Historie
In voller Rüstung von der Sonne gebraten: Ein umwerfendes Römerfest in Augusta Raurica

Die 24. Ausgabe des Römerfestes von Augusta Raurica war eine der eindrücklichsten der vergangenen Jahre. Die Sonne schien an beiden Tagen, was fast 21'500 Interessierte aufs Festgelände oberhalb von Augst lockte.

Lucas Huber
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Der Imperator mit seinem Hofstaat.
20 Bilder
In der Arena
Nach dem Gladiatorenkampf
Nach dem Gladiatorenkampf
Im Römerlager
Was für ein schmucker Helm.
Hier ist handwerkliches Geschick gefragt
Hier kann man hübsche Öllampen kaufen.
Hier wird gebastelt.
Jedes Detail ist wichtig.
Für Erfrischung ist gesorgt.
Wer gewinnt?
So sieht es in der Gladiatorenarena aus.
Die Gladiatorenkämpfe sind ein Höhepunkt des Römerfests.
Und schon marschiert sie wieder, die Legio XI
Das Römerlager ist eines der Highlights am Römerfest
Und so sah das Original Römerlager vor 2000 Jahren aus
Auch Legionäre müssen mal Pause machen
Schlecht gekämpft oder einfach nur Pech gehabt?
Die Legion braucht Nachwuchs

Der Imperator mit seinem Hofstaat.

Bojan Stula

Es wäre naheliegend, Dennis Christianson als Bär von einem Mann zu beschreiben. Doch dem Dänen mit den breiten Schultern und den Oberarmen eines Schwingers kommt der Löwe viel näher. Diesen trägt er nämlich auf sich, die Reisszähne über der Stirn, den Körper am Rücken. Christianson schwitzt, der Kopf ist rot, die Hände zittern: «ganz schön schwer!»

Der Däne ist einer von rund 1000 Darstellern, die dieses Wochenende das Römerfest in Augusta Raurica mit historischem Leben füllten. Als Vexillarius, ein Standartenträger der römischen Legion, frönte er seiner Leidenschaft, römische Geschichte in einem Ausmass an Authentizität nachzustellen, die das Römerfest zu einem der grössten und wichtigsten Anlässe römischer Geschichte machen.

Der Liveblog der bz

Lesen Sie zum erfolgreichen Römerfest 2019 auch den Liveblog der bz mit Bildern, Videos und Notizen:

- Das war's – das grosse Römerfest von Augusta Raurica ist Geschichte

Christiansons Gruppe, die «Legio VI Victrix coher II», umfasst über 100 Mitglieder, knapp 30 von ihnen nahmen die 17-stündige Busreise in die Schweiz auf sich, um im toilettenlosen Zeltlager zu übernachten, morgens um sechs von einem Horn aus dem Schlaf gerissen zu werden, Trainingsläufe in voller Montur zu absolvieren und im eisernen Harnisch im prallen Sonnenschein zu braten. «Aber ich geniesse jede Minute», sagt er lachend. Denn wer einen historischen Charakter darstellt, der macht das nicht nur für die Show, nicht nur, solange die Besucher zuschauen: «Wir nehmen das sehr ernst und ziehen das voll durch – 24 Stunden», sagt Christianson, der im richtigen Leben Schiffsingenieur ist. Die lebendige Darstellung von Geschichte ist mehr als ein Hobby: «Ich liebe das!»

Teilnahme am Römerfest: Ritterschlag für Darsteller

Den Auftritt seiner Gruppe in Augusta Raurica empfindet er als grosse Ehre. Schliesslich darf am Römerfest nur als Legionär, Gaukler oder Sklave auftreten, wer dazu eingeladen wird. Das gilt etwa auch für die italienische Tanzgruppe Danza Antica, die Kämpfer der deutschen Gladiatorenschule «Amor Mortis» oder Kaiser Hadrian mit seinem Gefolge.

Christiansons 6. Legion war erstmals dabei in Augst. Die Teilnahme sei schon so etwas wie ein Ritterschlag, sagt er, den Löwen auf dem Kopf und den Stolz in den Augen, während Kinder über sein Fell streicheln. «Das ist übrigens echt», strahlt er: Es stammt von einem toten Zoolöwen und bedurfte der Spezialbewilligung einer dänischen Behörde.

Ein Nachfolger könnte schon gefunden sein

Die Festbilanz: Hitze, Zuschauer und einmal Ambulanz

Die Verantwortlichen der Römerstadt zogen am Sonntagabend eine ausgesprochen positive Bilanz. Im Gegensatz zum Vorjahr schien an beiden Festtagen die Sonne bei strahlend blauem Himmel, was die Besucherzahlen automatisch hochschnellen liess. Wurden 2018 rund 20 000 Festbesucherinnen und -besucher gemeldet, waren es an der diesjährigen Ausgabe rund 21'400. Auch wenn die Hitze auf dem Festgelände manchem zusetzte, am Sonntagabend kam es kurz vor Festende deswegen noch zu einem Einsatz der Ambulanz, verlief der Festbetrieb problemlos. Der auf Platz eingesetzte Samariterverein Kaiseraugst vermeldete neben den Hitzefällen einige kleinere Verletzungen wie Schnittwunden. Die Feuerwehr Raurica errichtete zur Abkühlung mit zwei Schläuchen extra eine Spritzdusche, die vor allem von Kindern rege genutzt wurde. Wer konnte, suchte sich sonst einen Schattenplatz. Sehr gut liefen die Geschäfte bei den Markständen im oberen Festgelände. Einige meldeten lange vor Festende am Sonntagabend um 17 Uhr ausverkaufte Sortimente. So ging etwa aufgrund des Andrangs den Steckenpferden zum Selbermachen frühzeitig das Material aus. Die 25. Ausgabe findet am 29./30. August 2020 statt. Laut Römerstadt-Leiter Dani Suter wird die Jubiläumsausgabe in gewohntem Rahmen stattfinden (siehe Interview unten). (bos)

Braucht Dennis Christianson eines Tages einen Nachfolger, findet er ihn womöglich im zehnjährigen Aargauer Marc Andri. Der flanierte mit seinen ebenso römerbegeisterten Eltern über das Gelände, die Mutter als Gladiatrix, der Vater in einem Alltagsgewand. Und Marc Andri als Aquilifer, als Träger des Adlers der Legion. Kämpften der Däne und er in der selben Legion, der Jungspund wäre der Ranghöhere.

