Dieter Spiess
«In der SVP bin ich teilweise auf Opportunisten und Egoisten gestossen»

Der abtretende Baselbieter SVP-Präsident erklärt, wie er in der eigenen Partei zu kämpfen hatte – und trotzdem ohne Frust geht.

Leif Simonsen
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SVP-Präsident Dieter Spiess in seinem Büro in Gelterkinden: «Arbeiten ist für mich keine Pflicht, sondern eine Gabe.» Nicole Nars-Zimmer

SVP-Präsident Dieter Spiess in seinem Büro in Gelterkinden: «Arbeiten ist für mich keine Pflicht, sondern eine Gabe.» Nicole Nars-Zimmer

Nicole Nars-Zimmer

Herr Spiess, in der Schweiz ist die SVP im Sinkflug und auch im Baselbiet hat sie verloren. Sie werden am 22. März als Baselbieter SVP-Präsident zurücktreten. Verlassen Sie nun das sinkende Schiff?

Dieter Spiess: Oh nein, die SVP ist keineswegs auf dem Sinkflug. Fakt ist: Wir haben nicht zulegen können. Verloren haben andere Parteien. An einem Beispiel kann der Sinkflug widerlegt werden: Die FDP Schweiz hat eine Weisung an ihre Kantonalparteien herausgegeben, mit der SVP keine Listenverbindung einzugehen. Mit einer Listenverbindung hätten wir im Herbst gesamtschweizerisch zusätzlich vier Nationalratssitze geholt. Nein, ich habe immer gesagt, ich mache zwei Wahlperioden.

Mit Ihrem Abgang beweisen Sie immerhin, dass Sie loslassen können. Fehlt es da bei der Mutterpartei an Einsicht, dass man den Jüngeren das Feld überlassen sollte?

Sie sprechen da Christoph Blocher an. Das liegt an seinem unmittelbaren Umfeld, das ihm nahelegen sollte, dass er eher im Hintergrund als im Vordergrund gebraucht wird. Es ist offenbar sein Wunsch, immer noch im Rampenlicht zu stehen. Aber ich sage mir grundsätzlich: «Gehe noch, solange man Dich noch will.» Auch ich bin mir natürlich bewusst, dass mich nicht alle wollen. Es gibt sicher einige in der Partei, die meinen Rücktritt kaum bedauern. Aber wo der Erfolg ist, sind die Neider nicht weit. Als ich als Präsident antrat, sagte ich, dass ich die SVP wie ein Unternehmen führen werde – im Bewusstsein, dass dies kaum möglich sein kann. Denn mein direkter Führungsstil kam nicht bei allen gut an. Wenn ich also beispielsweise dem SP-Präsidenten Martin Rüegg sagte, dass er als Staatsangestellter nicht verstehen kann, was Eigenverantwortung in letzter Konsequenz bedeutet, dann ist das hart, aber es trifft zu. Ich habe als Kantonalpräsident alles ehrenamtlich gemacht und war dadurch sehr unabhängig.

Sie kommen aus einer SVP-Familie. Hatten Sie nie das Bedürfnis, sich gegen Ihre Eltern aufzulehnen und ein Linker zu werden, wie es viele andere in der Jugend machen?

Ich wuchs in einer Kleinunternehmerfamilie auf. Das heisst, mir wurde schnell bewusst, dass der Staat nur dort eingreifen soll, wo es unbedingt nötig ist. Man soll danach streben, nicht vom Staat abhängig zu sein. Arbeiten ist für mich keine Pflicht, sondern eine Gabe. Schon als kleiner Knabe verbrachte ich die meiste Freizeit auf einem Bauernhof. Meine Eltern haben mir, wie es scheint, das Richtige mitgegeben. Dabei ist mein bester Jugendfreund aus einer SP-Familie. Ich habe da keine Berührungsängste mit den anderen Parteien. Ich habe eher Mühe mit Opportunisten – und die gibts auch in der eigenen Partei.

Welche Reaktionen bekamen Sie auf Ihre politische Tätigkeit im Umfeld oder auf der Strasse?

Eigentlich durchwegs positive. Es braucht viel Mut jemandem zu sagen, dass er ihn einen Hornochsen findet. Hingegen bekam ich oft zu hören, dass man wisse, woran man bei mir ist. In einem einzigen Fall war es so, dass mich jemand nicht mehr grüsste. Ich sprach ihn darauf an. Daraufhin antwortete er: «Bei Ihren politischen Aussagen will ich nichts mit Ihnen zu tun haben.» Ich legte ihm daraufhin meine Sichtweise dar: und zwar, dass man das Politische doch vom Rest trennen soll.

Haben Sie nie eines Ihrer markigen Worte bereut?

Nie. Mein Vater sagte mir, als ich mich für die aktive Politik entschied, dass ich Kunden verlieren würde. Seitdem ich als SVP-Präsident amte, habe ich nun aber im Gegenteil noch mehr Kunden. Es gibt auch viele SPler, die in mein Schuhgeschäft einkaufen kommen.

