Jahrestag
Mit Volldampf ins Verderben: Vor 130 Jahren starben in Münchenstein 73 Menschen

Das bis heute schlimmste Eisenbahn-Unglück der Schweiz jährt sich am Montag, 14. Juni, zum 130. Mal. Nach der Tragödie wurden weitreichende Reformen in Angriff genommen – was elf Jahre nach dem Vorfall in der Gründung der SBB mündete.

Caspar Reimer
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Der Eisenbahnunglück ereignete sich am 14.6.1891 in Münchenstein

Der Eisenbahnunglück ereignete sich am 14.6.1891 in Münchenstein

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Am kommenden Montag, kurz vor halb drei Uhr nachmittags, sind es genau 130 Jahre her: Auf der Birsbrücke, unweit des Bahnhofs von Münchenstein, ereignete sich das grösste Eisenbahnunglück, das Kontinentaleuropa bis dahin und die Schweiz bis heute erlebt hatte. Dem Regionalzug 174, auf dem sich mehr als 500 Passagiere befanden, wurde die Eisenbahnbrücke – notabene konstruiert von Gustave Eiffel – zum Verhängnis: Das Bauwerk konnte dem Gewicht des Zuges nicht standhalten und stürzte ein.

Medien aus aller Welt berichteten über die Katastrophe: Nach einer langen Regenperiode soll am 14. Juni erstmals wieder die Sonne geschienen ha-ben und in Münchenstein, das damals noch Mönchen­stein hiess, fand gerade ein feuchtfröhliches Bezirksgesangsfest statt. Der Andrang auf den Zug, der von der Jura-Simplon-Bahn betrieben wurde, war entsprechend gross, und so wurden im letzten Moment zwei zusätzliche Waggons eingestellt und eine zweite Lok vorgespannt.

Die meisten Verstorbenen starben durch Ertrinken

Es war der 14. Juni 1891. Um 14.20 Uhr verliess der Zug den Basler Centralbahnhof. Zehn Minuten nach Abfahrt erreichte der Zug die rund 40 Meter lange Brücke. Als die erste Lokomotive schon fast das andere Ufer erreicht hatte, brach die Konstruktion zusammen. Beide Loks und mehrere Wagen wurden mitgerissen, landeten im reissenden Fluss. Dank der Druckluftbremsen kamen immerhin die letzten fünf Personenwagen des Zugs noch rechtzeitig zum Stehen. 73 Menschen starben bei dem Unglück, die meisten von ihnen ertranken, mehr als 200 Personen wurden verletzt.

«Das Jammergeschrei ist nicht zu beschreiben»: Helfer und Schaulustige bei der Unglücksstelle. Beide Loks und mehrere Waggons krachten in die Birs.

«Das Jammergeschrei ist nicht zu beschreiben»: Helfer und Schaulustige bei der Unglücksstelle. Beide Loks und mehrere Waggons krachten in die Birs.

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«Das Jammergeschrei der verwundeten Unglücklichen ist nicht zu beschreiben, viele ereilte aber der Tod, ohne dass sie einen Laut zu geben vermochten», berichtete die «National-Zeitung» in einem Extrablatt vom 15. Juni. Ein Augenzeugenbericht hält fest: «Es war ein fürchterliches Bild, das sich den herbeigeeilten Festbesuchern darbot. Einerseits dieses ­Zischen und Brodeln der in der wilden Birs liegenden Lokomotiven, andererseits Hilferufe und Stöhnen zwischen der in zertrümmerten Wagen eingeklemmten Passagiere.»

Am Ende eines Jahrhunderts, in dem die Entwicklung der Eisenbahn einen regelrechten Boom erreicht hatte, die Technik verbessert und so- gar überall auf der Welt neue Strecken gebaut wurden, war die ­Katastrophe ein schwerer Schlag: Vor dem Unglück stand gerade das Baselbiet noch unter dem Eindruck der damals hochmodernen elektrischen Eisenbahn zwischen Sissach und Gelterkinden, die im Frühling eingeweiht worden war.

500 Passagiere befanden sich im vollbesetzen Zug.

500 Passagiere befanden sich im vollbesetzen Zug.

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Die Presse schrieb über die dortige Lokomotive mit fast religiöser Bewunderung – von «einer wunderbaren, geheimnisvollen Kraft» war da zu lesen. Die Katastrophe vom 14. Juni schien jenen recht zu geben, die stets vor den Gefahren des technischen Fortschritts gewarnt hatten. Und natürlich beschäftigte die Frage: Wer trägt Schuld an der Katastrophe?

Den Verantwortlichen der Jura-Simplon-Bahn wurde vorgeworfen, Profitstreben über die Sicherheit der Fahrgäste gestellt zu haben. Denn eine Untersuchung der ETH Zürich attestierte der Brücke kein gutes Zeugnis: Sie sei in einzelnen Teilen «von Anfang an zu schwach und konstruktiv mangelhaft». Zudem hatte die Brücke durch ein Hochwasser eine «bleibende Schwächung» erfahren.

Die Jura-Simplon-Bahn gab ein Gegengutachten in Auftrag, einige Gerichtsverhandlungen folgten, zu einem Schuldspruch kam es nicht. Einzig Entschädigungen an Betroffene und Hinterbliebene wurden gezahlt.

Elf Jahre nach Katastrophe wurden SBB gegründet

Als Folge des Unglücks wurden sämtliche Schweizer Eisenbahnbrücken überprüft, etliche verstärkt. Die Diskussion darüber, ob die Privatbahnen verstaatlicht werden sollten, flammte neu auf. Befürworter einer Verstaatlichung argumentierten, dass die Bahnen nur sicher funktionieren können, wenn sie unter der Leitung des Bundes stünden. Doch erst bei einer Volksabstimmung 1898 fand sich eine Zweidrittelmehrheit für das Anliegen. 1902 wurden die SBB gegründet.

Bis heute erinnert ein von der Jura-Simplon-Bahn gestifteter Obelisk auf dem Friedhof von Münchenstein und ein Gedenkstein auf dem ehemaligen Dorffriedhof von Reinach an die Katastrophe. Zudem gründete die Basler Familie Zaeslin die Stiftung Hofmatt als Andenken an zwei bei der Tragödie verstorbene Familienmitglieder.

Die Stiftung hat ihr Domizil an der Pumpwerkstrasse – in Sichtweite zum Unglücksort.