfende Rebbau-Fläche hat sich seit 1952 mehr als verdoppelt und umfasst nun 11 Hektaren. Das reicht im Baselbiet zu einem Spitzenplatz, auch wenn Leader Aesch fast doppelt so viel Rebland besitzt. Und als ob Muttenz noch mehr Unterstützung durch die Natur benötigt, vertreibt nach den Ausführungen der Winzer nun auch die Sonne im Rebhaus Halle den Morgennebel und schenkt auch der Agglomeration einen Bilderbuch-Herbsttag.