Autokino
In Pratteln leben die 50er-Jahre wieder auf

Knutschen auf der Rückbank des eigenen Autos und dabei Filmklassiker schauen: Der Traum der Rockin‘ 50s lebt aktuell wieder im Autokino auf dem Prattler Sprisse-Areal auf.

Lucas Huber
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Sie gehören beim Prattler Cinema Drive-in bereits zum Inventar: Die Rollergirls, die einem Cola und Burger direkt ans Auto liefern.

Sie gehören beim Prattler Cinema Drive-in bereits zum Inventar: Die Rollergirls, die einem Cola und Burger direkt ans Auto liefern.

Lucas Huber

Spektakulär senkt sich die Sonne hinter den Horizont, um glühend rote Wolkenschlieren zu hinterlassen. Es weht ein kaum merkliches Lüftchen, ein warmer Tag neigt sich dem Ende. Auf dem Asphaltplatz vor der grossen Leinwand reiht sich Oldtimer an Oldtimer, Käfer gehören hierher, Mustangs, Bel Airs, vielleicht eine rüstige Giulia, alfarot. Und natürlich Rock ’n’ Roll, Playboys, Pommes, gelfrisierte Tollen.

Männer mit Koteletten unterhalten sich mit Frauen in gepunkteten Faltröcken, man scherzt mit den Nachbarn, Bier fliesst aus angelaufenen Flaschen direkt in durstige Kehlen, Zigaretten werden lässig weggeschnickt. Dann setzt man sich in seine Fahrzeuge, schon bald beschlagen die ersten Scheiben. Schönheiten mit üppigen Dekolletés servieren Fettiges auf Rollschuhen und haben dabei noch einen lockeren Spruch auf den Lippen.

Man ist ausgelassen, man ist entspannt – und man frönt einer vergangenen Zeit, in der Stossstangen noch aus Chrom waren statt aus Kunststoff. Und in der Hamburger noch Hamburger waren – mit Tomatenscheibe, Zwiebelring und «good old Ketchup».

Realität nur um Nuancen anders

Das ist die Vorstellung vor dem Besuch des Autokinos, das sich «Cinema Drive-in» nennt. Am vergangenen Freitagabend startete die siebte Auflage, je zwei Filme ab 22 Uhr, je freitags und samstags, noch bis zum Monatsende. Ort des Geschehens: der Rangierplatz des Logistikunternehmens Sieber in Pratteln. Ja, Pratteln hat den Juli über ein Autokino – und Filmgenuss wie vor 60 Jahren. Mit der ganzen Nostalgie und dem unterschwelligen Gefühl, Teil eines Films zu sein und nicht nur Konsument. Und vor dem Filmgenuss wird einem die Scheibe saubergewischt.

Denn die Realität unterscheidet sich von der Vorstellung tatsächlich nur in Nuancen und nicht im Grundlegenden. Das ist erfreulich, denn die Angst, einer klischierten Verklärung aufgesessen zu sein, schwingt auf der Anfahrt nach Pratteln durchaus mit. Das Bild, das da vorher war, aus alten Filmen und einer weichgezeichneten Vorstellung der «rockin’ 50s», deckt sich natürlich nicht präzise mit der Prattler Realität, mit der nahen Autobahn, den Leuchtreklamen von «Otto’s» und «Erotikmarkt», dem gelegentlichen Vorbeirattern eines Güterzugs, der die Stimmen der Leinwandhelden übertönt.

Rollergirls mit flotten Sprüchen

Und dann sind da natürlich die Rollergirls, übrigens nicht alle rollend und auch nicht alle Girls. Ihr Auftritt ist darum nicht weniger cool, wenn sie Milkshakes und Flüssiges auf die Klapptischchen neben den Fahrertüren servieren. Mit Tabletts bewehrt und dieser lächelnden Leichtigkeit, die tatsächlich an die (ebenfalls verklärte?) lässig-freche Gastfreundschaft der 50er-Jahre erinnert, kurven sie zwischen den 80 – der Eröffnungsfilm war ausverkauft – aufgereihten Fahrzeugen umher, anfangs noch bei Dämmerung, später in ziemlicher Dunkelheit. Nur einmal hört man im Heck den dumpfen Aufprall eines Körpers auf dem Asphalt, ein zaghaftes «Uff», ein Aufrappeln.

Schellenursli war auch da

Während zum Aufwärmen noch Rock ’n’ Roll aus den Lautsprechern schallte, läuft mittlerweile der Film, und irgendwie verschwimmt die Grenze zwischen Leinwand und Autopulk, fühlt man sich definitiv als Teil des Anlasses, der ein Zwitter ist aus Zeitreise und klassischem Kinobesuch. Das Klischee verlangte nun nach «Bullit», «Vanishing Point» oder vielleicht den «Blues Brothers». Doch den Premierenfilm bestreitet «Schellenursli». Immerhin: Schellenursli höchstpersönlich, respektive sein Darsteller Jonas Hartmann, tummelt sich unter den Besuchern.

Das ist dem Co-Organisator Giacun Caduff zu verdanken, der Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der Regisseur, der Produzent, der Filmfestivalmacher. Das Autokino: seine Idee. Das Erlebnis: lässt keine Wünsche offen. Auch nicht bei den Nachbarn im Mini, deren Scheiben tatsächlich beschlügen, genössen sie den Film nicht bei offenem Verdeck; Claudia und ihr Freund knutschen bei heruntergekurbelten Rückenlehnen, und das zu «Schellenursli». Sogar diese Realität läuft dem Klischee den Rang ab.

Das Autokino läuft vom 8. bis 30. Juli auf dem Sprisse-Areal an der Lohagstrasse 14 in Pratteln.