Nach Gewaltexzess
Isaac Reber: «Arxhof-Bewohner werden engmaschig betreut»

Der Baselbieter Sicherheitsdirektor Isaac Reber nimmt erstmals Stellung zur Lage im Massnahmenzentrum für junge Erwachsene Arxhof.

Bojan Stula
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Wegen des jüngsten Vorfalls steht der Baselbieter Sicherheitsdirektor Isaac Reber «in engem Kontakt mit der Arxhofleitung und den Mitarbeitenden».

Wegen des jüngsten Vorfalls steht der Baselbieter Sicherheitsdirektor Isaac Reber «in engem Kontakt mit der Arxhofleitung und den Mitarbeitenden».

Nicole Nars-Zimmer niz

Die Betroffenheit über den Gewaltexzess eines jugendlichen Arxhof-Insassen während des Ausgangs in Basel sitzt tief. Die Umstände deuten darauf hin, dass der junge Mann vor einer Woche zusammen mit zwei anderen mutmasslichen Tätern zuerst einen 18-Jährigen spitalreif niederschlug und beraubte und kurz darauf einem 57-jährigen Opfer dieselbe brutale Behandlung zuteilwerden liess. Seither sitzt, wie die bz berichtete, das Trio in Basel in Untersuchungshaft.

Was den Fall von einem «gewöhnlichen» Überfall unterscheidet und ihm politische Brisanz verleiht: Aktuelle und ehemalige Arxhof-Mitarbeitende haben vor zwei Monaten in einem offenen Brief die Baselbieter Sicherheitsdirektion (SID) vor dem drohenden Kontrollverlust über die Insassen des Massnahmenzentrums gewarnt. Dies als direkte Folge der vom neuen Direktor Peter Ulrich verantworteten Betriebskultur, die unter den Mitarbeitenden «ein Klima von Angst, Orientierungslosigkeit, Misstrauen» gefördert und eine Kündigungswelle bewährter Betreuer ausgelöst haben soll. Gleichzeitig habe die Gefährdungslage auf dem Arxhof «massiv» zugenommen, da die Klienten «offensichtlich Drogen» konsumieren würden, was deren Gefährlichkeit «massiv» steigere.

Weil die Verfasser des offenen Briefes aus Angst vor Repressalien anonym bleiben wollten, lehnte es der zuständige Baselbieter Regierungsrat Isaac Reber zunächst ab, auf die massive Kritik einzutreten. SID-Generalsekretär Stephan Mathis und Arxhof-Direktor Ulrich dementierten mehrmals sämtliche Vorwürfe. Nun hält Sicherheitsdirektor Reber gegenüber der «Schweiz am Wochenende» fest, dass man trotzdem intern auf den offenen Brief reagiert hat: «Die Sicherheitsdirektion, die Arxhofleitung und die Arxhofkommission haben die anonymen Hinweise ernstgenommen, geprüft und festgestellt, dass sich die Vorwürfe nicht konkretisieren liessen.» Ebenso wenig hätten die zuständigen Stellen eine Gefährdung der Mitarbeitenden respektive der Bewohner auf dem Arxhof feststellen können. «Entsprechend wurden keine weiteren Massnahmen ergriffen», bestätigt Reber.

Reber inspizierte den Arxhof

Angesichts dieser Vorgeschichte setzt dem Baselbieter Sicherheitsdirektor und Grünen-Mitglied der brutale Angriff auf die beiden Passanten in Basel umso stärker zu. Am Mittwochnachmittag nahmen Reber und SID-Generalsekretär Mathis an einer Mitarbeiterversammlung im Arxhof teil, wo sie mit Mitarbeitenden diverse Gespräche führten. Der Vorfall beschäftige ihn und das Arxhof-Team gleichermassen, berichtet Reber, allerdings bestehe aus seiner Sicht nach wie vor kein «aktueller Handlungsbedarf». Erst wenn sich aus den Ergebnissen der hängigen Strafuntersuchung irgendwelche Massnahmen aufdrängten, würden «wir selbstverständlich entsprechende Schritte unverzüglich an die Hand nehmen».

Ausdrücklich bestritten wird vom Sissacher Magistraten der Verdacht, dass die kritisierte personelle Situation auf dem Arxhof den gewalttätigen Rückfall des Mannes begünstigt haben könnte. «Die Betreuung auf dem Arxhof ist hochprofessionell, und die Bewohner werden engmaschig betreut», entgegnet Reber. Er habe sich selber davon überzeugen können, dass «die Mitarbeitenden sehr motiviert und engagiert sind und ausgezeichnete Arbeit leisten». Zudem seien «die einweisenden Behörden mit der Arbeit des Arxhofs sehr zufrieden».

Mitten in die Aufregung um den Rückfall des Insassen platzte gestern Freitag die Nachricht, dass der langjährige Arxhof-Hausarzt Florian Suter seinen Rücktritt aus der Aufsichtskommission des Massnahmenzentrums per Ende Juni 2017 erklärt hat und an der Kommissionssitzung vom kommenden Mittwoch verabschiedet wird. Auf Nachfrage betont Suter, dass er diesen Entscheid lange vor den aktuellen Ereignissen aus rein persönlichen Gründen gefällt habe.

Wie Reber gibt sich der pensionierte Allgemeinmediziner überzeugt davon, dass zwischen der im offenen Brief angeprangerten personellen Situation und dem Überfall vor einer Woche kein direkter Zusammenhang besteht. «Das Arbeiten mit straffälligen Jugendlichen ist immer ein Risiko und die Gefahr des Rückfalls immer vorhanden. Ich gehe von einer zeitlichen Koinzidenz aus», sagt Sutter. Gemäss seinen Informationen sei der Arxhof-Insasse stark alkoholisiert gewesen, als er im Ausgang zusammen mit seinen Kollegen durchdrehte. «Unabhängig von der Ausrichtung der Institution kann es immer zu einem Alkoholexzess bei einem der Insassen kommen. Ich bezweifle, dass die Betreuenden einen Fehler gemacht haben, der direkt zu diesem gewalttätigen Übergriff geführt hat.» Ebenso wenig glaube er an eine «Verlotterung» bei der Betreuungssituation. Laut Suter liegt dem Konflikt zwischen Direktor Peter Ulrich und einem Teil des Personals vielmehr die «Kulturveränderung» zugrunde, die mit der Einführung des neu standardisierten Risikoorientierten Sanktionenvollzugs Einzug gehalten hat. Dieser stelle «vor allem langjährige Mitarbeiter vor Probleme».

Natürlich sehen dies die Kritiker der aktuellen Zustände auf dem Arxhof völlig anders. Auch für die Baselbieter Justiz- und Sicherheitskommission (JSK) ist der Fall damit nicht erledigt. «Es ist klar, dass ich das Thema an der nächsten JSK-Sitzung vom 12. Juni aufgreifen werde», kündigt Kommissionspräsident Andreas Dürr (FDP) an. «Ich habe schon nach den Vorkommnissen rund um den anonymen Brief erklärt, dass wir an den Entwicklungen im Arxhof dranbleiben.»

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