Hausbesuch
In Wiedemanns Zentrale: Zur Entspannung spielen sie «Isebähnli»

Die Grünen-Unabhängigen, jüngste Partei im Kanton Baselland, haben ihre Zentrale in einem Gemeinschaftsbüro in Birsfelden. Dort sieht es aus wie bei einem Piratensender, der von Buchhaltern betrieben wird.

Benjamin Wieland
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Im Herzen der Grünen-Unabhängigen: Landrat Jürg Wiedemann, Geschäftsführerin Saskia Olsson und Mitarbeiterin Alina Isler, die für das Komitee Starke Schule Baselland tätig ist.

Im Herzen der Grünen-Unabhängigen: Landrat Jürg Wiedemann, Geschäftsführerin Saskia Olsson und Mitarbeiterin Alina Isler, die für das Komitee Starke Schule Baselland tätig ist.

Kenneth Nars

Der jüngste Spross der Baselbieter Politik kam in einer schmucken Gegend zur Welt. Die Baslerstrasse befindet sich im Birsfelder Birsmatt-Quartier. Am Sonntag wird es exakt zwei Wochen her sein, dass von hier aus die Frohe Botschaft verkündet wurde: Die Grünen-Unabhängigen sind da!

Über die genaue Schreibweise des Namens konnten sich die Eltern wohl nicht sofort einig werden – zuerst wurde von Grünen und Unabhängigen gesprochen, die Geburtsurkunde jedoch verbürgt die Version mit Bindestrich. Die Kinderstube ist hergerichtet. Es ist der 2. Stock des Hauses mit Jahrgang 1922, eine 3-Zimmer-Wohnung, umfunktioniert zur Büro-Gemeinschaft. In der Bibliothek steht eine Modelleisenbahn der Spurweite G. Sie gehört Jürg Wiedemann, der Person also, die die Gründung der Grünen-Unabhängigen überhaupt erst notwendig machte, nachdem der Birsfelder am 26. März wegen angeblicher Illoyalität bei den Baselbieter Grünen ausgeschlossen worden war.

Er zügelte 1992 in das Haus an der Baslerstrasse und bewohnt heute die Dachwohnung. Das «Isebähnli» stamme jedoch nicht aus seiner Kindheit, sagt er, er habe es von einem Freund an einem Flohmarkt erworben. «Ich dachte, die passt hierher: Oft kommen Freunde mit Kindern zu Besuch und die freuen sich immer, wenn sie damit spielen dürfen.»

Wiedemann selbst wird selten Zeit zum Spielen finden. Denn er ist ein viel beschäftigter Mann. Der 54-Jährige arbeitet mit einem vollen Pensum als Mathematik- und Physiklehrer, er sitzt im Landrat und im Birsfelder Gemeinderat, und dann ist er auch im Komitee Starke Schule Baselland Mitglied, um nur einige Engagements zu nennen.

Neue politische Heimat

Seit Neuestem ist er nun auch Vorstandsmitglied der Grünen-Unabhängigen, der dritten Partei im Kanton, die mit dem Prädikat grün im Namen wirbt und in Bildungsfragen zum politischen Arm der Starken Schule aufgebaut wird. «Ich arbeite sicher 60 bis 70 Stunden pro Woche», sagt er. «Das geht aber nur, weil ich keine Familie habe.»

Dass er Politik nur als Spiel betrachte und nicht genügend ernst nehme, wird Wiedemann immer wieder vorgeworfen, zumindest hinter vorgehaltener Hand. Ein früherer Parteikollege sagt über ihn, er sei stur, lächle Probleme weg und gründe lieber rasch eine neue Partei, statt sich dem grossen Ganzen unterzuordnen. Die «neuen» Grünen wären – unter diesem Gesichtspunkt – sein neuestes Spielzeug. Doch dieser Darstellung widerspricht der Beschuldigte vehement: Die Führung der Grünen Baselland und er hätten «schlicht andere Auffassungen darüber gehabt, wie die Partei zu führen ist». Deshalb sei es besser gewesen, getrennte Wege zu gehen.

Sein Büro teilt sich Wiedemann mit Saskia Olsson. Die 22-jährige Studentin ging bei ihm zur Schule. Heute jedoch ist sie seine Chefin und Angestellte zugleich. Um diese Konstellation, die immer wieder für Verwirrung sorgt, zu verstehen, ist eine kleine Einführung ins System Wiedemann angebracht: Olsson ist Geschäftsführerin des Komitees Starke Schule, bei dem Wiedemann «nur» gewöhnliches Mitglied ist. Wiedemann jedoch beschäftigt Olsson stundenweise als Mitarbeiterin im Rahmen seines Landratsmandats. Bei den Grünen-Unabhängigen sind Wiedemann und Olsson gleichberechtigt: Beide sitzen im vierköpfigen Vorstand, neben dem Allschwiler Lehrer Michael Pedrazzi und alt Landratspräsidentin Esther Maag. Ihre Bürogemeinschaft funktioniere bestens, sagt Wiedemann. Olsson pflichtet ihm bei.

Im Büro sieht es aus wie bei einem Piratensender, der von Buchhaltern betrieben wird. Auf den Pulten stapeln sich Akten, die Magnetwand ist fast vollständig bedeckt mit Flyern, Listen, und sonstigem Papier. Aber im vermeintlichen Chaos hat alles seine Ordnung.

Auf einem Gestell stehen drei Dutzend Bundesordner. Es ist das Archiv der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) – einer weiteren Wirkungsstädte Wiedemanns: Er sass 17 Jahre lang im Leitungsgremium der GSoA. 2003, als er für die Grünen in den Landrat ging, trat er aus dem «Vorstand» zurück, ist aber bis heute Mitglied geblieben. Noch immer schwärmt er von der intensiven Zeit in der «basisdemokratischen Bewegung»: «Bei der GSoA konntest Du eine Idee in die Runde werfen, diese wurde diskutiert und dann ging es auch schon los. Und so war es zumindest zu Beginn auch bei den Grünen.»

Vielleicht erklärt die rote Ordnerwand das System Wiedemann am besten: Seine Zeit bei der GSoA ist vorbei, doch ihr Archiv ist geblieben – und damit auch ihre Philosophie.