Eröffnung
In Muttenz wächst nun die Technologie der Zukunft

Das neue, vom Kanton geförderte Forschungs- und Entwicklungszentrum wird heute feierlich eröffnet. Das Zentrum soll mithelfen, die industrielle Innovation mit neuen Technologien weiter zu fördern,

Daniel Haller
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Das neue CSEM in Muttenz

Das neue CSEM in Muttenz

Nicole Nars-Zimmer

Bei der Eröffnungsfeier heute in Muttenz werden viele Gäste Produkte in der Tasche haben, an deren Entwicklung jene Gruppe des Centre Suisse d’électronique et de microtechnique (CSEM) beteiligt war, die nun nach Muttenz umgezogen ist: etwa die Fotolinse eines Nokia-Handys oder das Sicherheits-Hologramm auf der Kreditkarte. Trotz solcher Erfolge, einem Verwaltungsratspräsidenten Claude Nicollier und Ablegern in Zürich, Alpnach, Landquart, Brasilien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, blieb das CSEM in der Region Basel weitgehend unbekannt.

Aus der Katastrophe gelernt

Am Anfang stand ein Desaster: Die Schweizer Uhrenbranche verpasste es, die Quarz-Technologie industriell umzusetzen, obschon 1967 das Centre Electronique Horloger in Neuenburg die weltweit erste Quarzuhr entwickelt hatte. In der Folge musste die Hälfte der Schweizer Uhrenfirmen unter dem Konkurrenzdruck der Fernost-Quarzuhren schliessen, 90000 Stellen gingen verloren.

So etwas sollte sich nicht wiederholen. Deshalb fusionierten 1984 in Neuenburg zwei Forschungslaboratorien zum CSEM. An dessen Wiege stand unter anderen Swatch-Gründer Nicolas Hayek. Aufgabe: Neue Technologien sollten künftig in der Schweiz rechtzeitig den Weg in die Werkhallen und auf die Märkte finden. «Es geht primär um Technologiesprünge, etwa von der Schallplatte zur CD, zur DVD und schliesslich zu Blu-ray», erläutert Alexander Stuck, Leiter des Standorts Muttenz. «Wir arbeiten immer an der Technologie der kommenden Generation.»

Technischer Thinktank

Dass Stuck die Schallplatte als Beispiel nennt, ist kein Zufall: Die künftig in Muttenz fortgesetzte Arbeit wurzelt in einem Entwicklungslabor, das die RCA-Corporation 1967 in Zürich zur Verbesserung der Schallplatten-Prägetechnik gründete. «Wir kannten uns von Beginn weg aus mit kleinsten geometrischen Strukturen und deren Herstellung in Massenproduktions-Prozessen», betont Stuck.

In den 70ern entwickelte die Gruppe dann die Hologramme, die heute Banknoten, Halbtax- und General-Abos oder Kreditkarten fälschungssicher machen. Für solche Sicherheitselemente sieht Stuck einen grossen Markt in der Pharmaindustrie, um Medikamente gegen Fälschung zu schützen. Diese Forschung setzte sich nach dem Anschluss ans CSEM fort in der Entwicklung nanotechnischer Anwendungen, etwa von Oberflächen, die durch ihre Form antibakteriell wirken.

Dass 2008 ein Teil der Zürcher Gruppe nach Basel wechselte, hatte zwei Gründe: «Das CSEM benötigt für seine Arbeit ein industrielles Umfeld, wie es die Region Basel bietet. Zudem bestand seit Jahren eine strategische Zusammenarbeit auf dem Gebiet Polytronik (siehe unten) mit BASF Schweiz und deren Vorgänger Ciba.»

Vernetztes Arbeiten

Um Firmen zu helfen, neue Technologien in den Markt einzuführen, geht CSEM verschiedene Wege: Oft könne man Entwicklungsprobleme lösen, indem CSEM als Katalysator einer Rat suchenden Firma den Kontakt zu einem Unternehmen in einer anderen Branche vermittelt, das die über die gesuchten Fähigkeiten verfügt. «Wir haben ein weites Netzwerk zu Hightech-Firmen, Fachhochschulen und Universitäten», erklärt Stuck. Dazu gehört nicht zuletzt der Kontakt zu den anderen CSEM-Gruppen: etwa Mikro- und Nanotechnologie in Neuenburg, Robotertechnik in Alpnach oder optische Messtechnik in Zürich.

Typisch für die Arbeit von CSEM sind Entwicklungsprojekte mit einer oder mehreren Firmen, von denen jede andere Fähigkeiten einbringt.

Ziehen sich industrielle Partner zurück, bevor eine Technologie reif ist, arbeitet das CSEM daran weiter. Oft kommt nach ein paar Jahren wieder jemand, der das Wissen für eine andere Anwendung aufgreift. Diese Möglichkeit, Erkenntnisse vorläufig eingestellter Projekte für später zu bewahren, ist kostspielig und wird unter anderem durch die öffentliche Hand mit finanziert (siehe unten).

Projektleitung in Muttenz

Die Anlaufstelle für solche Projekte ist künftig in Muttenz. Dorthin sind nun 15 Personen für die Projektleitung sowie kleine Elektronik- und Mechanikwerkstätten aus Basel umgezogen. Die grossen Labors und der Reinraum bleiben hingegen mit elf Personen in der Rosentalanlage in Basel. «Dort alles abzubrechen und hier neu aufzubauen, wäre viel zu kostspielig», betont Stuck.