Gelterkinden
Hagelschaden: Per Drive-in zum Schadendokument

Der Hagelzug von Mitte Juli rief die Versicherungen auf den Plan. Rund 700 gemeldete Fälle hat man bei der Versicherung bisher in der Deutschschweiz registriert. Damit sind rund 14 000 Fahrzeuge beschädigt worden.

Lucas Huber
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Herbert Müller begutachtet ein beschädigtes Fahtzeug. Lucas Huber

Herbert Müller begutachtet ein beschädigtes Fahtzeug. Lucas Huber

bz Basellandschaftliche Zeitung

«Sehen Sie, da sind irrsinnig viele Beulen drin.» Fahrzeugexperte Herbert Müller bückt sich über die Motorhaube eines himmelblauen Suzuki Jimny und zeigt der Halterin die mehr als 200 Dellen. Auch das Dach ist zerbeult, von der Windschutzscheibe bis zum Heck. «Die kann man wenigstens rausdrücken, überhaupt kein Problem», erklärt Müller, «aber die Motorhaube, die müssen wir ersetzen.»

Mit «wir» meint er einen von zahlreichen Carossiers, die sich jetzt dank unzähliger Reparaturaufträgen eine goldene Nase verdienten, wie Müller scherzend sagt. Ganz unrecht hat er allerdings nicht, weiss er doch von mehreren hundert Schadensmeldungen, allein bei seinem Arbeitgeber, den Vaudoise Versicherungen. Und weil deren Marktanteil bei Autoversicherungen relativ gering ist, ist schweizweit von mehreren 10 000 beschädigten Fahrzeugen auszugehen – «und ausgelasteten Carossier- und Spengler-Betrieben bis in den Winter hinein», ergänzt Herbert Müllers Kollege Andreas Müller. Darum fügen sie auch an: «Für die Wirtschaft sind solche Hagelzüge eigentlich sehr gut.»

Zum «Drive» geladen

Gemeinsam erfassen sie an diesem Freitag Hagelschäden für ihre Versicherung – und das im Akkord. Alle halbe Stunde steht nämlich ein neues Fahrzeug vor dem Röthenweg in Gelterkinden, wo die beiden Fahrzeugexperten die Garage der Carosserie Rudin nutzen dürfen. Hier hat sich die Versicherung mit PCs, Druckern und drei Kisten Werbematerial eingerichtet, hier lädt sie zum «Drive»: Anstatt die Fahrzeugschäden auf rund 70 Parkplätzen verteilt über das ganze Oberbaselbiet zu begutachten, begrüssen die zwei Müllers ihre geschädigte Kundschaft zentral in Gelterkinden.

Christina Leus aus Kilchberg, Halterin des himmelblauen Jimnys, wird von Herbert Müller ein Schadendokument über rund 6000 Franken ausgehändigt. Sie begrüsst die Aktion ihrer Versicherung: «Ich finde das Angebot sehr gut.» Ob sie nämlich nun beim Carossier ihres Vertrauens reparieren oder sich den Schaden auszahlen lässt: Zwischen ihr und der Versicherung ist alles geregelt.

Fast ein Totalschaden

Kommunikation sei enorm wichtig, erklärt Herbert Müller, ja fast wichtiger als das handwerkliche Know-how. 34 Halter haben sie für diesen Tag eingeladen, das gibt 17 Autos pro Experte. «Ein langer Tag», sagen beide lakonisch: «Und danach sind wir durch», während eine Kundin vom Auto ihrer Mutter erzählt, dem der Hagel sogar die Windschutzscheibe zerbarst.

Dann macht sich Andreas Müller über den soeben eingefahrenen Mitsubishi Galant her: «Der sieht ganz ‹gäch› aus», schmunzelt er und bürstet den Tau einer kühlen Sommernacht vom Lack, um die Beulen besser zu sehen: «Ja», bestätigt er sich nach einem genaueren Augenschein selbst, «den hats schlimm erwischt.» Der Japaner sieht tatsächlich aus wie eine silberne Kraterlandschaft in Metalisé. Müllers Diagnose nach einer knappen halben Stunde: «Fast ein Totalschaden.» 8000 Franken Schaden hat der Hagel verursacht – bei einem Fahrzeugwert von knapp 10 000 Franken. «Aber auch das gibt es.»

Rund 700 gemeldete Fälle habe man bei der Versicherung bisher in der Deutschschweiz registriert. Bei einem Marktanteil von 5 Prozent hiesse das, dass mindestens 14 000 Fahrzeuge beschädigt wurden.