Hochsommer
Hitzefrei? Denkste! Darum mussten Schüler heute trotz Rekordhitze zur Schule

Bei Temperaturen über 30 Grad wackelt die Schulordnung – der Stundenplan aber bleibt weitgehend unangetastet. Die Gründe dafür erscheinen logisch.

Leif Simonsen
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Eis in der Schule: In der Oberwiler Sek-Klasse 4Pc gelten im Hochsommer andere Regeln. ZVG

Eis in der Schule: In der Oberwiler Sek-Klasse 4Pc gelten im Hochsommer andere Regeln. ZVG

Die Baselbieter CVP-Präsidentin Sabrina Mohn steht unter Beschuss, denn sie teilt das populäre Anliegen nicht. Vor der kommenden Tropen-Woche mit bis zu 36 Grad hat die Sekundarlehrerin ihre Schüler beauftragt, einen Aufsatz zu schreiben. Pro und contra Hitzeferien. Wenig überraschend findet nur Ersteres Anklang. «100 Prozent sind für die Hitzeferien», vermeldete der 4Pc-Klassensprecher Nicolas Glaser am Freitag aus dem Oberwiler Schulzimmer. Seine Lehrerin ist dagegen. Organisatorisch liessen sich Hitzeferien heute kaum bewältigen, die Eltern von Primarschülern seien oft nicht zu Hause. Immerhin darf Glaser während des Unterrichts mit dem Journalisten telefonieren. Es ist eine jener Ausnahmen, die bei diesen Temperaturen an der Tagesordnung sind. Die meisten Lehrer erlauben es, während der Lektionen zu trinken. Bei Sabrina Mohn darf man sogar hin und wieder Eis essen – so holt sie sich die Gunst ihrer Schüler wieder zurück.

Im Schuljahr 2002 abgeschafft

Es sind die Erwachsenen, die die Gesetze machen. Und die unter Kindern so populären Hitzeferien stehen nicht zuoberst auf der politischen Agenda – weder in Basel-Stadt noch in Baselland. Hans Georg Signer, Leiter Bildung beim Basler Erziehungsdepartement, war noch Rektor am Gymnasium Leonhard, als man sich für die Abschaffung der Hitzeferien entschied, die man in Basel-Stadt zwischen 1975 und 2002 kannte. Er erinnert sich daran, wie der Schulärztliche Dienst nach dem morgendlichen Temperatur- und Luftfeuchtigkeits-Check Hitzeferien ausrief. «Das Hurrageschrei in den Schulgängen habe ich heute noch in den Ohren.»

Für die Schüler habe sich Signer gefreut. Nur hätten schliesslich zwei stärkere Argumente gegen den spontanen Stundenausfall gesprochen. Zum einen habe der Schulärztliche Dienst Hitzefrei für «medizinischen Blödsinn» bezeichnet. Statt die Schulbank zu drücken, spielten die Schüler in der Badi Fussball – was bedeutend belastender sei. Zum anderen gäbe es die Betreuungsproblematik, zumal heute in vielen Haushalten beide Eltern einer geregelten Arbeit nachgehen.

Im Baselbiet wurden die Hitzeferien ebenfalls vor neun Jahren abgeschafft. Der stellvertretende Dienststellenleiter des Amts für Volksschulen sagt aber, dass sich die Baselbieter Lehrer zu helfen wissen. «Es steht ihnen ja jederzeit offen, den Unterricht nach draussen, etwa in den Wald oder in die Badi zu verlegen», sagt Dieter Kaufmann. Die Hoffnung auf Ferien in den nächsten Tagen muss er aber den Schülern nehmen. «Das kann nur der Kantonale Krisenstab anordnen, wenn beispielsweise eine Katastrophe eintrifft.» Und so heiss, witzelt Kaufmann, werde es diese Woche wahrscheinlich auch nicht werden.

Für eine etwas kulantere Handhabe spricht sich der Basler CVP-Grossrat Oswald Inglin aus – auch er ist Lehrer. «In Extremsituationen, wenn es wirklich nicht mehr geht, sollte die Schulleitung oder ein Lehrer die Möglichkeit haben, schulfrei zu geben.» Das alte Leonhardsgymnasium, wo Inglin unterrichtet, würde sich nicht allzu stark aufheizen. In neueren Gebäuden mit grossen Fensterflächen sei es aber durchaus denkbar, dass die Hitze in den Schulzimmern die Grenze des Erträglichen übersteigt. Signer weist ihn zurecht: Die Schulleitung könne die Schule nur in einer Notsituation ausfallen lassen. Und «Hitze würde ich mit Blick auf den Betreuungsauftrag bei den jüngeren Schülern nicht zu diesen Notsituationen zählen.» Oder in den Worten Dieter Kaufmanns: «Solange wir leben, wird es wahrscheinlich keine Hitzeferien mehr geben.»