Ein-Blick
In Allschwil erinnert nichts an Omas Garten: «Boccia ist ein Leistungssport»

In der Rubrik «Ein-Blick» gewährt die «Schweiz am Wochenende» den Lesern Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft. Die Redaktoren beleuchten lustige Vereine, angefressene Sammler oder abgedrehte Nerds. Natürlich kann sich melden, wer sich angesprochen fühlt.

Anne Burgmer
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Bocciaclub Allschwil Ein-Blick
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«Man kann bis ins hohe Alter Boccia spielen.» Heinz Vögelin, Boccia Club Allschwil
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Bocciaclub Allschwil Ein-Blick

Kenneth Nars

Die weiss-rot marmorierte Bocciakugel liegt 920 Gramm schwer in der Handfläche. Der Daumen oben, die Finger unten. Der Spieler geht in die Knie, visiert die kleine rote Ziel-Kugel, den Pallino, an und rollt die Kugel über die Bahn.

Boccia, das weckt Erinnerungen an bunte Plastikkugeln im Garten der Grosseltern. Doch weit gefehlt. Wem Begriffe wie Boule oder Pétanque in den Sinn kommen, liegt ebenfalls daneben. In Allschwil, in der Bocciahalle des ortsansässigen Clubs, erinnert nichts an Omas Garten. Heinz Vögelin, Vize-Präsident des Bocciaclubs, schmunzelt bei dem Vergleich. «Boccia ist Leistungssport.» In der Schweiz wird es am intensivsten im Tessin gespielt, zwei Gold- und eine Bronzemedaille an den Weltmeisterschaften 2015 waren der grösste Erfolg der letzten Jahre.

Training zweimal pro Woche

An diesem Dienstagnachmittag werden in Allschwil alle vier Bahnen in der Halle beim Bachgraben bespielt. Zweimal wöchentlich wird trainiert. Der Bocciaclub Allschwil bezweckt die Förderung und den Betrieb des Bocciasports, heisst es in den Statuten. Wie so mancher Verein hat er ein Nachwuchsproblem. Eines der Ziele ist der Aufbau einer Juniorenabteilung. Das Alter der Mitglieder bewegt sich ab 40 aufwärts mit «Open End», betont Vögelin. «Beim Boccia muss man beweglich sein und auch in die Knie gehen können. Solange das geht, kann man bis ins hohe Alter Boccia spielen», erklärt er.

Allein 19 Neumitglieder gewann der Verein im letzten Jahr nach einem Infoanlass beim Förderverein der Spitex Allschwil-Schönenbuch. In der Halle sieht es auf den vier Bahnen aus, als sei ein Kaugummiautomat ausgeleert worden. Es klackert und knallt, bunte Kugeln fliegen und rollen über die 27,44 Meter langen und vier Meter breiten Bahnen.

Das sind Wettkampfmasse; in Allschwil könnten internationale Turniere durchgeführt werden. Allein die Infrastruktur drum herum, Hotels für die angereisten Boccia-Sportler und Zuschauer, fehlt. Eine moderne Bocciabahn besteht aus fünf Schichten. Die Reihenfolge, in der Beton, Kork, Asphalt und Flüssigkunststoff geschichtet werden, ist nicht festgelegt. Die Sandschicht muss täglich gepflegt werden, denn die Trainings und Wettkämpfe hinterlassen Spuren. Strassenschuhe haben auf der Bahn nichts zu suchen.

Stiefmütterliche Behandlung

Es ist eine Herausforderung, die Bocciakugel mit genau dosierter Kraft zum Pallino zu rollen. Der Selbstversuch endet mit kläglichen Ergebnissen. «Es kommen Schulklassen für Schnupperkurse in die Bocciahalle. Den Schülern, wie auch den Erwachsenen, ist gar nicht bewusst, dass sie die Kraft dosieren müssen und wie sie das bewerkstelligen könnten», erinnert sich Vögelin. Boccia sei ein Leistungssport, der mit Genuss von Jugendlichen und Erwachsenen ausgeübt werden könne.

Insgesamt, so glaubt Vögelin, wäre der Sport für viele eine spannende Sportart; lediglich an seiner Bekanntheit mangle es. «Nur zwei von hundert Personen wissen, was Boccia ist», erklärt Vögelin. Diese wüssten es dann oft aus dem Italien-
urlaub. Die Hotels dort hätten meist
Bocciabahnen.

«Es ist schade, dass Boccia als Leistungssport in der Nordwestschweiz etwas stiefmütterlich behandelt wird, denn es ist spannend. Selbst ein Zuschauer, die mit Boccia wenig am Hut hat, bekommt Handschweiss, wenn er einen spannenden Finalkampf sieht», sagt Vögelin augenzwinkernd. Diese Finalkämpfe können gut und gerne bis zu einer Dreiviertelstunde gehen.

Zu diesem Zeitpunkt haben die Spieler schon fünf oder sechs Kämpfe hinter sich. Das benötigt Kondition und – vor allen Dingen - Konzentration. Die Spannung steigt dann, wenn sich Einzelspieler oder Teams Wurf für Wurf und Zentimeter für Zentimeter an die 12 Siegpunkte heranrollen. Es wird genau gemessen und ein gut kalkulierter Wurf kann bis zuletzt alles verändern.