An wem orientierten Sie sich als Politiker? Hatten Sie Vorbilder?

Ich bin ich und kann kein Vorbild haben, denn ich bin ein Unikat. Selbstverständlich habe ich gewisse Politiker auch bewundert. Es klingt vielleicht überraschend, aber von Willy Ritschard (ehemaliger SP-Bundesrat, Anm. d. Red.) hatte ich hohe Achtung. Er war ein Arbeiter durch und durch. Ritschard war ein leuchtendes Beispiel eines Herzblutpolitikers. Aber prinzipiell bewundere ich eher Sportler wie den norwegischen Langläufer Björn Dählie.

Sie haben bis jetzt nur von Ihrem Leistungsausweis und von den Stärken gesprochen. Welches waren Ihre Schwächen als SVP-Präsident?

Ich würde sagen die Ungeduld...

...das klingt wie eine einstudierte Antwort an einem Vorstellungsgespräch.

Nein. Das ist tatsächlich eine Schwäche. Ich will möglichst schnell zum Ziel kommen und das ist nicht einfach. Eine Partei ist ein Verein. Hier sind viele nur im Nebenamt tätig. Da konnte ich bei den einzelnen Sektionspräsidenten die Messlatte nicht gleich hoch legen wie bei mir. Ich hätte viele, die in der Partei waren, nicht eingestellt in meinem Unternehmen. In der Partei bin ich teilweise auf Opportunisten und Egoisten gestossen. Und hier kommt meine Schwäche ins Spiel: Diese wurden von mir und meinem Tempo oft überfahren.

Wie schweizerisch sind Ihre Schwächen?

Sehr schweizerisch. Und wenn man es so dreht, dann ist es wiederum eine Stärke. Denn die Schweizer sind nur deshalb so weit gekommen, weil sie so tüchtig waren und sind. Ich war beispielsweise immer erreichbar, das können Ihnen die Medienschaffenden bestätigen.

Sie sprechen nur von Tüchtigkeit und Fleiss. Bleibt da das kreative Element nicht auf der Strecke?

Kreativität, wie ich sie verstehe, hat in der Politik kein Platz. Ein Parteipräsidium ist kein Spielplatz. Wenn man kreativ sein will, dann geht man Risiken ein, die man in dieser Funktion nicht eingehen darf. Das machte Franz Steinegger (ehemaliger Präsident der Schweizer FDP, Anm. d. Red.) beispielsweise, und er ist in meinen Augen der Urheber des Zerfalls der FDP. Ich stellte das Wertkonservative und somit die Grundpfeiler der SVP in den Vordergrund.

Also alles so behalten, wie es ist?

Selbstverständlich muss man sich Neuem gegenüber offen zeigen, aber das heisst nicht, dass man alles Bewährte dadurch über Bord werfen muss. Die Schweiz ist aber schön und muss erhalten bleiben.

Ein anderes Thema: Wer wird Ihr Nachfolger als Präsident der Baselbieter SVP?

Ich sitze nicht in der Findungskommission und kann Ihnen daher heute nicht viel dazu sagen. Ich will, dass die SVP weiterhin erfolgreich bleibt. In meiner Präsidialzeit konnten wir sowohl im Laufental als auch im Unterbaselbiet stark zulegen. Trotzdem ist hier noch Potenzial vorhanden. Vor allem die Gunst des bevölkerungsreichen Unterbaselbiets ist wichtig. Ich hoffe deshalb, dass der nächste Präsident aus dem unteren Kantonsteil kommt.

Gibt es in Ihren Augen den Graben zwischen dem Oberbaselbiet und dem Unterbaselbiet?

Ach, das ist doch eine hochgeschaukelte Thematik. Dafür sind wir ein zu kleiner Kanton. Ich weiss nicht, wer diesen Graben herbeiredet. Schliesslich wohnen im Oberbaselbiet mittlerweile äusserst viele Unterbaselbieter. Die Durchmischung ist zu weit fortgeschritten, als dass noch grosse Mentalitätsunterschiede herrschen könnten. Aber ich kann Ihnen sagen: Die Nordwestschweiz ist als Ganzes eine besondere Ecke. Wir sind hier von der Pharma verwöhnt und haben verlernt, zu kämpfen. Das könnte sich früher oder später mal rächen.

Was machen Sie eigentlich mit der Zeit, die Ihnen nun neu zur Verfügung steht? Ich nehme nicht an, dass Sie die Beine hochlagern werden.

Ich habe regelmässig 70 bis 80 Wochenstunden gearbeitet, in meinem Lehrmittelvertrieb, Dienstleistungsbüro und dem Schuhgeschäft sowie dem Präsidentenamt. Ich werde nun etwas mehr Zeit für mich und meine Familie haben, werde joggen, mich in der Natur aufhalten und Mountainbike fahren – und habe unternehmerisch schon etwas Neues vor.