Expo 2030
Historiker Georg Kreis: "Basel könnte als Zukunftsmodell für die Schweiz dienen"

Für den Basler Historiker Georg Kreis verfehlt eine Expo ihre Hauptfunktion: Die Beantwortung der Frage, was die Schweiz und ihre drei Landesteile zusammenhält.

David Sieber und Peter Schenk
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Der Historiker Georg Kreis zu Hause vor der Europakarte. Für eine Expo würde er sich eine anerkennende Würdigung der EU wünschen und nicht einen Auftritt, der die Distanz bekräftigt.

Der Historiker Georg Kreis zu Hause vor der Europakarte. Für eine Expo würde er sich eine anerkennende Würdigung der EU wünschen und nicht einen Auftritt, der die Distanz bekräftigt.

Archivbild Chris Iseli

Herr Kreis, Sie haben sich bereits kritisch zur Idee einer Expo in der Nordwestschweiz geäussert und argumentiert, sie sei heute veraltet. Wie kommen Sie darauf?

Georg Kreis: Die Voraussetzungen haben sich seit der Expo 02 vollständig geändert. Derzeit haben wir doch mit dem Fernsehen, der Werbung, dem ständigen Klamauk und dem Public Viewing permanent eine Landesausstellung. Die Hauptfunktion einer derartigen Expo wäre die Beantwortung der Frage, was die Schweiz zusammenhält. Nach meiner Erfahrung leistet eine derartige Ausstellung das kaum.

Warum?

Vor allem der Aufwand ist unverhältnismässig. In der Regel kommen Einzelpersonen und Gruppen in eine derartige Ausstellung und gehen danach wieder nach Hause. Begegnungen finden dort in sehr bescheidenem Masse statt.

Zur Person: Georg Kreis

Georg Kreis (72), Historiker, ehemaliger Leiter des Europainstituts der Universität Basel. Hat um 1990 das Nationale Forschungsprogramm «Kulturelle Vielfalt und nationale Identität» geleitet und sich 1991 im Jubiläum «700 Jahre Eidgenossenschaft» engagiert und da im Auftrag von Marco Solari in Lugano einen Kongress zur Schweiz im 21. Jahrhundert sowie in Basel die Schlussfeier im Botta-Zelt mit Schuljugend aus der ganzen Schweiz organisiert. 2014 ist unter seiner Leitung beim Schwabe Verlag eine umfassende Schweizer Geschichte herausgekommen. (bz)

Wie könnte man das denn Ihrer Meinung nach ändern?

Gerade in unserer Zeit mit der ständigen Sprachenfrage bin ich für den Ausbau der Begegnungen zwischen den drei Landesteilen. Die Romands und Tessiner wollen auch berücksichtigt sein. Den Schüler- und Erwachsenenaustausch könnte man gewaltig verbessern.

Eine Vielzahl solcher Massnahmen wäre für Sie demnach sinnvoller als eine Expo?

Unbedingt. Ich bin für konkrete Projekte wie das Herzstück Regio-S-Bahn und die Verbesserung der Beziehungen zwischen Basel-Stadt und Baselland, aber eben ohne diesen Ausstellungsüberbau. Eine Betrachtung aus einer gewissen Distanz fände ich gar nicht schlecht. Aber wenn das, wie bisher, in die Hände der Ausstellungs-Industrie gerät, bin ich skeptisch.

Wen meinen Sie damit? Die Macher der Expo 02 oder die der früheren Landesausstellungen?

Die Expo 64 hat mich berührt und begeistert, vielleicht auch darum, weil ich jung war. Die Expo 02 dagegen entsprach nicht dem, was ich von einer Landesausstellung erwartete. Das könnte – ich gebe es zu – vielleicht auch etwas mit dem Alter zu tun haben. Mich störte die Beliebigkeit, ich hätte was wahrnehmen wollen, mit dem man sich ernsthaft hätte auseinandersetzen müssen. Ich muss einräumen, dass ich dreimal an der Expo 64 gewesen bin. Das waren für mich Schlüsselerlebnisse – die Expo 02 war dann ein Bruch.

1964 war das Umfeld mit dem Kalten Krieg viel gefahrvoller, der Aufbruch in der Gesellschaft begann erst richtig.

