Herzstillstand
Immer mehr Defibrillatoren in den Gemeinden – sie alleine retten aber noch kein Leben

Öffentliche Defibrillatoren müssen da sein, wo man sie braucht. Und man muss wissen, wie man sie benützt. Beides ist derzeit nicht garantiert. Die beiden Basel möchten Ordnung ins Defibrillatoren-Wirrwarr bringen. Vorbild ist ein App-basiertes System aus dem Tessin.

Michel Ecklin
Merken
Drucken
Teilen
Auch Ettingen hat einen: An der Tramhaltestelle liess die Gemeinde einen Defibrillator montieren (hellgrüner Kasten), mit der Begründung, der Ort weise eine «hohe Personenfrequentierung» auf.

Auch Ettingen hat einen: An der Tramhaltestelle liess die Gemeinde einen Defibrillator montieren (hellgrüner Kasten), mit der Begründung, der Ort weise eine «hohe Personenfrequentierung» auf.

Kenneth Nars

Sie sind immer häufiger zu sehen: Defibrillatoren, die öffentlich zugänglich sind. Damit soll man Menschen reanimieren, die auf der Strasse einen Herzstillstand erleiden. Denn dann kommt es auf jede Minute an. Über 70 solche Geräte listet die Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion im Landkanton auf. Meist hängen Gemeinden sie bei ihren Sportanlagen, in Schulhäusern und in Gemeindeverwaltungen auf. Zudem stellen manche Firmen ihre Geräte so auf, dass sie öffentlich zugänglich sind.

Der Kanton führt die Liste zu rein informativen Zwecken. Viele Geräte sind nur zu gewissen Zeiten erreichbar, etwa diejenigen in den Gemeindeverwaltungsgebäuden. Wie viele wo hängen, liegt im Ermessen der Gemeinden und Firmen. «Wir hatten das Gefühl, dass wir mit einem Defibrillator Leben retten können», erklärt Hans Rudolf Aeberhard, Gemeindeverwalter von Ettingen. Die Gemeinde hat neulich an der Tramhaltestelle ein Gerät aufgestellt. Als Begründung gibt der Gemeinderat «die hohe Personenfrequentierung sowie die zentrale Lage im Dorf» an.

Das Tessin hat die Überlebenschance verfünffacht

Die Stiftung «Ticino Cuore» hat eine Anzahl First Responder ausgebildet. Das sind Laienretter, die Herzdruckmassagen durchführen können. Erkennt die Notrufzentrale 144, dass ein Herzstillstand vorliegt, wird über Handyortung der jeweils nächste First Responder benachrichtigt, der dann mithilfe des naheliegendsten Defibrillatoren eingreift. Zum Lebensrettungs-Konzept des Südkantons gehört auch die einheitliche, deutliche Beschilderung der öffentlichen Defibrillatoren. Das Tessiner Modell ist im Kanton gut akzeptiert. Bereits 20 Prozent der Bevölkerung gilt als geschult im Umgang mit Herzstillstand. Vandalismus an Defibrillatoren gibt es kaum. Deshalb gilt das Tessin in Sachen Bekämpfung von Herzstillstands-Todesfällen international als vorbildlich. Gemäss Eigenangaben der Stiftung konnte die Überlebenschance bei Patienten mit Herzstillstand im Tessin auf fast 50 Prozent gesteigert werden. In anderen Landesteilen liegt sie unter 10 Prozent.

Rettungskette ist zwingend

Experten sind sich einig: Defibrillatoren im öffentlichen Raum, die jeder benutzen kann, sind grundsätzlich eine sinnvolle Sache. «Je mehr hängen, umso besser», sagt Stefanie Oehler, Präventionsfachfrau bei der Schweizerischen Herzstiftung. Aber ebenso einig sind sich die Fachleute: Ein paar Defibrillatoren an einigen zufällig ausgewählten Orten reichen nicht. «Der Einsatz von Defibrillatoren ist nur ein Eckpfeiler der Wiederbelebung», sagt Marcel Schüepp, leitender Notarzt im Kantonsspital in Liestal.

