Allschwil
Herzkrankheiten heilten Allschwil und machten die Gemeinde zum Vorbild

Allschwil mauserte sich in den vergangenen Jahren zum Musterschüler des Kantons Basel-Landschaft. Die Gemeinde ist zurzeit auf der Überholspur. Doch das war nicht immer so.

Christoph Hirter
Drucken
Teilen
Mit Actelion fing alles an. Heute sind am Hegenheimermattweg zahlreiche aufstrebende Unternehmen angesiedelt.

Mit Actelion fing alles an. Heute sind am Hegenheimermattweg zahlreiche aufstrebende Unternehmen angesiedelt.

Martin Töngi

Heute brummt der Wirtschaftsmotor in Allschwil - die Gemeinde dient gar als Vorbild im Kanton. Schnell vergisst man, dass die Lage nicht immer so rosig war.

Drehen wir das Rad der Zeit zurück, in die Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts. Die Stadt Basel wuchs, Industrie und Wohnquartiere schossen wie Pilze aus dem Boden, die in der Stadt beschäftigten Arbeiter zogen in die Vororte. Dies führte dazu, dass Allschwil schon 1930 zur bevölkerungsreichsten Gemeinde des Kantons wurde, was sie bis heute geblieben ist: Heute hat Allschwil knapp 20'000 Einwohner.

Für die Gemeinde zahlte sich das Wachstum aber kaum aus, weil vor allem ärmere Arbeiter und Angestellte in die Vororte zogen. Allschwil zählte zu den ärmsten Gemeinden des Kantons. Die steigende Bevölkerung verlangte Investitionen in die Infrastruktur, wozu schlicht das Geld fehlte. Ohne Zuschüsse vom Kanton, für Bildung, Strassen und Kanalisation, wäre man dem «Vorortproblem» nicht Herr geworden.

Wohnen statt arbeiten

Während sich rund um Allschwil vieles verändert, blieb die Gemeinde ein Wohnort. In Allschwil gab es fast keine Arbeit - neun von zehn Allschwilern verdienten ihr Geld in der Stadt. Wirtschaftlich drohte die Gemeinde den Anschluss zu verpassen.

Im Gegensatz zu den damaligen Vorbildern wie etwa Birsfelden, Muttenz oder Pratteln, fehlte der Eisenbahnanschluss. Ohne die Anbindung an das nationale Schienennetz, und eingeklemmt zwischen Frankreich und der Stadt, gab es für die Industrie wenig Gründe, sich in Allschwil niederzulassen.

Der Problematik war man sich lange bewusst: Bereits in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts dachte man über einen Anschluss vom St. Johanns-Bahnhof an die Bachmatte nach, wegen der Weltwirtschaftskrise liess man das Projekt aber fallen, und Allschwil verpasste den Industrialisierungszug. Aus der Heimatkunde von 1981 ist zu entnehmen: «Einer Weiterentwicklung Allschwils auf dem Industriesektor sind heute auch wegen Platzmangels gewisse Grenzen gesteckt. Man klebt direkt an der Stadt und der Landesgrenze und im Süden, wie schon erwähnt, an den Hügelwäldern des Leimentals und des anschliessenden Elsass.» Zuversicht war Fehlanzeige. So fristete Allschwil sein Dasein als Vorort.

Bis in den 90 Jahren einiges in Bewegung kam. Angefangen hat fast alles mit Actelion. Oder noch genauer, dem Kardiologen Jean-Paul Clozel und einem leerstehenden Industriegebäude am Hegenheimermattweg. Das Haus hatte eine schwierige Vergangenheit - meist stand es leer oder die Mieter gingen in Konkurs. Die Gemeinde setzte sich fortan zum Ziel, das Haus zu beleben und gründete dafür die «Arbeitsgruppe Wirtschaftsförderung Allschwil». Fast gleichzeitig klopfte die damals noch unbekannte Actelion an die Gemeindetür - rückblickend der Sechser im Lotto.

Alles wird gut mit Actelion

Actelion. Das war damals eine Gruppe Forscher rund um den Arzt Jean-Paul Clozel mit einer Vision: Wirksame Medikamente gegen Krankheiten entwickeln. Zusammen mit seiner Frau - ebenfalls Forscherin - beginnt er in den 1980er-Jahren bei Roche zu arbeiten. Die beiden machten vor allem im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Krankheiten Entdeckungen und entwickelten Wirkstoffe dazu.

Anders als ihre Auftraggeber waren sie von deren Erfolg zutiefst überzeugt. Das Ehepaar und weitere am Projekt beteiligte Forscher wollten nicht aufgeben. Also verliessen sie Roche und gründeten ihr eigenes Unternehmen: Actelion. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 1000 Mitarbeiter in Allschwil, generiert einen Umsatz von 1,8 Milliarden Schweizer Franken und hat Niederlassungen in über 20 Ländern.

Als kommunale Initiative, die zum Erfolg führte, dient die «Arbeitsgruppe Wirtschaftsförderung Allschwil» heute als Vorzeigemodell im Kanton. Seit deren Gründung vor knapp
20 Jahren hat sich aber vieles verändert. Heute setzt sich die Arbeitsgruppe aus Vertretern der Wirtschaft, der Wirtschaftsförderung und der Verwaltung zusammen.

Die Industriemeile wächst weiter

Neben der inzwischen global tätigen Actelion, haben sich weitere aufstrebende Unternehmen, wie Viollier, Abbott, Fisher Clinical, Solvay, Tritec und zahlreiche mehr angesiedelt. Und Allschwils Industriemeile soll rasch weiterwachsen: Auch das Schweizerische Tropeninstitut hat schon Interesse an einer Parzelle vermeldet. Allein das wären 600 weitere Arbeitsplätze.

Weiter soll zwischen dem Hegenheimermattweg und der französischen Grenze in den nächsten Jahren ein Innovationspark entstehen, inklusive einer Grünanlage mit «üppiger, hochstämmiger Bepflanzung». Es befinden sich auch schon Pläne im Köcher über die Landesgrenze hinaus bis nach Hegenheim. Deren Realisierung liegt aber noch in ferner Zukunft.

Aktuelle Nachrichten