Nach der Kubakrise von 1962 setzte im Ost-West-Verhältnis Tauwetter ein. Für mich waren die Filme von Henri Brandt damals die absolute Sensation. Oder die Tinguely-Skulptur und das Schreibmaschinenkonzert. Das war ein beschwingtes Herangehen an die Zukunft und ein Bemühen um verbindliche Aussagen.

Das haben Sie an der Expo 02 vermisst?

Das lohnt keine weitere Diskussion. Deshalb sage ich auch nichts zu den Machern.

Die Zeiten haben sich geändert. Damals schwebte man wie die Wolke im Ungewissen, aber irgendwie war das noch ganz komfortabel. Jetzt erleben wir das Wiedererstarken des Nationalismus.

Es gibt stets nationale Fragen. An der Expo 02 kam das Problem des Zusammenlebens mit einem hohen Ausländeranteil nicht vor. Diskutiert man über eine mögliche Expo, geht es neben dem materiellen auch um den immateriellen Nutzen. Für die Ausstellungsmacher braucht es aber keinen Nutzen – das war das Credo. Ich meine, dass das Nein in der Ostschweiz zum Teil durch die Expo 02 verursacht worden ist. Ich habe Verständnis dafür und schliesse mich dem Gegendiskurs nicht an. Er behauptet, die Ostschweiz habe mit der Expo eine Chance oder auch eine patriotische Pflicht versäumt, dem Rest der Schweiz zu zeigen, dass es sie gibt.

Glauben Sie nicht, dass die Nordwestschweiz mit ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Stärke und der Nähe zu Deutschland und Frankreich gute Voraussetzungen für eine Expo hätte und Projekte wie das Herzstück dadurch unterstützt würden?

Das mag sein, aber ich bin überzeugt, dass es hier keine Expo geben wird. Das würde ja auch bedeuten, dass Vorhaben wie das Herzstück nicht realisiert würden, weil sie an die Landesausstellung geknüpft wurden. Ich würde die Logik umkehren und sagen: Verwirklichen wir unsere Projekte, aber ohne die Expo. Braucht es wirklich diesen Aufhänger? Ich will nicht in Abrede stellen, dass eine Expo vielleicht helfen könnte, aber es geht auch ohne. Die IBA Basel 2020 und die Regio Basiliensis existieren auch ohne auf den Expo-Zug aufzuspringen. Warum hat man die Expo nicht früher gewollt? Jetzt ist durch die Ostschweiz eine Lücke entstanden, die man füllen will. Das hat für mich letztlich etwas wenig Seriöses.

Braucht es nicht doch ein Ziel und eine Vision, in deren Windschatten nicht nur solche Projekte entwickelt, sondern auch umgesetzt werden?

Aber wie viel Energie braucht es dafür? Ich würde diese direkt einsetzen: für die Klybeckinsel, für eine trinationale Lehrlingsausbildung, für das Herzstück...

Wäre die Expo nicht ein zusätzliches Argument für den Ausbau der S-Bahn? Schliesslich wird man für die Expo Millionen von Leuten transportieren müssen.

Das Herzstück ist eine beschlossene Sache. Es täte mir fast leid, wenn es zur Realisierung die Expo bräuchte. Es ist eher umgekehrt: Die Expo-Befürworter greifen zum Beispiel nach dem Herzstück oder neuerdings nach dem Weissenstein-Tunnel, um ein problematisches Zusatzprojekt zu rechtfertigen. Da werden die Dinge auf den Kopf gestellt.

Wäre es im Kontext des erstarkenden Nationalismus und der rechtsradikalen Kräfte nicht positiv, gerade hier, zusammen mit dem trinationalen Raum, eine Expo zu organisieren? Oder ist das zu politisch gedacht?

Wenn man Basel als urbane Vorzeigegesellschaft nimmt, die gleichzeitig mit ihren rund 60 000 Grenzgängern international offen ist, und es das Ziel einer Basler Expo wäre, eine gute Zukunftsvariante für die anderen Teile der Schweiz zu sein, hätten Sie mich teilweise überzeugt. Diese Selbstdarstellung dürfte allerdings nicht mit dem Zeigefinger verbunden sein.

Könnte die Expo nicht auch auf dem Projekt der Internationalen Bauausstellung IBA Basel 2020 aufbauen?

Schon. Allerdings geht es der IBA nicht besonders gut. Zumindest in der breiteren Einschätzung dümpelt die IBA vor sich hin. Da wünschte ich mir mehr. Generell finde ich es gut, dass man über die Expo redet. Auch die Vernetzungen, die über ein konkretes Projekt entstehen, sind schätzenswert. Ich bedaure nur, dass man das braucht.

