Arxhof
Jugendanstalt-Leiter Rossi geht – und lobt Institution als Alternative zu Gefängnis

Der Arxhof bekommt einen neuen Direktor: Ursicin Poltera folgt auf Renato Rossi. In den vergangenen Jahren hat sich das Massnahmenzentrum für junge Erwachsene verändert: Nicht nur Drogensüchtige, sondern auch Websüchtige werden nun einquartiert.

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Arxhof-Leiter Renato Rossi mit Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und Regierungsrätin Sabine Pegoraro.

Arxhof-Leiter Renato Rossi mit Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und Regierungsrätin Sabine Pegoraro.

Nicole Nars-Zimmer

An der Spitze des Arxhofs, dem Konkordats-Massnahmenzentrum für junge Erwachsene in Niederdorf BL, löst im Februar Ursicin Poltera den bisherigen Direktor Renato Rossi ab. Rossi wurde am Mittwoch nach 22 Jahren verabschiedet und zog Bilanz. Jungen Delinquenten zu helfen, den "Rank zu finden", lohnt sich für alle.

1971 als Institution des Konkordates der Nordwest- und Innerschweiz eröffnet, geriet der Arxhof in den 1980er-Jahren in eine Krise; 1989 wurde er für ein Jahr geschlossen. Kurz nach dem Neustart 1991 stiess Renato Rossi als Ausbildungsleiter dazu; 1998 wurde er Direktor. "22 Jahre sind mehr als 'lebenslänglich'", sagte er am Mittwoch vor den Medien.

Heute bietet der Arxhof 46 Plätze für straffällige, süchtige und gewalttätige Männer von 17 bis 25 Jahren – als vollständig offene Anstalt, abgelegen im Baselbieter Jura. Von Gerichten eingewiesen, profitieren diese von Sozialpädagogik, Psychotherapie und Berufsbildung und lernen Eigenverantwortung zu übernehmen.

Von Drögelern zu Web-Süchtigen

Waren einst fast nur Drogendelinquenten im Arxhof, so wurden ab Mitte der 1990er-Jahre Gewalttäter zugewiesen. Das Team habe schnell dazulernen müssen, sagte Rossi, doch das Konzept bewähre sich bis heute. Jüngster Trend seien Süchtige, die nicht am Stoff hängen, sondern zum Beispiel am Internet. Auch dafür brauche es Konzepte.

Zentral ist die tägliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln, das Reflektieren von Rollen und schrittweises Übernehmen von Verantwortung. Dazu gebe es im Arxhof demokratische Strukturen: Insassen sollten sich im Alltag gleichberechtigt integrieren. 18 Berufe sind im Lehrangebot, vom Gärtner über das KV bis zum Schreiner.

Delinquenten, die statt einer oft kürzeren Haft für zumeist vier Jahre in den Arxhof gehen, haben danach dank der Ausbildung eine reale zweite Chance. Die Abbruchquote liege indes heute bei rund 40 Prozent, und laut Rossi laufen oft ausgerechnet jene davon, denen Persönlichkeitsentwicklung am meisten gut täte.

Modellcharakter über Landesgrenzen

Stolz ist Rossi auf die tiefe Rückfallquote von rund 26 Prozent – gegenüber über 80 Prozent etwa in Deutschland. Der Baselbieter Sicherheitsdirektor Isaac Reber lobte den Modellcharakter des Arxhofs auch fürs Ausland. Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf kam schon zu Besuch, ebenso Justizverantwortliche bis aus Südkorea.

In seiner Geschichte blieb das Massnahmenzentrum allerdings auch vor vereinzelten Negativschlagzeilen nicht gefeit. So war der Mörder des Au-Pair-Mädchens Lucie von 2009 zuvor im Arxhof und unter Auflagen in Freiheit entlassen worden. Laut Rossi konnte jener Fall wegen Mängeln bei der Nachsorge geschehen, und die Behörden hätten Lehren daraus gezogen.

Die teils als Kuscheljustiz kritisierten Massnahmenvollzüge lohnen sich: Unter dem Strich rund 450 bis 500 Franken pro Kopf kostet laut Rossi ein Arxhof-Tag, geschlossene Jugendgefängnisse jedoch über 600 Franken. Zu Buche schlagen aber vor allem die vermiedenen Rückfälle; pro Täter kämen mit solchen gemäss einer Studie 3 bis 7 Mio. Franken zusammen.

Reber betonte zudem die individuelle Perspektive: Arxhöfler hätten ja noch ihr ganzes Leben vor sich; wichtig sei vorab die Zuweisung zu jeweils passenden Massnahmen. Zum Nordwest- und Innerschweizer Strafvollzugskonkordat gehören der Aargau, Baselland, Basel-Stadt, Bern, Luzern, Nidwalden, Obwalden, Uri, Schwyz, Solothurn und Zug.