«Wichtiger noch ist eine engmaschige Rettungskette, die beim Erkennen des Kreislaufstillstandes durch Laien beginnt und im Verlauf durch professionelle Rettungsorganisationen fortgesetzt wird.» Um dies zu erreichen, haben Vertreter aus Medizin, Politik, Verwaltung und Blaulichtorganisationen die Ersthelferstiftung Nordwestschweiz gegründet.

In Ettingen versichert der Gemeinderat, der neue Defibrillator könne «auch von Laienhelfern ohne besondere Vorkenntnisse eingesetzt werden». Tatsächlich gelten die neuesten Geräte dank Audio-Anleitung als idiotensicher. Doch wer noch nie eins in der Hand gehabt hat, wird es im Notfall trotzdem kaum verwenden.

Das ist die Erfahrung von Claude Brügger, im Samariterverband beider Basel zuständig für Kurse. Denn das technische Wissen über Defibrillatoren sei nur die eine Seite der nötigen Schulung, sagt er. «Ebenso wichtig ist das Überwinden einer psychologischen Schwelle.» Vielleicht würden Draufgängertypen hemmungslos zu einem Defibrillatoren greifen. «Alle anderen schrecken zurück, weil sie Angst haben, einen Fremden zu berühren oder etwas falsch zu machen.»

Dass immer mehr Defibrillatoren im öffentlichen Raum hängen, beobachtet er mit Skepsis. An abgelegenen Orten auf dem Land hält er zusätzliche Geräte für sinnvoll. «Aber wenn in der Stadt in jedem Laden eins hängt, ist das zu viel des Guten. Lieber sollten die Firmen ihre Mitarbeiter schulen.» Und an Schulen ergäben sie wenig Sinn. «Sie sollten eher dort sein, wo sich ältere Menschen bewegen.»

Tatsächlich empfiehlt das Swiss Resuscitation Council, Defibrillatoren dort aufzuhängen, wo sich während 16 Stunden täglich mindestens 250 Personen über 50 Jahre aufhalten. Gemäss diesen Massstäben, sagt der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen, dürfte dieses Ziel in Basel erreicht sein. Dort wurde dieses Jahr ein Projekt lanciert, «mit dem Ziel, die Lokalisation und Zugänglichkeit von Defibrillatoren zu verbessern und somit die Überlebensrate bei Herz-Kreislauf-Stillständen ausserhalb des Spitals zu verbessern». Konkret heisst das: 2018 dürfte Basel ein App-basiertes Alarmsystem einführen, wie das Tessin es kennt (siehe Kasten).

Aufgabe der Gemeinden ist unklar

So weit ist das Baselbiet (noch) nicht. Jürg Sommer, Leiter des Baselbieter Amts für Gesundheit, plädiert für ein «Konzept für die Ersthilfe bei Herzstillstand». Er verweist auf das Postulat von Landrätin Rahel Bänziger, das der Landrat im Mai überwiesen hat. «Demnach soll der Kanton prüfen, ob ein Notfall-Informations-Modell in unserem Kanton aufgebaut und möglichst rasch eingesetzt werden kann», sagt Sommer. Bis Ende Jahr soll analysiert sein, welche Angebote im Umgang mit Herzstillstand heute vorliegen und welcher Bedarf besteht. Auch Sommer schwebt das Tessiner Modell vor.

Allerdings ist unklar, wie stark sich der Kanton Baselland engagieren will. «Das werden die Regierung und der Landrat entscheiden», betont er. Offen ist zudem, inwiefern die Gemeinden oder Firmen in die Pflicht genommen werden. Brügger vom Samariterbund nennt in diesem Zusammenhang die Gemeinde Riehen als Vorbild. Diese hat nicht nur Defibrillatoren aufgehängt, sondern auch Anwendungskurse des Samariterbunds subventioniert.

Nicht undenkbar also, dass eines Tages Betreiber von publikumsintensiven Anlagen in die Pflicht genommen werden. Eine davon ist die Baselland Transport (BLT) – doch die winkt ab. Grundsätzlich stelle man die Wartehäuschen zur Verfügung, sagt Reto Rotzler, verantwortlich für die BLT-Infrastruktur. «Aber wir sehen es nicht als unsere Aufgabe an, selber Defibrillatoren aufzustellen.» Dafür seien wohl eher die Gemeinden verantwortlich.