Glauben Sie nicht, dass eine Expo in die Beziehung zwischen den beiden Basel neuen Schwung bringen könnte?

Es kommt auf das Resultat an und da bin ich skeptisch. Ich bin dafür, sich die Agenda anzuschauen und dort Schwung zu machen, wo es nötig ist.

Auffällig ist doch, dass es kaum eine Auseinandersetzung mit dem gemeinsamen Lebensraum gibt. Man nimmt ihn als selbstverständlich hin. Die Kantonsgrenze spielt nur dann eine Rolle, wenn es um eine Fusionsabstimmung geht. Dann wird’s emotional. Da wäre eine Expo eine Chance.

Rein theoretisch leuchtet mir das ein. Ich bin aber skeptisch hinsichtlich der Effekte einer solchen Ausstellung. Ich gehe davon aus, dass es einen zu schnellen Automatismus gibt, der Ihre Annahme bestätigt – mindestens im Vorfeld. Aber nachher findet keine Evaluation statt und es bleibt beim reinen Konsum. Eine Ausstellung sollte die Grundeinstellung eines Menschen um einige Millimeter verändern. Da stellt sich die Frage, wie viele Millimeter es sind. Ich will nach dem Besuch einer solchen Ausstellung ein leicht anderer Mensch sein als vorher.

Hätten Sie eine konkrete Idee für eine Expo?

Für mich ist die grösste und wichtigste Frage die Einstellung der Schweiz zur EU. Die aber lässt sich nicht in einer solchen Ausstellung bearbeiten.

Warum nicht? Wir wären in diesem Raum geradezu prädestiniert dafür.

Ich würde mir eine dezidierte Aussage wünschen, natürlich mit einer anerkennenden Würdigung der EU und nicht mit einem Auftritt, der die ohnehin bestehende Distanz bekräftigt.

Wir reden von 2030. Ist die EU dann zerfallen?

Sicher nicht. Aber Zukunft ist voll von Unabsehbarkeiten. Ich staune allerdings schon, dass man jetzt so vorschnell meint, die EU würde auseinanderbrechen.

Was halten Sie von einer Machbarkeitsstudie. Sind Sie dagegen?

Nein, überhaupt nicht. Es wird für Dümmeres Geld ausgegeben. Man hat immer im falschen Moment ein Kostenbewusstsein. Die Machbarkeitsstudie sollte aber ohne Automatismus sein und ohne Zwang, das dann umsetzen zu müssen.

Sie sagen ja auch, man könnte Pläne in einer Second World, in einer virtuellen Welt, realisieren – eigentlich eine Expo auf einer Website.

Genau, eine geistig beflügelnde umfassende Trockenübung mit allenfalls punktuell zu realisierenden Kleinprojekten. Der praktische Nutzen der Expo 02 war für Biel, dass das Gebiet jenseits des Bahnhofs mit der Verbindung zum See dank der Expo zustande gebracht wurde. Wenn in einer virtuellen Expo gewisse Kernelemente total überzeugend herausragen, dann soll man sie verwirklichen. Aber man könnte sie dann auch à la carte umsetzen. Man muss sich nicht durch das ganze Menu durchessen.

Nur ist es wahrscheinlich erheblich einfacher, das Geld für ein ganzes Menu zu erhalten.

Das haben Sie gesagt. Die Ostschweizer Projekte sind übrigens gut gestartet. Sie haben den Lebensraum ins Zentrum gestellt und gesagt: Wir machen keine Monumentalbauten und nutzen die ganze Infrastruktur. Und es ist trotzdem abgelehnt worden.

Das könnte hier natürlich auch passieren.

Ja. Die andere Frage ist jetzt, ob die Ostschweizer nun prüfen, was sie trotzdem verwirklichen wollen. Von daher habe ich gar nichts gegen den Prozess. Aber wenn ich mir die Phantasiebilder der Expo 27 anschaue, frage ich mich, ob sie wie in Biel geholfen hätten, ein konkretes Projekt zu verwirklichen.

Selbst wenn die Expo-Idee in Basel virtuell bleiben würde, wäre sie bei der Umsetzung konkreter Projekte doch ein Erfolg?

Absolut einverstanden. Die Auseinandersetzung über das Projekt und unser Gespräch sind durchaus gerechtfertigt.