Interview
Hausärztin statt Spitalkarriere: Weshalb Mireille Teleki als Grundversorgerin arbeitet

Mireille Teleki (41) hat sich für den Hausarztjob und gegen eine Spitalkarriere entschieden. Im Interview spricht sie über die Beweggründe.

Leif Simonsen
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Frau Teleki, wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie lieber Hausärztin als Spitalärztin werden wollen?

Mireille Teleki: Das kristallisierte sich erst im Verlauf meiner Assistenzzeit heraus. Die Arbeit als Assistenzärztin in einer Allgemeinarzt-Praxis hat mir sehr gefallen. Vor allem wegen der längerfristigen Begleitung. Kommt die Vielfältigkeit des Hausarztseins dazu. Hier siehst du alles: Vom Fusspilz über die Migräne bis zu vielen unspezifischen Beschwerden wie Müdigkeit oder Schwindel. Was die Diagnostik angeht, sind wir ein wenig wie Detektive. Mithilfe der gezielten Befragung, der klinischen Untersuchung überlegen wir, welche weiteren Abklärungen sinnvoll sind und grenzen so das mögliche Krankheitsspektrum ein. Das ist spannend.

Lange galt die Annahme: Die Hausärzte haben von vielem eine Ahnung, aber wissen tun sie letztlich wenig. Was ist daran?

Natürlich wissen die Spezialisten auf ihrem Gebiet viel mehr und sie sind wichtig für uns, um gezielte Abklärungen durchführen zu lassen. Die Hausärzte begleiten den Patienten über lange Zeit, kennen deren Beschwerden und haben eine Übersicht über den Patienten als Ganzes. Gerade bei Patienten, die gleichzeitig an mehreren Krankheiten leiden, kommt uns das entgegen.

Doch das Image der wenig sattelfesten Generalisten haftet Ihnen an.

Von den Spezialisten spüre ich keine Geringschätzung. Es gibt Patienten, die gerne direkt zum Spezialisten gehen. Vielleicht sind die Patienten hier in Stadtnähe auch ein wenig anspruchsvoller als diejenigen auf dem Land. Bis vor kurzem war ich im kleinsten Spital der Schweiz in Val Müstair tätig.

Wie oft müssen Sie die Patienten an einen Spezialisten überweisen, weil Sie nicht weiterwissen?

In rund 70 Prozent können wir die Gesundheitsprobleme der Patienten selber lösen. Häufig handelt es sich um Infekte, Magendarmprobleme, Rückenbeschwerden, hohen Blutdruck oder Zuckerkrankheit.

Hausärzte verdienen schlechter als Spezialisten. War das für Sie nie ein Argument gegen Ihre Jobwahl?

Nein. Ich finde es zwar nicht gerecht, dass die Spezialisten zum Teil sehr viel mehr verdienen als die Hausärzte, zumal die Ausbildung nach dem Studium auch bei uns fünf bis sechs Jahre dauert. Für mich aber muss die Arbeit sinnstiftend und befriedigend sein. Der Hausarztverdienst reicht für ein Leben ohne Geldsorgen.

Viele Ärzte kritisieren die Tarifänderungen des Bundesrats. Spüren auch Sie finanziellen Druck?

Ja. Die neuen Zeitlimitationen sehen vor, dass eine Konsultation maximal 20 Minuten dauern darf beziehungsweise 30 Minuten bei über 75-Jährigen. Die sogenannten «Ärztlichen Leistungen in Abwesenheit des Patienten» wurden leider auch eingeschränkt, was speziell bei der Betreuung von älteren, polymorbiden oder dementen Patienten problematisch ist. Diese benötigen mehr Zeit, werden eventuell von der Spitex betreut oder sind in Pflegeheimen untergebracht, was viel Austausch mit den Angehörigen oder dem Pflegepersonal erfordert.

Um wieder auf einen der Vorteile im Beruf als Hausarzt zu sprechen zu kommen: die Work-Life-Balance. Wie wichtig ist die für Sie?

Die ist sehr wichtig für mich. Ich brauche einen guten Ausgleich zur Arbeit. Ich arbeite sechzig Prozent in der Praxis, was de facto viel mehr ist aufgrund der stetig wachsenden Administration. Daneben bin ich noch zweimal pro Woche in einer Versicherung als beratende Ärztin. Seit Februar bin ich nun als selbstständige Hausärztin tätig und geniesse die Freiheit sehr, meine Zeit selber einteilen zu können.