Baselbiet
In keinem anderen Kanton sind derart viele Frauen an der Macht

Der Frauenanteil im Kantonsparlament beträgt 34,4 Prozent. Damit hat das Baselbiet die Nase vorn, nirgends in der Schweiz ist der Frauenanteil so hoch wie im Baselbieter Landrat. Weshalb?

Hans-Martin Jermann
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Der Frauentanteil im Baselbieter Parlament liegt bei 34,4 Prozent – das ist schweizweit der höchste Wert.

Der Frauentanteil im Baselbieter Parlament liegt bei 34,4 Prozent – das ist schweizweit der höchste Wert.

bz (Archiv)

Heute endet die Meldefrist für die kantonalen Wahlen vom 8. Februar 2015. Bald wissen wir, wie viele Kandidatinnen und Kandidaten in den Baselbieter Landrat wollen. Der Wahlkampf kann beginnen. Eine unter vielen Fragen, die in den kommenden Wochen interessieren wird, ist jene nach der Vertretung der Geschlechter.

Frauenanteil

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AZ

Vor dem Rücktritt von Landratspräsidentin Daniela Gaugler (SVP), die im Rat durch einen männlichen Parteikollegen ersetzt wurde, war der Frauenanteil im Landratssaal in Liestal gar noch um rund einen Prozentpunkt höher.

Auch das zeigt: Die aktuelle Spitzenposition des Baselbiets ist zu einem gewissen Teil dem Zufall geschuldet. Schon bei relativ geringen Umwälzungen am 8. Februar könnte Baselland punkto Frauenförderung hinter andere Kantone zurückfallen.

Eindrücklich zu beobachten war dies in Basel: Nach den kantonalen Wahlen 2008 wies der Grosse Rat den schweizweit höchsten Frauenanteil aus (37%). 2012 folgte dann der Absturz auf 31 Prozent; mittlerweile ist das weibliche Geschlecht im Basler Rathaus infolge zahlreicher Wechsel während der Legislatur wieder mit 34 von 100 Parlamentariern vertreten.

Trotz dieser Wellenbewegungen lässt sich aber eine Konstante ablesen: Seit den 1970er-Jahren sind beide Basel stets in den oberen Rängen zu finden. Doch weshalb ist dies speziell im Fall des Landkantons so?

Baselland war lange Vorreiter

«Baselland war lange ein fortschrittlicher Kanton», sagt die ehemalige SP-Nationalrätin Angeline Fankhauser (78) und betont dabei zugleich das «war». Die Aufbruchstimmung, die in den 1970er- und 1980er-Jahren Baselbieter Pionierleistungen im Umweltschutz, im Schulwesen oder in der Psychiatrie hervorgebracht habe, habe auch in der Frauenförderung Wirkung gezeigt, sagt Fankhauser.

Hinzu kommt, dass Baselland zu jenen acht Kantonen zählt, die das kantonale Stimm- und Wahlrecht für Frauen vor jenem auf eidgenössischer Ebene (1971) eingeführt haben. Fankhauser politisierte zwischen 1976 und 1983 im Landrat und wurde in jenem Jahr als erste Baselbieterin in den Nationalrat gewählt – notabene als zugezogene Welsche, wie sie lachend anfügt.

Die Oberwilerin sagt aber auch: Die starke Frauenvertretung sei vor allem auf das Engagement der Linken zurückzuführen gewesen. Diese These bestätigt Sarah Bütikofer, Politologin an der Universität Zürich: Die linken Parteien seien in der Regel aus ideologischen Gründen den Frauenthemen eher verpflichtet und dadurch offener, was das Einführen spezifischer Fördermassnahmen angehe.

Im Kanton Baselland gebe es seit Jahrzehnten eine starke Linke, in denen Frauen früh präsent waren – in den 70er-Jahren seien dies neben der SP die Poch, ab den 80er-Jahren dann die Grünen gewesen.

Drei Hürden zu bewältigen

Dass Rot-Grün für den hohen Frauenanteil in den Parlamenten sorgt, untermauern die aktuellen Zahlen aus den beiden Basler Kantonsparlamenten (Diagramm oben). Das aus Basta und Grünen bestehende Basler Grüne Bündnis liefert mit 69 Prozent den Spitzenwert.

In beiden Parlamenten fällt zudem die starke Frauenvertretung bei der CVP auf. Bütikofer hat dafür keine stichhaltige Erklärung, wie sie einräumt. In anderen Kantonen liege die Frauenvertretung bei der CVP ungefähr bei jener der FDP, sagt sie. Allerdings: Im Gegensatz zur Ost- oder Innerschweiz hat die CVP in der Region Basel kein katholisch-konservatives, sondern eher ein zwar bürgerliches, aber sozial-progressives Gepräge.

Bütikofer weist ferner daraufhin, dass schon wenige starke und engagierte Frauen in einer Partei zur Mobilisierung der Frauen beitragen könnten. Bei der CVP sind dies im Baselbiet Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter sowie ihre Vorgängerin Kathrin Amacker, auf nationaler Ebene verfügt die CVP mit Bundesrätin Doris Leuthard über ein weibliches Role Model mit starker Ausstrahlung.

Unterdurchschnittlich ist die Frauenvertretung bei den bürgerlichen Parteien FDP und SVP, wobei diese im Baselbiet höher ist als in der Stadt. Erklären lässt sich dies damit, dass Frauen auf dem Land auf kommunaler Ebene politische Erfahrungen sammeln und sich damit für höhere Weihen empfehlen können. Diese Möglichkeiten sind im Stadtkanton so nicht gegeben.

Vieles spricht dafür, dass die Vorauswahl entscheidend ist für einen hohen Frauenanteil in der Politik. Den Frauen (und auch Männern) stellen sich auf dem Weg zum Erfolg allgemein drei Hürden in den Weg:

Erstens einmal muss eine Frau überhaupt kandidieren wollen. Zweitens ist von grosser Bedeutung, inwiefern eine Partei Frauen intern bei der Listengestaltung fördert. Und drittens muss eine Frau dann auch vom Wahlvolk gewählt werden.

Für die Baselbieter Grünen-Nationalrätin Maya Graf ist das Verhalten der Parteien entscheidend. «Jene Parteien, die sich aktiv um die Frauenförderung kümmern und für ihre Listen Richtlinien definiert haben, weisen dann auch im Parlament höhere Frauenanteile auf.»

Die Baselbieter SP und die Grünen müssen auf ihren Listen auf eine ausgeglichene Vertretung der Geschlechter achten; entsprechend liegt der Frauenanteil im Parlament denn auch zwischen 40 und 50 Prozent. Die Wahl selber hat auf den Frauenanteil eher einen untergeordneten Einfluss. Profilierte und bekannte Kandidatinnen werden in der Regel auch gewählt.

Das bestätigt Politologin Bütikofer: «Es gibt keine Studie, die zeigen würde, dass Wähler Frauenkandidaturen systematisch von der Liste streichen würden.»