«Klöpfer-Verbot»
Immer mehr Konsumenten verschmähen «Schwinigs»

Ein «Schweizer Kulturgut» sieht die SVP bedroht, wenn Schweinefleisch von den Menüplänen der Schulen genommen wird. Dabei haben die Schweizer schon lange keinen grossen Appetit mehr auf Erzeugnisse vom Schwein.

Benjamin Wieland und Julia Gohl
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Schweinefleisch wie Geschnetzeltes, Plätzli, Halssteaks und Würste landet in der Schweiz seltener auf dem Teller. (Symbolbild)

Schweinefleisch wie Geschnetzeltes, Plätzli, Halssteaks und Würste landet in der Schweiz seltener auf dem Teller. (Symbolbild)

KEYSTONE/AP/JENS MEYER

Binningen verbannt in den Primarschulen das Schweinefleisch von den Mittagstischen. Die SVP sieht darin einen Angriff auf die Schweizer Nationalwurst: den Klöpfer oder Cervelat, wie er ausserhalb der Region Basel auch genannt wird. Die Binninger Ortspartei erklärte ihn, wie Schweinefleisch generell, gar zum «Schweizer Kulturgut».

Doch dieses Kulturgut mundet einem wachsenden Teil der Schweizer Bevölkerung offensichtlich nicht mehr. Und das hat bei vielen keine religiösen Gründe – das liessen bereits die Antworten der Gemeinde Binningen erahnen, als sie den Verzicht auf diese Fleischsorte in den Primarschulen begründete: Die Schweinefleisch-Gerichte seien immer öfters stehen gelassen worden, deshalb habe sie der Caterer von sich aus weggelassen und stattdessen Alternativen aufgetischt.

Auch Allschwil verzichtet auf Schweinefleisch in den Institutionen der Gemeinde, gesundheitliche Überlegungen spielen dabei auch eine Rolle. «Unterschiedliche Ernährungswissenschaftler», schreibt die Gemeinde auf Anfrage, «unterstützen den Konsum von Schweinefleisch im Kindesalter nicht oder raten eher davon ab.» Dann werde zu Hause «bereits oftmals genügend Schweinefleisch konsumiert», etwa in der Form von Wurst- und Fleischmischprodukten. Dass es umgekehrt «viele Familien» gebe, die Schwein gänzlich aus dem Menüplan gestrichen hätten, treffe auch auf Allschwil zu. Was der Antrieb dieser Familien sei, dazu gibt es aus der grössten Baselbieter Gemeinde keine Angaben – auch Binningen weiss nicht, weshalb Eltern Schweinefleisch verschmähen.

Gäste wollen Ethno-Food

Eine Umfrage unter Branchenvertretern erhärtet die These, dass «Schwinigs» generell weniger beliebt ist als auch schon. Die SV-Group mit Sitz in Dübendorf führt schweizweit über 300 Kantinen und ähnliche Betriebe. Auch Mittagstische beliefert die Branchenleaderin mit Mahlzeiten. Den Rückgang des Schweinefleisch-Konsums beziffert SV-Mediensprecherin Manuela Stockmeyer auf zehn Prozent in fünf Jahren. Man führe dies auf «Gesundheitsaspekte, Migration und Esstrends» zurück, aber auch auf immer beliebtere «Ethnogerichte» aus der indischen, thailändischen und marokkanischen Küche. Diese kämen vielfach ohne Schweinefleisch aus. «Wir beobachten auch», schreibt Stockmeyer, «dass der Wurstkonsum und die Fleischmenge auf dem Teller generell zurückgehen.»

Mit einer schrumpfenden Nachfrage beim «Schwinigen» konfrontiert sieht sich auch der Metzgermeisterverband beider Basel. Präsident Martin Zimmermann schätzt den Rückgang auf «zwei oder drei Prozent während der letzten Jahre». Betroffen seien vor allem unverarbeitete Produkte wie Plätzli. Weniger stark sei die Abnahme bei Verarbeitetem wie Schinken oder Kochspeck. Zimmermann beliefert mit seinem Betrieb selbst mehrere Grossküchen. Dort sei die Nachfrage um gut 10 bis 15 Prozent zurückgegangen und es werde vermehrt auf Kalb, Rind und Poulet gesetzt. «Dabei wäre Schweinefleisch kostentechnisch interessanter», findet er. Nach wie vor macht Schweinefleisch hierzulande laut Zimmermann fast die Hälfte des Fleischkonsums aus.

Zumindest ein Caterer verzeichnet keinen Einbruch beim Schweinefleisch. Die Genossenschaft Mensch und Arbeit (ge.m.a.) in Basel, die grösstenteils Schulen und Kindergärten beliefert, schreibt auf Anfrage, die Nachfrage nach Mahlzeiten, die Schweinefleisch enthalten, sei «nur ganz schwach» und im Rahmen der anderen Fleischsorten zurückgegangen. Unter den Kunden der ge.m.a. gebe es keinen, der komplett auf Schweinefleisch verzichten möchte.

Die SVP-Fraktion im Binninger Orts-Parlament hat am Montag einen Vorstoss eingereicht, der die Wiederaufnahme von Schweinefleisch auf die Menüpläne der Mittagstische der Gemeinde fordert. Das Postulat wird wahrscheinlich im September behandelt – die Auftragsvergabe sei jedoch bereits erfolgt, sagt Binningens Gemeindepräsident Mike Keller (FDP) zur bz. «Wir sind bestrebt, die bisherige Praxis fortzuführen, da sie sich bewährt hat.» Es sei nicht Aufgabe der Gemeinde, den Primarschulkindern bestimmte Menüs vorzuschreiben. «Wir müssen stattdessen möglichst alle Geschmäcker erreichen, eine bestimmte Vielfalt bieten. Wenn das bisher nicht gelungen wäre, dann gehe ich davon aus, dass wir entsprechende Rückmeldungen erhalten hätten. Solche sind aber nicht eingetroffen.»

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