Jahrhundertprojekt
Birsfelden hat sich zusammengerauft und gibt sich ein neues Zentrum – falls das Volk Ja sagt

Inmitten von Birsfelden sollen die heutigen Wiesen und Teerflächen zu einem neuen Stadtquartier werden. Das hat die Gemeindeversammlung am Montag deutlich beschlossen. Das letzte Wort hat aber wohl das Volk an der Urne.

Michel Ecklin
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Flanieren statt Parkieren: Am 13. Dezember 2021 stimmt die Birsfelder Gemeindeversammlung über den Quartierplan Zentrum ab.
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Blick in die Hauptachse «In der Gasse». Den Weg gibt es bereits, daneben ist jedoch mehrheitlich Wiese.
Hier steht schon das neue Hochhaus an der Birs, das nicht zum Quartierplan-Perimeter Zentrum gehört.
Das «neue» Birsfelden aus der Vogelschau, von Birs bis zum Rhein.
Der Kastanienhof, im Hintergrund die reformierte Kirche.
Der Lavaterplatz. Einige ältere Gebäude sollen stehen bleiben, so etwa die alte Turnhalle in der Bildmitte.
Der heutige Zentrumsplatz. Eine grosse Fläche nimmt der öffentliche Parkplatz ein.
Inklusive den begrünten Dachflächen würde die Grünfläche sogar zunehmen, verspricht der Quartierplan, ebenso die Zahl der Bäume.
Die Gegnerschaft fürchtet, dass zwei Schulhäusern die Neubauten zu nahe kämen, auch dem Schulhaus Links.
Der Zentrumsplatz hat in den letzen Jahren an Attraktivität verloren. So schlossen die Filiale der BLKB und die Poststelle (links im Bild).
Was Aussenstehende meist übersehen: Neben der Hauptstrasse hat Birsfelden auch eine wichtige Nord-Süd-Achse.
Die meisten Flächen, die überbaut würden, gehören der Gemeinde. Sie hält die Pazellen als Landreserven.
Blick auf zwei Schulhauser. Unter dem Strich sollen sich die Investitionen für die Gemeinde lohnen: Es wird mit einem Plus von sieben Millionen Franken gerechnet.

Flanieren statt Parkieren: Am 13. Dezember 2021 stimmt die Birsfelder Gemeindeversammlung über den Quartierplan Zentrum ab.

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Vor rund zehn Jahren schien es in Birsfelden unmöglich, Mehrheiten für Bauprojekte zu finden. Die Politik war zerstritten, Argumente liess man nur deshalb nicht gelten, weil sie vom Gegner kamen. Trotz offensichtlicher Probleme – Stichwort «strukturschwache Gemeinde» – drohte eine Planungsblockade. Unter anderem scheiterten mehrere Anläufe, das Zentrum der Gemeinde neu zu gestalten. Dabei ist das seit Mitte der 1950er-Jahre ein Thema.

Am Montagabend zeigte sich ein ganz anderes Bild: Mit einem deutlichen Zweidrittelsmehr segnete die Gemeindeversammlung die vollständige Umgestaltung der Mitte Birsfeldens. Voran ging eine stundenlange Diskussion ohne jegliche Gehässigkeiten oder persönliche Vorwürfe, nur mit sachlichen Argumenten. Dabei handelt es sich um ein Jahrhundertprojekt, das die Gemeinde «für Generationen ändern wird», wie mehrere Redner sagten.

Kritiker wollen weniger Dichte

Denn das Zentrum Birsfelden soll grossräumig bebaut werden, eine Fläche von rund vier Fussballfeldern, die heute mehrheitlich aus Rasen- und Teerflächen besteht. Die Pläne sehen 200 Wohnungen vor, die zu 80 Prozent von gemeinnützigen Bauträgern erstellt werden, was für einen Bewohnermix und Belebung sorgen soll. Es soll eine städtische Situation mit Gassen, Plätzen und hohen Bauten entstehen. Die Kritiker möchten weniger Dichte, dafür mehr Freiraum behalten, das brachten sie im Vorfeld und auch an der Gemeindeversammlung zum Ausdruck.

Dabei ist die Idee der Planer, dass es zwar weniger Grün- und Freiraum als heute geben wird, dafür qualitativ hochwertigeren. Umgesetzt soll das mit einem Quartierplan, der den Bauherren zahlreiche Vorschriften auferlegt, etwa punkto Artenvielfalt der Begrünung. Finanziell soll für das finanziell chronisch klamme Birsfelden ein Gewinn herausschauen, in Form von Steuereinnahmen und Baurechtzinsen.

Letzte Hürde: Das Volk

Eine Mehrheit der 350 Anwesenden in der Turnhalle vertraute dem Gemeinderat, dass dieser Deal funktioniert. Mit der deutlichen Zusage der Gemeindeversammlung kommt ein Planungsprozess in die Zielgerade, der 2013 begonnen und in dem die Bevölkerung einige Mitwirkungsmöglichkeiten hatte.

Eine letzte Hürde muss das Jahrhundertprojekt Zentrum allerdings noch nehmen. Denn wie erwartet ergreifen die Gegner das Referendum. Hans-Peter Moser vom «Komitee für ein grünes Zentrum» begründet das so: «Es ist bei einem so grossen Projekt wichtig, dass nicht nur fünf Prozent der Stimmberechtigten an der Gemeindeversammlung entscheiden. Es braucht einen soliden demokratischen Entscheid.» Für das Zustandekommen eines Referendums sind in Birsfelden 500 Unterschriften nötig.

Laut dem Gemeinderat, der das Referendum bereits eingeplant hat, ist der Urnengang im Mai 2022. Sagt das Stimmvolk Ja, dürfte die Birsfelder Entwicklungsblockade endgültig gelöst sein. Denn das neue Zentrum ist das bedeutendste in einer Reihe von Bauprojekten, mit denen sich die Gemeinde ein neues Gesicht geben will. Bereits abgesegnet hat die Gemeindeversammlung einem Wohnturm an der Birseckstrasse. Ein zusätzliches Hochhaus ist beim Birssteg geplant, neben weiteren privaten Wohnprojekten im ganzen Gemeindegebiet.

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