HIlfseinsätze
Im Armenhaus von Rumänien – Martin Hug reist zum 100. Mal nach Osteuropa

Für Martin Hug aus Ziefen ist Rumänien retour Routine. Nun steht seine 100. Osteuropa-Reise an.

Simon Tschopp
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Martin Hug (ganz rechts) mit Einwohnern von Preutesti im Nordosten Rumäniens, die auf die Verteilung von Hilfsgütern warten.

Martin Hug (ganz rechts) mit Einwohnern von Preutesti im Nordosten Rumäniens, die auf die Verteilung von Hilfsgütern warten.

zvg

99 Mal. So oft schon ist er mit Hilfstransporten nach Rumänien gefahren. Das erste Mal vor ziemlich genau 27 Jahren. Fein säuberlich hat er all die Fahrten auf Blättern protokolliert. Bald steht seine 100. Reise an in das osteuropäische Land. Der Ziefner Martin Hug hilft in Rumänien, wo er kann. Inzwischen ist diese Nation zu seiner zweiten Heimat geworden. Sie ist von der Fläche her fast sechsmal so gross und hat weit mehr als doppelt so viele Einwohner wie die Schweiz.

Bis 2008 leistete Hug mit dem Rumänien-Team Ziefen-Arboldswil Hilfseinsätze. Diese fanden ausschliesslich in Siebenbürgen statt; das Gebiet liegt im Karpatenbogen im Zentrum des Landes. Weil sich die Mitglieder dieser Gruppe mit der Zeit auseinandergelebt hatten, schloss sich Hug der Rumänien-Hilfe Nikodemus in Sissach an. Seither hat der Ziefner auch andere Landesteile kennen gelernt. «Jetzt fahren wir jeweils in den Nordosten.» Ins Dreieck, wo das Land an die Ukraine und Moldawien grenzt. «Dort befindet sich das Armenhaus Rumäniens», sagt der bald 71-Jährige.

Von der Hand in den Mund

Er berichtet von Zuständen, die wir uns kaum vorstellen können. Von Leuten, die in ruinenähnlichen Gebilden hausen, weil sie kein Geld haben, um zu renovieren. «Für sie ist der grösste Kampf, was morgen auf den Küchentisch kommt.» Sie lebten von der Hand in den Mund. Teils kein Strom und kein fliessendes Wasser. Jeder Liter Wasser muss in Kesseln von zentral liegenden und mehrere hundert Meter entfernten Sodbrunnen geholt werden – bei Wind und Wetter. Als Fortbewegungsmittel gehören Pferdefuhrwerke zum Alltag.

Der pensionierte Baufachmann spricht von einem Gesundheitswesen, das jeder Beschreibung spottet: Zwölfer-Zimmer in Spitälern, fürs Essen muss der Patient jemanden anstellen. Im Gegensatz dazu existieren in Rumänien riesige Einkaufszentren, auch das Gastgewerbe darf sich sehen lassen. Es gibt schöne Pensionen, im ganzen Land hat es saubere Unterkünfte. «Die Schere zwischen arm und reich ist weit geöffnet», stellt Hug fest und gibt zu bedenken: Man stelle sich vor, dass dieses Land seit 2007 in der EU ist.

Am Weihnachtstag 1989 wurde der neostalinistische Diktator und Staatspräsident Nicolae Ceaușescu gestürzt und zusammen mit seiner Frau von Offizieren hingerichtet. Das war die Wende. Doch an die Freiheit glaubten die Menschen nie so richtig. Bis heute. Denn während des Ceaușescu-Regimes wurden Familien immer wieder enteignet. Selbst nach dem Umsturz arbeiteten sie bloss für ihr Nötigstes. Die Leute befürchten, dass plötzlich wieder der Staat kommt und ihnen das Erarbeitete wegnimmt. «Das ist die Mentalität, die sie von ihren Eltern haben», sagt Hug.

Am Zoll wurden wir schikaniert. Wir mussten Stunden warten. Bis wir die korrupten Beamten mit Zigaretten, Sackmesser oder Kugelschreiber schmierten. Dann ging es plötzlich zügig.

