Epilepsie
«Ich habe trotz Epilepsie doch auch Fähigkeiten»

Christine Zürcher leidet an der Krankheit des zentralen Nervensystems – Epilepsie. Sie wünscht sich, dass die Mitmenschen keine Angst haben. Und dennoch hat sie Probleme, eine Ausbildungsstelle zu finden.

Muriel Mercier
Merken
Drucken
Teilen
Christine Zürcher ist seit Jahren auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Martin Töngi

Christine Zürcher ist seit Jahren auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Martin Töngi

In ihrer Schulzeit hat sich Christine Zürcher geärgert, dass sie zu Hause bleiben musste, wenn ihre Mitschüler ins Schullager fuhren. Sie war suspendiert vom Sport- und Werkunterricht. «Aber damit konnte ich gut leben», sagt sie.

Doch mit 17 Jahren, als es darum ging, eine Ausbildungsstelle zu finden, sei ihr die Decke auf den Kopf gefallen. «Ich habe in meiner Bewerbung geschrieben, dass ich Epilepsie habe und nur Absagen erhalten», erzählt die 26-Jährige traurig, mit einem wütenden Unterton.

Seit 14 Jahren leidet Zürcher an der Krankheit des zentralen Nervensystems. Die Anfälle kommen meist nachts, beeinträchtigen ihr Leben dennoch stark: Nach einem «Epi» ist sie müde, sie muss täglich drei Mal drei Tabletten nehmen – und zwischendurch wird sie halt auch am Tag von einem Anfall «überrascht».

Bei der Ausbildung diskriminiert

Zürcher hat sich auf viele Stellenangebote beworben: «Ich habe ein Jahr lang eine hauswirtschaftliche Ausbildung gemacht. Dort wurde ich diskriminiert, bis ich abgebrochen habe.»

Auch bei Kindertagesstätten versuchte sie ihr Glück und durfte drei Monate lang ein Praktikum bei einer Kita machen. Doch dann traf sie der nächste Schlag ins Gesicht: «Die Betreuer waren sehr zufrieden mit mir, bis ich einen Anfall hatte. Dann wollten sie mich nicht mehr.»

Die Enttäuschung über das ungerechte Verhalten der Gesellschaft steht ihr ins Gesicht geschrieben. Auch Mutter Roswitha Zürcher weiss sich nicht zu helfen. «Alle sind informiert, dass meine Tochter Epilepsie hat. Sie sind zufrieden mit ihrer Arbeit, lassen sie aber sofort fallen, wenn etwas passiert. Dabei brauchen Epilepsiebetroffene Erfolgserlebnisse.»

Ihrer Meinung nach wissen viel zu wenig Leute über die Krankheit Bescheid. Dafür hat sie eine Erklärung: «Im Fernsehen wird zwar über Epilepsie berichtet. Aber es wird nie ein Krampfanfall gezeigt.»

Wie sollen die Menschen denn wissen, wie es Epileptikern geht und dass ein Anfall vorbeigeht, fragt sie sich. «Würde man das zeigen, würde man bestimmt den anderen Leuten die Angst davor nehmen.» Tochter Christine hat einen grossen Wunsch: «Ich möchte, dass die Menschen mehr informiert werden. Wir haben schliesslich auch unsere Fähigkeiten.»

Mittlerweile haben Mutter und Tochter einen Weg gefunden, ihre schwierige Situation leichter zu nehmen. Das habe lange gedauert, betont Christine Zürcher. «Ich habe früher regelmässig gedacht: Warum ich? Heute nehme ich es mit Humor und sage mir, dass mein Gehirn halt mal wieder Party feiern wollte.»

Zudem verpassen diejenigen etwas, die mit ihr nichts zu tun haben wollen. Dass es als Epilepsiebetroffene nicht einfach ist, Kontakt zu anderen Leuten aufzubauen ist denn auch eine weitere schmerzhafte Erkenntnis, mit der Zürcher immer wieder konfrontiert wird. «Ich brauche regelmässigen Schlaf und kann halt nicht bis spät in die Nacht weggehen.»

Operation ist nicht möglich

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Epilepsie in den Griff zu bekommen oder gar zu heilen. Einige Betroffene können beispielsweise operiert werden – Christine Zürcher nicht.

«Meine Tochter hat eine multifokale Epilepsie. Das heisst, es gibt mehrere Anfallsherde», erklärt Roswitha Zürcher. Wäre eine Operation im Gehirn möglich, würde Christine Zürcher diese vornehmen. «Aber nur wenn ich sicher bin, dass sie Erfolg hat.»

Christine hat zwei Wünsche: «Ich möchte, dass die Mitmenschen mehr über Epilepsie erfahren und keine Angst davor haben.» Und: «Ich würde gerne eine Ausbildung als Pflegeassistentin machen.»