Bubendorf
In Bubendorf sind Rassisten auf Stimmenfang

In Bubendorf verteilen Unbekannte ein Flugblatt, das die rasche Ausweisung einer eingewanderten Familie fordert. Die Verfasser bleiben anonym. Der Gemeinderat verurteilt die anonyme Aktion aufs Schärfste.

Lucas Huber
Merken
Drucken
Teilen
Schon früher gab es Übergriffe: 2006 wurde aufs Asylbewerberheim in Bubendorf ein Anschlag verübt

Schon früher gab es Übergriffe: 2006 wurde aufs Asylbewerberheim in Bubendorf ein Anschlag verübt

Keystone

Im anonymen Flugblatt, das Anfang Monat an grosse Teile der Bubendörfer Haushaltungen verteilt wurde, ist die Rede von asozialem Verhalten, von verweigerter Integration und weiteren Aussagen, die die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Familie verletzen. Das Flugblatt, in dem Namen und Adresse der Betroffenen preisgegeben werden, wurde der bz von einer ehemaligen Bubendörferin zugespielt, die heute in Liestal wohnt. Ihre Entrüstung war gross, als sie das Schreiben von ihren Eltern zum Lesen erhielt.

Das Flugblatt befremdet auch Raphael Santschi, Wirtschaftsstudent an der Universität Basel: «Ich finde es eine Frechheit!» Insbesondere, dass der oder die Verfasser anonym blieben, empfände er als überaus feige.

«Verurteilen aufs Schärfste»

Dadurch, dass sich die Verfasserschaft bis heute nicht zu erkennen gegeben hat, sind der Gemeinde die Hände gebunden. «Wir verurteilen diese Handlung aufs Schärfste, sind aber nicht bereit, diesem anonymen Auftreten auch nur die kleinste Plattform zu geben», erklärt Gemeindepräsident Erwin Müller auf Anfrage. Der Gemeinderat hat mit vier Zeilen im Gemeindeanzeiger von Mitte Mai Stellung zum Flugblatt genommen und darin das betont, was Müller
erklärt: dass die anonyme Aktion aufs Schärfste verurteilt werde, dass man jedoch auf derart anonym vorgetragene Anliegen grundsätzlich nicht eingehe.

«Ich hätte erwartet, dass etwas getan wird, um die Verfasser zu finden und zur Verantwortung zu ziehen», zeigt sich Santschi enttäuscht von der Reaktion des Gemeinderats. Müller, darauf angesprochen, zeigt Verständnis und weist auf die tiefe emotionale Ebene hin, die dieses Thema zwangsläufig anspreche. Er betont jedoch noch einmal, den Verfassern jeglichen Nährboden entziehen zu wollen, «und schliesslich sind uns, rechtlich gesehen, die Hände gebunden.» Von Gesetzes wegen kann nämlich einzig die diffamierte Familie gegen das Schreiben vorgehen.

Frühere Fälle bekannt

Dieser werden im Schreiben ausserdem fehlende Deutschkenntnisse vorgeworfen, «obwohl das Flugblatt orthografisch und grammatikalisch auch nicht gerade überzeugt», so Santschi. Und tatsächlich reiht sich darin Fehler an Fehler.

Es endet schliesslich mit der Aufforderung, die Familie «ohne jegliche Rücksicht so schnell wie möglich aus der Schweiz» auszuweisen. Darunter folgt eine leere Liste mit dem Ersuchen, sie unterschrieben der Gemeinde zukommen zu lassen – die Spalte für die Unterschrift fehlt allerdings. Es habe denn auch kaum ein Echo gegeben, sagt Gemeindepräsident Müller.

Bereits in früheren Jahren ist es in Bubendorf zu diskriminierenden Aufschriften gekommen. «Neger raus!», stand einst in grossen Buchstaben auf den Strassenasphalt gekritzelt, und es wurde ein Lehrer öffentlich verunglimpft. Die Urheberschaft blieb stets anonym. Die Zahl der verteilten Flugblätter ist unbekannt.