11. September
Immer dieselben Bilder flimmern über den Fernsehschirm

Muriel Mercier, Redaktorin bei der Basellandschaftlichen Zeitung, weilte am Tag, der die Welt veränderte, in New York. Sie erinnert sich, wie sie den Anschlag auf die Twin-Towers in Manhattan damals erlebete.

Muriel Mercier
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bz-Redaktorin Muriel Mercier in New York, im Hintergrund die Zwillingstürme, einen Tag vor dem Anschlag.

bz-Redaktorin Muriel Mercier in New York, im Hintergrund die Zwillingstürme, einen Tag vor dem Anschlag.

Die Vorstellung ist noch immer grotesk: Der Financial District von Manhattan ist gerade Schauplatz des schlimmsten Terroranschlags, den die USA jemals erlebt haben, während ich ein paar Blocks nördlich in meinem Zimmer in der Jugendherberge an der Lexington Avenue seelenruhig die Koffer packe. Um 10 Uhr soll mich und meine Freundin ein Bus abholen und zum Flughafen fahren. Ich hatte gerade zwei Monate in den USA verbracht – einen an der Juilliard School in New York und einen auf Reisen entlang der Ostküste. Am 11. September soll es – an jenem Morgen noch schweren Herzens – zurück in die Schweiz gehen. Dass ich mir nur ein paar Minuten später wünsche, bereits zu Hause zu sein, kann ich um 8.30 Uhr noch nicht ahnen.

Obdachloser hat alles beobachtet

Bereit für die Rückreise begeben wir uns in den Eingangsbereich der Jugendherberge. Dort heissts: «Der Bus kommt nicht, ihr könnt noch nicht gehen.» Weshalb, erklärt uns niemand. Wir gehen raus auf die Strasse und suchen eine Telefonkabine. Die Luft ist klar, nichts deutet darauf hin, dass vor wenigen Minuten Downtown etwas Schreckliches passiert ist. Endlich hat meine Freundin einen Telefonhörer in der Hand. Doch die Leitung ist tot. Ein Obdachloser kommt auf mich zu und erzählt mit weit aufgerissenen Augen: «Ein Flugzeug ist in einen Turm des World Trade Centers geflogen. Ich habe in der Nähe geschlafen und alles gesehen.» Ich drehe mich um und leite die unglaubliche Geschichte meiner Freundin weiter. Sie meint nur: «Er ist betrunken, das kann doch gar nicht sein.»

Zurück im Hostel flimmern dann aber die ersten Filme von Touristen, die mit ihren privaten Kameras vor Ort Live-Aufnahmen der entführten Flugzeuge gemacht haben, über den Fernsehschirm. Es bricht Hysterie aus. Jetzt realisieren wir, dass der Obdachlose keinen Mist erzählt hat. Wieder stürmen wir zu einer Telefonkabine. Die Leitung ist immer noch tot.

An vieles, was danach passiert, kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Stundenlang versuchen wir, in Basel unsere Familien zu erreichen. Währenddessen rennen unzählige Frauen und Männer an uns vorbei. Sie weinen, brüllen, wissen nicht, was tun. Wir wissen es auch nicht und setzen uns in die Lobby der Jugendherberge. Ein Zimmer haben wir nicht mehr, denn eigentlich wollten wir heute New York verlassen. Irgendwann fällt uns ein, dass wir uns um einen Rückflug kümmern sollten. Wann uns das klar wird, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls dauert es Stunden, bis jede von uns einen Sitzplatz in einem Flugzeug ergattern kann. Meine Freundin drei Tage, ich eine Woche später.

Verzweifelte Suche nach Familien

Es folgen lange Tage des Nichtstuns. In die Stadt können und wollen wir nicht. Immer wieder schleichen wir deshalb um dieselben Blocks, holen uns zu essen und trinken. Im Fernsehen werden immer noch unaufhörlich dieselben Szenen gezeigt: die in den Türmen explodierenden Flugzeuge, Augenzeugen-Berichte und – was am meisten unter die Haut geht – verzweifelte, weinende Frauen und Männer, die ihre Kinder, Schwestern, Väter, Mütter oder Grosseltern suchen. Auf Plakaten haben sie deren Bilder geklebt und fragen jeden, ob sie ihre Angehörigen lebend gesehen haben. Ein Angestellter im Hotel sagt unter Tränen, dass wohl jeder New Yorker jemanden kennt, der beim Anschlag ums Leben gekommen ist.

Jeden morgen müssen wir früh aufstehen und an der Réception mitteilen, dass wir noch eine Nacht hier bleiben müssen. Sind wir zu spät, wird unser Bett weiter gegeben. An einem Nachmittag halten wir dieses Rumhängen nicht mehr aus und wagen einen Ausflug in den Central Park. War im riesigen Stadtpark im Herzen Manhattens Tag und Nacht etwas los – auf den Wiesen wurde Baseball gespielt, die New Yorker sonnten sich im Gras oder lasen auf den Sitzbänken unter den Bäumen Zeitung – kann man jetzt die Leute an einer Hand abzählen. Die wenigen Park-Besucher, die da sind, führen ihre Hunde Gassi. Dennoch versuchen wir uns ein paar Stunden abzulenken und geniessen es, nicht immer nur den Erzählungen über den Anschlag zuhören zu müssen.

An einem der letzten Tage, die ich schliesslich alleine in New York verbringe, verabrede ich mich mit einem meiner Lehrer, der mich einen Monat zuvor an der Juilliard School unterrichtet hat. Hiero, der ursprünglich in Brasilien geboren war. In meinem Portemonnaie finde ich seine Telefonnummer. Wir wollen uns in einem Café treffen. Ich fahre hin und warte. Aber er kommt nicht. Erst am nächsten Tag erreiche ich ihn telefonisch. Er erklärt mir, er habe mich nicht treffen können. Er sei zum Ground Zero gegangen, um zu helfen. Was er dort tun konnte, habe ich nicht verstanden. Als ich wieder in Basel bin, schreibt mir Hiero in einer Mail, er würde nach Brasilien zurück gehen, in New York könne er nicht mehr leben.

Wie in einem schrecklichen Film

Heute, zehn Jahre nach dem furchtbaren Terroranschlag, kommt es mir zwischendurch unwirklich vor, dass ich am 11. September 2001 in New York meine Koffer packte und mich auf den Weg zum Flughafen machen wollte. Vor allem die Geschichte, dass ich weniger als 24 Stunden vor dem Anschlag mit dem Schiff auf Staten Island gefahren bin und Erinnerungsfotos des World Trade Centers vom Wasser aus gemacht habe, muss ich mir immer wieder vor Augen führen.

Die sieben Tage nach dem 11. September waren entsetzlich. Sie waren bestimmt von Warten, Fernsehschauen, mit niemandem reden können und sich darum kümmern, am Abend noch ein Bett zum Schlafen zu haben. Aber heute bin ich dennoch überzeugt, dass die Zeit der Ungewissheit über den Verbleib von meiner Freundin und mir für unsere Familien mindestens so schlimm war.