Tierische Mutterliebe
Hündin Diana ist nicht die einzige, die Kätzchen aufzieht

Es war ein kurioses Bild, das die Sankt Gallerin Sandra Meli vor knapp einem Jahr der bz zur Verfügung stellte: Auf dem Niederdörfer Hof von Bekannten hatte sich deren 12 Jahre alte Hündin Diana zweier ausgesetzter Kätzchen angenommen und liess sie in ihrer Scheinträchtigkeit an ihren Zitzen saugen.

Boris Burkhardt
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Hund und Katz
5 Bilder
Hündin Diana und ihr Kater Michi (2)
Chicca mit Kätzchen (1)
Chicca mit Kätzchen (2)
Peanut mit Kätzchen

Hund und Katz

Juri Junkov

«Unglaublich, dass es so etwas gibt. Normalerweise sind Hunde und Katzen ja Feinde», sagte Meli damals der bz. Inzwischen hat sich die Familie Zulliger, die Besitzerin von Diana, an die «unglaubliche» Adoption gewöhnt: Zumindest Kater Michi werde immer noch von seiner Pflegemutter geschleckt und geputzt, wie Sami Zulliger berichtet. Michis Schwester Mäusi sei jedoch seit einiger Zeit spurlos verschwunden.

Vom Jagdinstinkt zur Mutterliebe

Für die Basler Tierärztin Gabrielle Scheidegger-Brunner ist diese intime Eintracht von Hund und Katze nicht ganz so erstaunlich. Sie selbst erlebt derzeit einen ähnlichen Fall, seit sie einen ausgesetzten Wurf von vier Kätzchen zur Intensivpflege von der Praxis nach Hause mitnahm. Sie habe sich bereits Sorgen gemacht, wie sie die noch blinden Tierchen von ihrer sechsjährigen Hündin Chicca fernhalten sollte: «Sie ist ein typischer Terrier und hat einen ausgeprägten Jagdtrieb.» Neugierig wollte Chicca auch gleich wissen, wer die Neuankömmlinge seien. Doch Scheideggers Sorgen waren unbegründet: Chicca leckte die Kätzchen ab und streckte ihnen ihren Bauch hin – «obwohl sie sterilisiert ist». Peanut, der einjährige Rüde im Haus, hatte hingegen sogar zunächst Angst vor den Kätzchen: «Er konnte sie nicht zuordnen.»

Die Kätzchen spielten mit ihrer Hundemutter, als wären sie Hunde, untereinander aber ganz auf Katzenart, erzählt Scheidegger. Die Tierärztin kann sich das mütterliche Verhalten von Diana und Chicca erklären. «Bei trächtigen Hündinnen ist es einfach, dem Wurf ein Junges einer anderen Spezies unterzuschieben», sagt sie: «Dabei ist es natürlich einfacher, einem Hund Katzenjunge unterzujubeln als andersherum.» Generell nähmen «Multipaarer», also Tierarten mit mehreren Nachkommen gleichzeitig, eher artfremde Jungen auf: So hätten Hündinnen schon Tiger oder gar Eichhörnchen aufgezogen. Eine Stute hingegen nähme ein falsches Kind wohl nicht an.

Bis zu zwei Monate nach der Läufigkeit bekämen aber auch nicht-trächtige Hündinnen einen Hormonschub. Es möge amüsant sein, wenn Hunde Finken und Socken bemuttern; laut Scheidegger leiden die Tiere aber sehr unter ihrer Scheinträchtigkeit: «Sie suchen ihre Jungen und finden nichts.» Für Scheidegger ist das soziale Verhalten der Hündinnen ein weiterer Grund für ihr mütterliches Engagement. Hunde orientierten sich stark an ihren Bezugspersonen: «Chicca hat ja gesehen, wie ich mich um die Kätzchen kümmerte. Das hat sie kopiert.» Schliesslich werde die Hündin für ihr fürsorgliches Verhalten ausdrücklich gelobt.

«Fehlprägung der Katzen»

Wichtig sei für Chicca wohl, dass sie weiterhin der Chef im Rudel sei. Angst hat Scheidegger aber um ihre Kätzchen: «Ich kann sie kaum ins Freie lassen. Sie würden sich an jeden Hund ranschmeissen.» Eine Fehlprägung der Kätzchen, sagt Scheidegger – «aber das wollte ich ja nicht».