Weil Marc Andris Kopf aber noch keinen Löwen trüge, prangt ein Fuchs auf dem Helm des Jungen. Dass aus dem Fuchs bisweilen ein Löwe wird, sorgte unter anderem Corinne Hodel. Die Archäologin schlüpfte fürs Römerfest nämlich in die Rolle einer Kräuterhexe, wenn man so will. An ihrem Stand lag die römische Lebensmittelvielfalt aus, schliesslich waren die Römer bekannt für ihre kulinarischen Exzesse.

Zu denen gehörten Schweinsfüsse genauso wie Favabohnen oder Zwetschgen, Minze genauso wie Schnecken und Nüsse genauso wie Pilze. «Funde belegen, dass auch Spareribs sehr beliebt waren», erklärt Hodel. Viel Verwendung in der Küche fand auch Honig. In ihn wurden nicht nur Früchte zum Konservieren eingelegt; Honig zeugt auch vom einstigen Reichtum Augusta Rauricas.

Die altrömische Küche war viel näher mit der asiatischen Küche verwandt als mit der heutigen italienischen», weiss Corinne Hodel. «Das belegen Bodenfunde und schriftliche Überlieferungen.» Zu probieren gab es die lukullischen Genüsse in der Taberna gleich gegenüber Hodels Infostand. Hier schlüpften die Restauratoren Augusta Rauricas in die Rollen römischer Köche und kredenzten etwa Mulsum (gewürzten Weisswein), Ova Elixia (gefüllte Eier) oder diesen Linsen-Kastanien-Eintopf namens Lenticulum de Castaneis.

Chefkoch will Feedback der Teilnehmer

Für diesen erhielt Chefkoch Ronald Simke besondere Anerkennung – und auch dafür, die römische Küche derart hautnah erlebbar zu machen. «Das Feedback unserer Gäste ist durchweg positiv», sagt er. Das gilt auch für jenes der Darsteller: «Ihre Meinung ist natürlich besonders wertvoll», schliesslich sind ihre Gaumen römische Rezepte gewohnt. «Das ist dann schon ein Kompliment von höchster Stelle.»

Auf Simkes Gerichte freute sich auch Dennis Christianson: Nach dem grossen Aufmarsch der Legionäre hatte er einen Löwenhunger.

Römerstadt-Chef: «Wir können auf allen Ebenen zufrieden sein»

Dani Suter, Leiter der Römerstadt Augusta Raurica, zieht im Interview mit der bz Bilanz zum grossen Römerfest, das sich die dieses Jahr einem ausserordentlichen Besucheransturm gegenüber sah. Einer der Schlüsse aus der Nachfrage: Das Publikum will auch Workshops für Erwachsene.

Herr Suter, sind Sie mit dem Römerfest 2019 zufrieden?

Dani Suter: Ja, sehr. Wir können auf allen Ebenen zufrieden sein – organisatorisch, stimmungsmässig, vom Zuspruch und vom Inhalt her. Es ist mir wichtig, dass man hinter dem stehen kann, was man tut. Und das Team und die Mitwirkenden sind stolz auf das, was sie vermitteln konnten. Ich denke auch, dass die Besucher nicht nur hier waren, um sich unterhalten zu lassen. Sie konnten auch etwas mitnehmen.

Mit wie vielen Besuchern haben Sie im Vorfeld gerechnet?

Mit rund 20'000 Menschen. Das ist ungefähr aufgegangen. Am Samstag hatten wir etwas mehr, am Sonntag etwa gleich viele Besucher wie letztes Jahr. Das ist auch das, was wir uns wünschen. Wir wollen nicht jedes Jahr noch einen draufsetzen.

Was war Ihr persönliches Highlight des Fests?

Die unheimliche Zufriedenheit. Diejenige der Mitwirkenden, der Vereine, des Publikums. Die Stimmung war wirklich gut.

Nächstes Jahr ist das 25. Jubiläum des Römerfests. Ist etwas Spezielles in Planung?

Ja, ich habe auch gehört, dass es ein Jubiläum ist (lacht). Aber ich glaube nicht, dass wir deswegen etwas Aussergewöhnliches planen. Das würde unserer Philosophie widersprechen und wäre dem Stammpublikum gegenüber nicht richtig. Wir wollen nicht nur ein Highlight, sondern Kontinuität bieten. Daher denke ich kaum, dass 2020 die Regierung als Caesar verkleidet auftritt oder wir Regierungsrätin Monica Gschwind mit der Sänfte durch das Gelände tragen.

Wann beginnen die Vorbereitungen für das nächste Fest?

Die laufen bereits. Man ist immer schon während des Fests im Gespräch über neue Ideen. Es gab eine Reaktion aus dem Publikum, die ich ganz interessant finde. Zurzeit sind die Workshops eher auf Jugendliche oder ganze Familien ausgerichtet. Die Besucher wollen aber auch Workshops für Erwachsene. Ich weiss aber noch nicht, wie wir das genau umsetzen können. (ksp)