Jenische und Sinti
Gute Noten für den «neuen» Durchgangsplatz in Wittinsburg

In den ersten Septembertagen feiert der Durchgangsplatz Holchen nahe Wittinsburg seine Wiedereröffnung. Der Kanton hat die befristete Bleibe für Fahrende für 1,2 Millionen Franken rundum erneuert.

Bojan Stula
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Dave Huser ist als erster Gast am wiedereröffneten Durchgangsplatz Holchen in Wittinsburg ein gefragter Mann.

Dave Huser ist als erster Gast am wiedereröffneten Durchgangsplatz Holchen in Wittinsburg ein gefragter Mann.

Bojan Stula

Die rund 2000 bis 3000 Jenischen und Sinti in der Schweiz beklagen einen dramatischen Mangel an Stand- und Durchgangsplätzen. Als festen Wohnsitz im Winter bräuchte es bis zu 50 Standplätze, doch aktuell sind nur 16 verfügbar. «Nicht besser verhält sich die Situation bei den Durchgangsplätzen», schreibt die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende in ihrem aktuellen Standbericht: Nur 24 Durchgangsplätze könnten als vollwertige Einrichtungen angesehen werden, weswegen laut Bericht rund 50 weitere Durchgangsplätze benötigt werden, «um den Jenischen und Sinti die fahrende Lebensweise zu ermöglichen».

An diesem generellen Platzmangel ändert auch der am Dienstagvormittag den Medien vorgestellte, frisch sanierte Durchgangsplatz Holchen nur wenig. Den unterhalb von Wittinsburg an der Hauensteinstrasse gelegenen Standort gibt es bereits seit 1993; anstatt der fünf maroden Stellplätze auf dem einstigen, vom Wald umsäumten Teerweg hat es neu Platz für zehn Familien auf einer weiträumigen Freifläche.

Zusammen mit dem Liestaler Durchgangsplatz Gräubern stellt Holchen den Baselbieter Beitrag zu den im Standbericht erwähnten 24 «vollwertigen» Plätzen dar. Hinzu kommen zwei weitere, von den Gemeinden betriebene Durchgangsplätze in Aesch und Allschwil; doch zählten diese zur Kategorie der «nur sehr eingeschränkt nutzbaren» Standorte.

Ein fester Standplatz im Landkanton fehlt hingegen weiterhin, trotz jahrelanger Diskussionen und entsprechender Aufforderung in der Kantonsverfassung. Beim Baselbieter Hochbauamt gibt man sich diesbezüglich bedeckt: «Wir arbeiten daran», sagt Projektleiter Jonas Wirth.

Auf konkrete Bedürfnisse der Fahrenden eingegangen

Zufrieden mit dem Resultat: Projektleiter Jonas Wirth und Hochbauamt-Kollegin Brigitte Reinhard.

Zufrieden mit dem Resultat: Projektleiter Jonas Wirth und Hochbauamt-Kollegin Brigitte Reinhard.

Bojan Stula

Trotzdem ist für Simon Röthlisberger Baselland ein Musterkanton: «Hier herrscht eine positive Grundstimmung.» Der Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende betont die gute Zusammenarbeit mit dem kantonalen Hochbauamt, die darin resultierte, dass bei der Holchen-Sanierung verschiedene von den Betroffenen geäusserte Bedürfnisse umgesetzt worden seien. Wenngleich sie kaum etwas am generellen Platzmangel in der Schweiz ändere, so stelle doch der Durchgangsplatz in Sachen Infrastruktur einen Riesenschritt vorwärts dar. Seitens Kanton nennt Projektleiter Jonas Wirth den Kerngedanken der Sanierung:

«Für Fahrende sind die Durchgangsplätze nicht nur ein Abstellplatz, sondern ein Lebensraum. Den wollten wir hier erschaffen.»
Handicapfreie Toilette samt Duschplatz.

Handicapfreie Toilette samt Duschplatz.

Bojan Stula
Der Ticketautomat bei der Einfahrt.

Der Ticketautomat bei der Einfahrt.

