Grüner Strom
«Intakte Umwelt ist dann im Einzelfall wichtiger als grüner Strom»

Im Aufwind der aktuellen umweltpolitischen Ereignisse werden erneuerbare Energien gesellschaftsfähiger denn je. Vertreter der beiden grossen Baselbieter Naturschutzverbände nehmen Stellung zu den Möglichkeiten und Problemen.

Boris Burkhardt
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Pro Natura sieht im Birsfelder Rheinkraftwerk mehr Potenzial zur Energieerzeugung als in allen Kraftwerken an der Birs zusammen. Die Regierung betrachtet diese Einschätzung als veraltet. Archiv Martin Töngi

Pro Natura sieht im Birsfelder Rheinkraftwerk mehr Potenzial zur Energieerzeugung als in allen Kraftwerken an der Birs zusammen. Die Regierung betrachtet diese Einschätzung als veraltet. Archiv Martin Töngi

Vertreter der beiden grossen Baselbieter Naturschutzverbände, für Pro-Natura-Präsidentin und SP-Landrätin Mirjam Würth, für den WWF- Geschäftsführer Jost Müller, nehmen Stellung zu den Möglichkeiten und Problemen, die sie im Baselbiet sehen. Dabei verteidigen sie sich auch gegen den Vorwurf, Umweltschützer blockierten die Verwirklichung ihrer eigenen Forderungen, wenn es an den konkreten Bau von Wasserkraftwerken, Windrädern, Photovoltaikanlagen und Hochspannungsleitungen geht. Ihr wichtigstes Argument: Atomkraftbefürworter machen ihre Rechnung oft ohne das Potenzial des einfachen Stromsparens.

WASSERKRAFT In der Schweiz werden laut Würth bereits fast alle geeigneten Gewässer für die Wasserkraft genutzt: «Zu 95 Prozent entstehen die Kraftwerke im Einvernehmen mit den Naturschutzverbänden.» Würth kämpft dagegen, dass die Wasserkraft von der Atomlobby ständig auf die restlichen fünf Prozent reduziert wird: «Es gibt einfach gewisse Auen- und Flusslandschaften, wo der Nutzen eines Wasserkraftwerks in keinem Verhältnis zum ökologischen Schaden der Gewässer- und Landschaftsversiegelung steht.» Das gelte insbesondere bei Kleinkraftwerken.

Müller sieht das ähnlich: Im Baselbiet gebe es bei der Wasserkraft keine Probleme mehr; im alpinen Raum könnte das Nutzen-Schaden-Verhältnis in Zukunft allerdings öfter zur Diskussion stehen. Durch Kostendeckende Einspeisungsvergütung (KEV) könne es bald ökonomisch lukrativ sein, auch kleine Alpenbäche zu stauen, die durch schützenswerte Auen, Moore oder andere unbebaute Täler fliessen.

Landrätin Würth fordert schon lange mehr Augenmerk auf die Effizienz von Anlagen erneuerbarer Energien. Eine Austiefung des Rheinkraftwerks bei Birsfelden um nur fünf Prozent bringe beispielsweise laut einer Betreiberstudie von 1996 mehr Strom als alle zehn heutigen Birskraftwerke zusammen. In einem Postulat 2009 fragte Würth eine solche Austiefung an; die Antwort der Umweltdirektion lasse seither auf sich warten. Weil das Rheinkraftwerk beiden Basel und Baden-Württemberg gemeinsam gehört, gebe es zwar verfahrenstechnische Probleme und Unsicherheiten. Der Gewinn des relativ kleinen Eingriffs sei aber sehr hoch: Die Studie spreche von zusätzlichen 27 Gigawattstunden. Würth hofft, dass die Regierungen nach den aktuellen umweltpolitischen Veränderungen auch das Potenzial des Rheinkraftwerks neu beurteilen werden.

WINDKRAFT Pro Natura und WWF befürworten beide die Windkraft grundsätzlich. Bevor sie sich zu konkreten Standorten im Baselbiet äussern, wollen Würth und Müller aber erst die Standortsuche abwarten, die der Kanton momentan durchführt.

Auf einer solchen «äolischen Karte» werden geeignete Standorte für Windparks festgehalten: Da der Bund laut Müller das nicht übernehmen wollte, müssen das alle sechsundzwanzig Kantone einzeln tun. In der Nordwestschweiz mit den verzahnten Kantonsgebieten sei eine überkantonale Koordination unabdingbar. Der Kanton Solothurn habe vorbildlich eine solche Standortevaluation vorgenommen. Nun sei es am Kanton Baselland, diesem Vorbild zu folgen.

