Roboter
In Zwingen wird die vierte industrielle Revolution vorbereitet

Die in Zwingen entwickelten Multifunktionsroboter der Firma MT Robot AG läuten die vollständig automatisierte Industrie 4.0 ein. Wieso sich die deutschen Erfinder bei ihrer Firmengründung für die Schweiz und Zwingen entschieden haben.

Daniel Haller
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Andreas Drost (links) und Frank Nalenz von MT Robot am wandelbaren Unitr-Roboter. Dieser ist hier mit einem Kawasaki-Roboterarm bestückt.

Andreas Drost (links) und Frank Nalenz von MT Robot am wandelbaren Unitr-Roboter. Dieser ist hier mit einem Kawasaki-Roboterarm bestückt.

Juri Junkov/Fotograf

Der Rasenmähroboter wischt auch den Vorplatz, schneidet die Hecke, sägt und spaltet Brennholz und stapelt es unter dem Vordach ... Nein, das gibt es noch nicht. Aber die MT Robot AG in Zwingen entwickelt und produziert für Industrie und Spitäler Systeme, bei denen ein Roboter verschiedene Aufgaben erledigt. Deshalb steht das MT im Firmenlogo für «Multi-Talent».

Herz und Hirn dieses Universalgenies ist ein selbstfahrendes Fahrzeug namens Unitr. Anders als für den Rasenmäher muss man keine Drähte im Boden verlegen, damit der Roboter sich orientieren kann. Vielmehr reicht es, ihn per Joystick überall hinzusteuern, wo er später Dienst tut, damit er sich sein Arbeitsumfeld einprägt. Auch die Punkte, die er ansteuern soll, lernt er bei dieser Betriebsbesichtigung auswendig. Kommen später neue Aufgaben hinzu, kann man ihm diese per Touchscreen mitteilen. Über diesen Bildschirm erteilt man ihm auch seine aktuellen Aufträge.

Für die verschiedenen Jobs baut sich der Unitr selbstständig um: Rückwärts fährt er in die Station, auf welcher der Aufsatz gelagert ist, den er für die nächste Aufgabe benötigt, beispielsweise ein für den Medikamententransport spezialisiertes Modul. Hat er die Arzneien auf die Stationen verteilt, lädt er das Medikamentenmodul ab und schultert den Spezialschrank, um die Essenstabletts aus der Spitalküche auf die Stationen zu bringen. Geht seinen Akkus nach neun Stunden der Strom aus, sucht er eine Ladestation auf, um neue Kraft zu tanken.

Deutsche Idee, Schweizer Investor

«Die Idee für den Unitr hatte ich schon 2003», berichtet Andreas Drost, CEO der MT Robot AG. Sensor- und Robotertechnik sei sehr teuer. Doch würde ein System, das viele Dinge erledigen kann, sich schneller amortisieren. Hier liege die Chance für MT Robot. In Deutschland habe er für diese Idee eines flexibel einsetzbaren Service-Roboters bei Investoren immer wieder nur die kalte Schulter gesehen. «In Deutschland schielen bei Innovationen alle zuerst auf Fördergelder», stellt er fest. «In der Schweiz hingegen herrscht eine offenere Unternehmerkultur, wenn es um die Unterstützung neuer Ideen geht.» So fand er nach fünf Jahren erfolglosem Klinkenputzen einen Investor in der Schweiz und quartierte sich mit hoch ausgebildeten Software-Entwicklern im Businesspark in Zwingen ein. Dort hat die mittlerweile auf 13 Mitarbeitende angewachsene MT Robot AG immer noch Produktionsräume und einen Keller für Unitr-Testfahrten gemietet.

Drei Jahre Entwicklungszeit

Die Schwierigkeit bestand nicht zuletzt darin, die Orientierungssoftware des Unitr praxistauglich zu machen: So steht immer mal wieder ein unerwartetes Spitalbett im Gang, und in der Werkhalle wechseln die Paletten mit Material, Zwischenprodukten oder Abfällen permanent. Der Roboter soll sich trotzdem zurechtfinden. Hindernisse oder Menschen, die im Weg stehen, muss er kollisionsfrei umfahren können, ohne sich danach zu verirren.

Für solche Multifunktionsroboter sieht man bei der MT Robot AG einen steigenden Bedarf: Der lineare Aufbau von Produktionsstrassen werde zunehmend abgelöst von Systemen, in denen die einzelnen Maschinen vernetzt und flexibel genutzt werden – dies unter dem Stichwort «Industrie 4.0». Dafür sei der Unitr ein geeignetes Transportmittel zwischen den verschiedenen Maschinen.

Teilweise entwickelt MT Robot die Aufsätze für den Unitr und die dazugehörigen Stationen, an denen er Aufgaben übernimmt, selber. Oft arbeitet man aber auch mit Partnern zusammen. So liefert Kaiser Engineering aus Rheinfelden Roboter-Arme von Kawasaki, die durch den Unitr mobil werden und an verschiedenen Stellen der Produktionshalle automatisch zum Einsatz kommen, beispielsweise für die Maschinen-Bestückung. Eine ähnliche Zusammenarbeit besteht mit der Humard Automation SA in Delémont, die Automationslösungen für die Uhrenindustrie entwickelt.

Rascher Ausbau möglich

Noch ist man in Zwingen im Stadium der Kleinserien. 22 Unitr wurden seit seiner Lancierung 2011 montiert. Zielgrösse ist vorläufig eine Produktion von jährlich 200 bis 300 Stück. In der Tat stehen in der Werkstatt Testmodelle, die mit dem Namen eines renommierten Autoherstellers angeschrieben sind. Doch könnte das KMU einen grösseren Auftrag auch ausführen? Dafür sei vorgesorgt, meint Drost: «Unsere Teile lassen wir bei Zulieferern in der Region fertigen. Diese könnten den Ausstoss rasch hochfahren.»

Dann werden Roboter aus Zwingen Getriebeteile durch Fabriken transportieren, nachts die Werkhallen putzen, Inspektions- und Sicherheitsaufgaben übernehmen – so wie der eingangs geschilderte Rasenmähroboter, den es in dieser Komplexität aber kaum geben wird, denn für eine solche Gartenhilfe würde kaum jemand eine sechsstellige Summe bezahlen.