verdingkind
In der Gemeinde, in der er litt, ist er heute der Chef

Paul Richener war einst ein Verdingkind in der Baselbieter Gemeinde Nusshof. Seither hat er sich hochgekämpft – und ist jetzt Gemeindepräsident des Dorfes, in welchem er so gelitten hatte.

Eric Breitinger
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Richener steht vor dem Bauernhof seiner Pflegefamilie.
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Vom Verdingkind zum Gemeindepräsident
Ein Schulfoto der Gesamtschule Nusshof mit dem 12-jährigen Richener.
Damals war Richener 15 Jahre alt und besuchte die Schule in Nusshof.
Richenern ist 17 Jahre alt und in der Abschlussklasse in Nusshof.
Heute ist Richener in Nusshof Gemeindepräsident – schon seit 14 Jahren.
Paul Richener: «Das Dorf ist der einzige Bezugspunkt, den ich je hatte.»

Richener steht vor dem Bauernhof seiner Pflegefamilie.

Zur Verfügung gestellt

Morgens um halb sechs raus, rüber in den Stall, ausmisten, dann die schweren Milchkessel zur Käserei am Dorfplatz schleppen. Nach der Schule die Kühe füttern. Am Nachmittag heuen, Kartoffeln oder Weizen ernten. Oder die kaputte Mauer der Scheune ausbessern, ein Migros-Wagen war dagegen gefahren. Seine Initialen im Beton sieht man heute noch.

Ruhe hatte er nur, wenn er die Briefe zum Aussiedler-Hof im Tal austrug. Der Bauer, bei dem er war, betrieb auch die Post im Dorf. Abends die Kühe tränken und den Stall ausmisten, um neun ins Bett fallen. So sahen die Tage von «Pauli» aus, seit er mit zwölf Jahren auf den Bauernhof gekommen war.

Paul Richener arbeitete hart für sein Essen und die Unterkunft, gehörte aber als Verdingbub trotzdem nie ganz dazu: In der Schule erzählten die anderen von zu Hause und die Töchter des Bauern berichteten daheim von ihren Erlebnissen in der Schule. Er schwieg, denn er hatte niemanden.

Heute ist er 65. Vergessen geglaubte Erinnerungen kommen hoch. So sagt er, dass «ich als Kind ständig in der Fremde lebte» und dass «du als Verdingbub ein Nichts bist.» Man sah ihm das lange auch an. Zuvor in der Schule in Basel trug er lange nur kurze Hosen, er hatte keine anderen. Später bekam er welche aus «Schülertuch», ein Geschenk der Basler Behörden. Der Stoff war grob, billig und kratzte. Die anderen machten sich über ihn lustig.

«Büebli, aus dir wird nichts»

Er bekam früh die staatliche «Fürsorge» zu spüren. Er war fünf, als die Basler Behörden seinem Vater, einem Isolierer bei der Ciba, die sechs Kinder wegnahmen, nachdem die Mutter fort war. Bei der Auswahl der Pflegeeltern schauten die Behörden weniger genau hin: In der ersten Familie musste Paul vorm Zubettgehen vor dem Pflegevater in der guten Stube die Unterhose herunterlassen, um zu zeigen, ob sie noch sauber war. Dessen vier Kinder guckten zu, lachten.

Die nächste Pflegefamilie schloss ihn ständig ein - jeden Abend und tagsüber, wenn sie ausging. Er war nie dabei. Er hatte auch kein Bett, sondern schlief auf dem Estrich, in den es hereinregnete. Die Pflegemutter beschwerte sich gemäss Behördenakten bei der Vormundin über sein «heuchlerisches Wesen», behauptete, dass Paul «Geld stibitzte und es wegleugnete». Sie behielten ihn nur wegen des Kostgeldes.

Seinen Vater traf er, wenn er mal wieder ausgebüxt war, im Kleinbasel. Paul mochte ihn, der Vater steckte ihm ab und zu «Schoggi» zu. Mit der Mutter war es schwieriger. In der Dämmerung stand er oft in der Mansarde des Kinderheims am Mühleberg, in das er mit neun Jahren gekommen war, schaute über die Wettsteinbrücke in Richtung Hammerstrasse, wo die Mutter wohnte. Am Sonntag durfte er manchmal zu ihr. Da hatte sie in der Fabrik frei. Sie nahm ihn mit zum Kegeln, oft mit ihrem neuen Bekannten, doch er sass meist abseits.

Beim Rückweg ins Kinderheim lief er über die Brücke und dachte, dass er jetzt genauso gut in den Rhein springen könnte. Er würde keinem fehlen.

Staatliche Willkür erlebte er auch später. «Pack deine Sachen», verlangte seine Vormundin eines Tages am Mittagstisch, Fräulein Widmer war eine Frau mit Dutt und faltigem Gesicht. Paul sollte am Nachmittag weiterzeichnen, der Sissacher Architekt brauchte den Entwurf. Er absolvierte seit 9 Monaten bei ihm eine Lehre zum Hochbauzeichner, sein Traumberuf. Aber die Vormundin befahl: «Nichts da, du kommst jetzt mit». Sie brachte ihn in sein neues Zuhause: ins Jugendgefängnis und -heim in Basel. Viererzimmer, ein schüchterner 16-Jähriger inmitten von Straftätern. Dabei hatte er nichts verbrochen.

Paul Richener rackerte sein ganzes Leben, um die Anerkennung zu bekommen, die er als Kind vermisst hat. Im Jugendgefängnis musste er Gärtner lernen. Der Leiter prophezeite ihm: «Büebli, aus dir wird nichts». Doch Richener machte bei der Polizei Basel-Stadt Karriere - zuerst Sicherheitsdienst, dann Antiterroreinheit, Ausbildner und später Leiter der Bussenzentrale.

Andererseits erzählte er seine Geschichte nie einem Kollegen. Und er fühlte sich, wie er sagt, auch nie so anerkannt wie die anderen mittleren Polizeikader, obwohl er mindestens so viel investierte wie sie.

Er ist seit 14 Jahren Gemeindepräsident. Nusshof hat in der Zeit ein neues Baugebiet erschlossen, ein neues Mülltrennungssystem eingeführt und die Gemeindekanzlei renoviert. Die Gemeinde ist schuldenfrei. Doch Paul Richener sieht seinen Einsatz nicht von allen anerkannt. Für ihn sei bald klar gewesen, dass er dem Dorf etwas zurückgeben wolle.

Schon als Zwölfjähriger sagte er zur Frau des Bauern: «Das Land da unten kaufe ich mal.» 37 Jahre später kam er zurück und baute dort. «Wo hätte ich auch sonst hin sollen?», fragt er: «Das Dorf ist der einzige Bezugspunkt, den ich je hatte.»