Für Müller steht bei der Einschätzung des Standortes zuoberst die objektive Rechtslage, ob beispielsweise Schutzgebiete betroffen sind. Auch erneuerbare Energien hätten «keinen Freipass und müssten sich an gesetzliche Rahmenbedingungen halten.» Die Anlagen dürften nicht einfach dort entstehen, «wo ein williger Grundbesitzer gefunden wird», sondern dort, wo auch der Standort optimal sei.

Wichtig sind für Müller auch Fragen der Zuführung, der Anschlüsse und von biologischen Vernetzungskorridoren, über die Tiere von einem Biotop ins andere wandern. Würth denkt dabei vor allem an den Vogelzug: Sind international bedeutende Flugrouten betroffen, sei der Naturwert höher zu bewerten als der ökologische Wert, sprich: «Intakte Umwelt ist dann im Einzelfall wichtiger als grüner Strom.»

Als nicht primär ordnet Müller hingegen das Argument der landschaftlichen Ästhetik ein. Sie sei ein Teil der Gesamtbeurteilung: «Wir können auch nicht einfach nur sagen: Das sieht hässlich aus; da sind wir dagegen.»

SONNENKRAFT Laut Müller liegt es nicht an den Dachflächen, die nicht genügend vorhanden wären, wenn die Sonnenenergie im Kanton noch zu wenig genutzt werde. Auch Würth fühlt sich bei der Solarenergie auf «ein bis höchstens fünf Prozent» der Fälle reduziert, wenn es um denkmalgeschützte Häuser in Ortskernen gehe. Wie beim Wasser gebe es 95 Prozent andere Fälle, sprich Hausdächer, die sich hervorragend für Photovoltaikanlagen anböten. Deshalb sieht Würth keine Priorität darin, Solaranlagen in Ortskernen zu erlauben, wie das einige Baselbieter Politiker fordern: «Ich habe aber auch kein Problem mit Photovoltaikanlagen in Ortskernen.»

TRANSPORTLEITUNGEN Pro-Natura-Präsidentin Würth setzt auf eine möglichst dezentrale Energieversorgung und ein intelligent gesteuertes Versorgungsnetz. Sie will damit «eine noch stärkere Verkabelung unseres Landes» weitgehend vermeiden. Konflikte bei neuen Hochspannungsleitungen seien teilweise dadurch lösbar, dass die Kabel in die Erde verlegt werden.

ENERGIEEFFIZIENZ Als wichtigste «Erneuerbare Energie» wird von Naturschützern immer wieder die Energieeffizienz genannt. Ein Potenzial, das Atomkraftbefürworter in der Diskussion gerne unterschlagen, denn sparen kann man den Strom natürlich unabhängig davon, wie er produziert wird. Laut dem Bundesamt für Energie beträgt dieses Potenzial 30 Prozent, die die Schweizer vom heutigen Energieverbrauch einsparen könnten. Alleine die 200000 «uralten» Elektrospeicherheizungen – «die grössten Energieverschwender, die es gibt» – brauchen laut Würth die gesamte Energie des AKW Mühleberg.

Auch Müller ist der Meinung: «Was möglich ist, wird zu wenig umgesetzt.» Die Frage der Effizienz füllt laut Müller «ganze Bibliotheken»: Er denke dabei an Stromgrundtarife, die falsche Anreize geben, veraltete Maschinen, die zu viel Strom fressen oder auch auf Volltouren laufen, wenn längst arbeitsfreies Wochenende ist oder im Falle von Heizungsumwälzpumpen die Heizsaison längst vorbei ist.

Er fordert deshalb: «Ökologie muss ökonomisch interessanter werden.» Die Politik müsse die Ware Strom in das marktwirtschaftliche System integrieren, weniger auf die Steuerung über Subventionierungen und Gebühren setzen. Pauschaltarife seien deshalb klar das falsche Anreizsystem; der Anreiz müsse über den Markt erfolgen.

Müller plädiert ausserdem für «Preiswahrheit», sprich: teureren Strom, in den auch die externen Kosten der Stromerzeugung einberechnet werden: «Wir müssen mit dem ‹echten› Preis in den Markt.» Der Sparwillige müsse belohnt werden, etwa über einen «Ökobonus», wie es ihn im Ansatz bereits in Basel-Stadt gebe. Mit diesem Bonus zahle jeder Stromkunde zwar mehr als jetzt; der Sparsame bekomme aber seine Einsparungen andernorts wieder zurück, während der Verschwender drauflege. Die Rückverteilung könne direkt oder über die Krankenkasse erfolgen.