(Quelle: Martin Hug)

Seinen ersten Hilfseinsatz vollbrachte Hug in Griusorul, in Siebenbürgen, das bis zum Ersten Weltkrieg zum Kaiserreich Österreich-Ungarn gehört hatte, danach abgetrennt und Rumänien zugeschlagen worden war. In dieser Ortschaft wirkte Martin Hug bei der Renovation der Kirche mit. Zwar waren dort fast alle Häuser baufällig. Aber die Einwohner wollten, dass zuerst das Gotteshaus innen und aussen instand gesetzt wurde. «Dies war für sie zentral.» Das Team aus Ziefen und Arboldswil versorgte Leute von Griusorul ebenfalls mit Kleidern, Lebensmitteln, Saatgut und Hygieneartikeln.

Hug erinnert sich an die damaligen Transporte mit Baumaterial, welches sie aus der Schweiz mitnahmen, weil rumänisches Material unbrauchbar war. «Am Zoll wurden wir schikaniert. Wir mussten Stunden warten. Bis wir die korrupten Beamten mit Zigaretten, Sackmesser oder Kugelschreiber schmierten. Dann ging es plötzlich zügig», erzählt er. Seit Rumänien EU-Mitglied sei, habe sich die Situation an den Grenzübergängen schlagartig geändert. Es gebe keine Probleme mehr.

«Wurden nie schräg angeschaut»

Solange Martin Hug erwerbstätig war, gingen all seine Ferien für Rumänien-Einsätze drauf. «Das brauchte viel Verständnis seitens der Familie.» Er ist verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes. Bald wird er zum vierten Mal Grossvater. Hug gehörte gut 20 Jahre dem Ziefner Gemeinderat an, davon acht Jahre als Vizepräsident.

Vor Ostern fährt er mit weiteren Nikodemus-Helfern erneut in den Nordosten Rumäniens. Es ist eine Jubiläumsreise, die 100. Wie bei den vergangenen Hilfsaktionen werden Kleider verteilt, die in Räumen gelagert sind. Hin und wieder gibt es Probleme mit Bürgermeistern, die meistens für vier oder fünf Gemeinden zuständig sind. Es gebe Bürgermeister, die mit Herzblut dabei seien, und andere, die sich kaum um ihre Schäfchen kümmerten.

«Die Leute aber sind immer sehr dankbar», betont Hug. Dabei blendet er zurück auf seine ersten Besuche: «Wie wir früher in Siebenbürgen verköstigt worden sind, ist unwahrscheinlich. Das Wenige, das sie noch hatten, gaben sie uns.» Die Leute seien herzlich, gastfreundlich und ihnen gegenüber schon von Beginn weg «sehr aufgeschlossen» gewesen. «Wir wurden nie schräg angeschaut.»

Happy End für «Herzkranken»

Ein Ereignis ging Martin Hug besonders nahe. 1999 holte das Rumänien-Team Ziefen-Arboldswil einen angeblich herzkranken, zwölfjährigen Knaben aus Sovata (Siebenbürgen) in die Schweiz und liess ihn im Inselspital in Bern behandeln. Dort stellten Spezialisten fest, dass der Bube kerngesund war.

Dieser hatte in seiner Heimat einmal hyperventiliert. Einheimische Ärzte machten weis, der Junge sei schwer herzkrank und verboten ihm sogar, am Turnunterricht in der Schule teilzunehmen. Sie nahmen die Familie systematisch jahrelang finanziell aus. «Der Grossvater musste sogar ein Pferd verkaufen, um eine Arztrechnung bezahlen zu können», erzählt Hug mit aufgebrachter Stimme. Die Behandlung im Inselspital war gratis.

Die Familie konnte es erst gar nicht glauben, als ihr Junger gesund aus der Schweiz nach Hause zurückkehrte. Zuerst wünschte er sich einen Ball, um «schutten» gehen zu können. Um die Ärzte juristisch zu belangen, dafür hatte die Familie kein Geld. «Zudem ist das Gesundheitssystem korrupt», macht Hug deutlich. Noch heute hat er Kontakt mit dem Mann. Dieser ist inzwischen 32-jährig, hat vergangenes Jahr geheiratet und ist erstmals Vater geworden.