Privatschule
Hochbegabte Nora durfte nicht an eine Privatschule wechseln, Kevin musste

Während der hochbegabten Nora der Wechsel an eine Privatschule verweigert wurde, erging es Kevin genau umgekehrt. Dem überdurchschnittlich begabten Jungen wurde der Besuch einer Privatschule geradezu aufgedrängt. Dort erging es ihm jedoch nicht gut.

Andreas Hirsbrunner
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Nahe bei Einstein: Hochbegabte Kinder haben es oft schwer in der Schule. (Symbolbild)

Nahe bei Einstein: Hochbegabte Kinder haben es oft schwer in der Schule. (Symbolbild)

Keystone

Der «Fall Nora» platzte wie eine kleine Bombe in die Baselbieter Schullandschaft: Die bz berichtete letzte Woche, dass sich das Amt für Volksschulen und die Schulleitung der Primarschule Liestal trotz anderslautender Empfehlungen des Schulpsychologischen Dienstes und weiterer Fachleute querstellten, dem hochbegabten Mädchen den Besuch einer Privatschule zu ermöglichen.

Sie zogen einen weiteren Versuch an der Staatsschule vor, obwohl alle vorausgegangenen Fördermassnahmen scheiterten, das Mädchen den Schulbesuch verweigerte und Selbstmordgedanken äusserte. Die Eltern schickten schliesslich ihre Tochter vor etwas mehr als einem Jahr auf eigene Kosten an eine Privatschule und bereuen diesen Schritt bis heute nicht.

Offensichtlich ist Nora – wir haben den Namen des Mädchens geändert – kein Einzelfall: Bei der bz und den Eltern von Nora gingen drei Dutzend Reaktionen mit dem Tenor «Bei uns ist es genau gleich gelaufen» ein. Eine Reaktion fiel allerdings aus dem Rahmen: Ein Liestaler Knabe musste nach der Primarschule an eine Privatschule wechseln, obwohl die Eltern dies nicht ausdrücklich gewünscht hatten und ihn gerne in die Sek Liestal geschickt hätten. Es lief also genau umgekehrt als bei Nora. Wie das?

Privatschule war schlimmste Zeit

Kevin (Name geändert) leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer abgeschwächten Form von Autismus. Wie viele Menschen mit diesem Syndrom ist Kevin überdurchschnittlich begabt und schloss die Primarschule mit einem Notendurchschnitt von 5,5 ab. Seine Mutter hält zu dieser Zeit fest: «Er war ein liebenswerter Primarschüler – von Mitschülern und Lehrern geschätzt.

Fachlich hatte er keinerlei Bedarf an Unterstützung, nur bei der Arbeitsweise haperte es hier und da. Dies wurde jedoch von einer ausgezeichneten Primarlehrerin mehr als kompensiert. Deshalb waren wir sehr überrascht, als beim bevorstehenden Wechsel in die Sekundarstufe Zweifel beim Schulpsychologischen Dienst, der Schulleitung und somit auch beim Amt für Volksschulen aufkamen, ob unser Sohn diesen Wechsel in eine neue Schulform schafft.»

Man habe ihnen erklärt, dass alle Fachlehrer in der Sek mit Kevins Aufnahme einverstanden sein müssten, ansonsten sei der Übertritt nicht möglich. Deshalb habe man Kevin den Besuch einer Privatschule nahegelegt. Und die Mutter ergänzt: «Wir Eltern wurden auch gleich mit der Suche nach einer geeigneten Privatschule für unser Kind beauftragt. Damit waren wir ziemlich überfordert.»

Ihr Fehler sei gewesen, dass sie als Eltern zwar Fragen, aber keine Forderungen gestellt und den Fachleuten Glauben geschenkt hätten, obwohl sie und auch ihr Sohn den Besuch der Sek vorgezogen hätten. Auch hätten sie nie hinterfragt, wieso nur Stellungnahmen vom Schulpsychologischen Dienst, dem Amt für Volksschulen und der Liestaler Primarschulleitung, nicht aber von der Sekundarschule vorgelegen seien, so die Eltern.

Nun, Kevin besuchte darauf zwei Jahre lang eine Basler Privatschule – eine Zeit, die er heute als seine «schlimmsten Schuljahre» bezeichnet. Und der Kanton bezahlte dafür ohne Umstände 3000 Franken monatlich. Der Befreiungsschlag kam dann in Form einer beruflichen Versetzung von Kevins Vater ins Ausland: Die Familie zog mit, und Kevin besuchte dort ohne grosse Probleme ein Gymnasium.

Jetzt ist die Familie wieder zurück in Liestal und der mittlerweile knapp 18-jährige Kevin in einem staatlichen Gymnasium. So weit, so gut. Doch für die Eltern und Kevin kam vor wenigen Tagen der eigentliche «Hammer» in der ganzen Geschichte: Sie hätten zufällig gehört, dass die Sekundarschule Liestal gar nie danach gefragt worden sei, ob sie Kevin nach dessen Primarschulzeit aufnehmen könne.

«Sek wurde konsultiert»

Das aber bestreiten die Liestaler Primarschulleitung und der Schulpsychologische Dienst. Jean-Bernard Etienne, der vor sechs Jahren, als es um den Übertritt von Kevin ging, Rektor der Liestaler Primarschulen war, sagt: «Es fand eine offizielle Anfrage an die Sekundarschulleitung anlässlich eines offiziellen runden Tisches statt, an dem auch der Therapeut des Schülers und die Schulpsychologin des Kantons dabei waren.»

Als Antwort habe es damals geheissen, dass ein Übertritt an die Sek nur möglich sei, wenn alle Fachlehrer dahinter stünden. Weitere Abklärungen seien nicht Aufgabe der Primarschule, sondern des Kantons gewesen. Und Etienne weiter: «Als der Schulpsychologische Dienst die Empfehlung auf Privatbeschulung vorlegte, haben wir einen entsprechenden Antrag gestellt.»

Ähnlich tönt es seitens des Schulpsychologischen Dienstes. Dessen Leiter Martin Brunner schreibt: «Es ist richtig, dass der Schulpsychologische Dienst, das Amt für Volksschulen und die Primarschulleitung aufgrund der damaligen Symptomatik des unter einem Asperger-Syndrom leidenden Jungen sich für eine Privatbeschulung ausgesprochen haben.»

Nicht richtig sei hingegen die Behauptung, es habe kein Kontakt zur Sekundarschule bestanden. Brunner: «Unsere Akte belegt, dass beide Schulleitungen der Sek Burg und der Sek Frenke (Liestal) konsultiert wurden, und dass an beiden Schulen die Bedingungen für den Umgang mit dem damals auffälligen Jungen abgeklärt und für nicht optimal befunden wurden.» Den Antrag für die Privatbeschulung habe seine Fachstelle dann «im ausdrücklichen Einverständnis mit den Eltern» gestellt.

Ungute Gefühle bleiben aber so oder so zurück: Kevin zeigt, dass er auch in der Staatsschule bestehen kann, trotzdem musste er 2009 in die Privatschule. Nora zeigte, dass es in der Staatsschule nicht mehr ging, trotzdem verwehrten ihr die Ämter einen Besuch der Privatschule.