Rheinhäfen-Serie
Hightech und Augenmass - Die «Grosskampftage» auf dem Containerkran

Die Rheinhäfen sind für viele Nordwestschweizer Terra incognita. Dabei tut sich viel in den Häfen Kleinhüningen, Birsfelden und Auhafen: Neben rostigen Kränen für Güter entstehen Anlagen für moderne Logistik im globalisierten Containerverkehr.

Daniel Haller
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Jährlich 130'000 Containerbewegungen schaffen die zwei Krane an den beiden Contargo-Terminals am Nord- und Südquai des Hafenbeckens 2 in Kleinhüningen.
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Gut zwei Drittel der Container werden auf dem Rhein weiterspediert.
Donnerstag und Freitag gehts in den Container-Terminals im Hafen rund
Am Donnerstag und am Freitag läuft der Betrieb rund um die Uhr, denn die fahrplanmässigen Contargo-Koppelverbände nach Rotterdam und Antwerpen nehmen den Weg am Freitag unter den Kiel.
Zwischen Rotterdam, Antwerpen und Emmerich besorgen Schiffe die Feinverteilung auf die Terminals der Seehäfen.
Volltreffer: Den tonnenschweren 40-Fuss-Container setzt Tuncay Koparanoglu auf Anhieb zentimetergenau auf das Containerchassis des Camions.
Contargo ist nach dem Unfall des Säuretankers «Waldhof» im Januar 2011, als der Rhein wochenlang gesperrt war, auf die Schiene ausgewichen und transportiert nun in eigenen, 650 Meter langen Shuttlezügen jährlich 15'000 TEU zwischen Basel und Emmerich an der deutsch-niederländischen Grenze.
Neun von zehn Containern werden per Lastwagen angeliefert.

Jährlich 130'000 Containerbewegungen schaffen die zwei Krane an den beiden Contargo-Terminals am Nord- und Südquai des Hafenbeckens 2 in Kleinhüningen.

Kenneth Nars

Die Welt schwankt. Die Container unter dem Glasboden drehen sich und gleiten schräg seitwärts weg. Wie auf einer Achterbahn ist der Gleichgewichtssinn irritiert, das flaue Gefühl im Magen geht in Richtung Seekrankheit. Doch Tuncay Koparanoglu ist immun, ja mehr noch: «Mir macht diese Arbeit Spass. Das ist wie spielen.» Er treibt ein Hochkonzentrations-Spiel. Sanft stoppt er die 700 Tonnen des grössten Containerkrans der Schweiz. Zielgenau senkt er an diesem Freitagmorgen am Contargo Terminal mit seinen Joysticks den unter der Kabine hängenden Spreader auf einen weissen Container. Sekundenschnell klicken sich seine Twistlocks in die Cornercastings an den Containerecken.

Contargo

Die Contargo AG mit Sitz in Basel ist eine 100-prozentige Tochter der Rhenus-Alpina-Gruppe. Contargo ist ein Transportunternehmen, das im Auftrag der Spediteure trimodal - also per LKW, Bahn und Schiff - Container über ein eigenes Netz von Terminals und mit eigenen Schiffen und Zügen von den Seehäfen im Norden und Westen ins Hinterland befördert. Contargo beschäftigt rund 800 Personen, davon 50 Mitarbeitende in Basel und befördert pro Jahr ca. 1,6 Mio. Standardcontainer.

Erneut zieht der Kranführer den Container hoch und das 130 Meter lange Monster am Nordquai im Hafenbecken 2 macht sich auf den Weg zum Camion unten in der Kolonne. Zwischen den Beinen starrt Koparanoglu nach unten, die Hände an den Joysticks und trifft auf Anhieb das Containerchassis 25 Meter unter uns. Präzisionsarbeit. Vom Display liest er den nächsten Job ab, tippt, und schon rauscht der Portalkran los - ein Giganten-Legospiel im Minutentakt.

Donnerstag und Freitag läufts rund

Jährlich 130'000 Containerbewegungen schaffen die zwei Krane an den beiden Contargo-Terminals am Nord- und Südquai des Hafenbeckens 2 in Kleinhüningen. «Donnerstag und Freitag sind Grosskampftage», berichtet Kaufmann. Dann läuft der Betrieb rund um die Uhr, denn die fahrplanmässigen Contargo-Koppelverbände nach Rotterdam und Antwerpen nehmen den Weg am Freitag unter den Kiel. «Die Industrie hat sich darauf eingestellt, die Exporte gegen Ende der Woche zu verschicken», berichtet Kaufmann. Deshalb fahren auch die Contargo-eigenen Züge nebst dienstags auch donnerstags ab Basel. Also ent- und beladen Koparanoglu und seine Kollegen tagsüber die Lastwagen - neun von zehn Containern werden auf der Strasse angeliefert oder abgeholt - und in der Nacht die beiden Koppelverbände, die je rund 350 TEU laden können. TEU ist im Containerzeitalter das Mass aller Dinge und bezeichnet den 20 Fuss langen Standardcontainer.

Züge für die dringlichen Güter

Über den Rhein bewegt Contargo rund 35000 TEU im Jahr, also rund ein Drittel der Container, die in den Schweizerischen Rheinhäfen jährlich übers Wasser kommen. Allerdings ist Contargo nach dem Unfall des Säuretankers «Waldhof» im Januar 2011, als der Rhein wochenlang gesperrt war, auf die Schiene ausgewichen und transportiert nun in eigenen, 650 Meter langen Shuttlezügen jährlich 15 000 TEU zwischen Basel und Emmerich an der deutsch-niederländischen Grenze. Dies jeweils im Rundlauf zweimal pro Woche. Zwischen Rotterdam, Antwerpen und Emmerich besorgen Schiffe die Feinverteilung auf die Terminals der Seehäfen. Allein der Hafen Rotterdam ist so gross wie der Bezirk Arlesheim. Offenbar ist dort das Schiff das effizienteste Transportmittel. Wäre es das nicht auch auf dem Rhein bis Basel? «Der Erfolg unserer Züge zeigt, dass für viele Güter Geschwindigkeit ein wichtiges Argument ist», kommentiert Kaufmann.

Containerverkehr wird wachsen

Er deutet nach unten, wo drei-, vier-, fünfstöckig die Blechkisten aufeinanderstehen. «Derzeit lagern hier 1400 TEU.» Was da auf einer Fläche von zwei Fussballfeldern steht, ist gerade mal ein Zehntel dessen, was ein 14 000 TEU-Seeschiff an Bord nimmt, und Mitte Juni hat die Reederei Maersk den ersten 18 000 TEU-Frachter getauft.

Die grossen Pötte brauchen zwar kaum mehr Treibstoff als die kleineren Schiffe. Laufen sie einen Hafen an, ist es eine riesige Herausforderung, die Menge Container, die sie löschen, aus dem Hafen wegzukriegen. «Da Rotterdam stark ausbaut, wird sich der Verkehr für die Schweiz zunehmend von Hamburg und Bremerhaven nach Rotterdam verlagern», ist Kaufmann überzeugt. Damit werde der Containerverkehr auf dem Rhein selbst bei schlechter Konjunktur massiv zunehmen.

«Unser Nord-Terminal wurde 2004 gebaut. Aber seit vier Jahren arbeiten wir an der Kapazitätsgrenze.» Im Hafen gebe es keinen Platz mehr, um zu wachsen. «Deshalb ist es nötig, dass der Terminal Basel Nord so schnell wie möglich realisiert wird.»