Bojan Stula

So verfügt der für 1,2 Millionen Franken innert eines Jahres vollständig erneuerte Durchgangsplatz unter anderem ein handicapfreies WC, zwei Duschen, eine Spiel- und Aufenthaltswiese und vor allem auch einen Unterstand mit Wasseranschluss für handwerkliche Tätigkeiten. Zur Kantonsstrasse hin abgeschirmt ist die Fläche durch eine grüne Lärmschutzwand. Mit der Tagespauschale von 15 Franken, die pro Stellplatz am «Ticketautomaten» an der Einfahrt entrichtet werden müssen, will der Kanton die Sanierungskosten wieder einspielen.

Gemeinde zeigt sich offen

Die Wittinsburger Gemeindepräsidentin Caroline Zürcher im Gespräch mit Simon Röthlisberger, dem Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende.

Die Wittinsburger Gemeindepräsidentin Caroline Zürcher im Gespräch mit Simon Röthlisberger, dem Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende.

Bojan Stula

Erfreut zeigt sich die Wittinsburger Gemeindepräsidentin Caroline Zürcher, eine der wenigen SP-Frauen im Baselbiet in diesem Amt. Es sei wichtig, dass hier für eine Minderheit Platz geschaffen werde, die so oft in ihrer Geschichte Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung erleben musste.

«Den Platz an der Kantonsstrasse gibt es schon, seit ich denken kann. Probleme hatten wir damit nie, insofern hat auch die Bevölkerung den Standort nie in Frage gestellt.»

Die einzige Bedingung seitens der Gemeinde sei gewesen, dass der Kanton für die Unterhaltskosten aufkomme, da solcherlei Aufwendungen die finanziellen Möglichkeiten der 430-Seelen-Gemeinde überstiegen.

Allerdings seien engere Kontakte zwischen den Fahrenden und der Wittinsburger Bevölkerung eher die Ausnahme, räumt Zürcher ein. Hierfür trennen mehrere Strassenkilometer und viele Höhenmeter den weit darüber liegenden Dorfkern vom Durchgangsplatz. Dafür plant die Gemeindepräsidentin im kommenden Frühjahr ein richtiges, öffentliches Eröffnungsfest für alle Interessierten.

Maximale Aufenthaltsdauer stellt ein Problem dar

Erster Gast ist der aus dem Luzernischen stammende und im Kanton Zürich domizilierte Dave Huser, Präsident des Vereins «Bewegung der Schweizer Reisenden». Huser, ein Vertreter der jenischen Bewegung, wurde extra von den Behörden angefragt und dazu eingeladen, sich noch vor der eigentlichen Eröffnung in Wittinsburg mit seinem Wohnanhänger einzuquartieren. Am Medienanlass ist er ein gefragter Mann. Besonders wichtig seien für ihn die Anschlüsse an die Kanalisation, Strom und Wasser, die an jedem der zehn Stellplätze vorhanden sind. Dies mache Wittinsburg «zu einem der besten zwei Plätze der Schweiz», zusammen mit jenem in der Stadt Zürich.

Zwar steht der Standort ganzjährig zur Verfügung, was nicht selbstverständlich ist. Doch ist ein Aufenthalt auf maximal 30 Tage beschränkt, um «Dauergäste» zu vermeiden. Für Huser ein Problem:

«Eigentlich hat man nur in den ersten beiden Wochen seine Ruhe. Danach beginnt schon wieder das Rumtelefonieren auf der Suche nach einem neuen Standort. Manchmal würde ich schon gerne länger an einem Ort bleiben.»

Alle Seiten betonen, dass der Durchgangsplatz Holchen für Schweizer Jenische und Sinti gedacht ist. Nur ungern würde Huser hier ausländische Roma sehen. «Unsere Kulturen vermischen sich nicht gerne», gibt der Vertreter der Jenischen offen zu. Für die Fahrenden aus dem Ausland sind in der Region die beiden Durchgangsplätze in Basel und Kaiseraugst nahe der A2/A3 gedacht. «In Kaiseraugst war ich einmal für eine Nacht», erzählt Huser, «doch das ist nichts für uns. Wittinsburg dagegen wird einer meiner beiden Lieblingsplätze werden.»

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