Binningen/Bottmingen
Jugendliche schaffen sich ihr Zentrum - doch das passt nicht allen

Binningen und Bottmingen fehlt ein echtes Dorfzentrum. Jugendliche und junge Erwachsene stört das wenig. Sie treffen sich einfach dort, wo etwas los ist – und schaffen dadurch eigene Zentren. Vielen sind die herumlungernden Jungen ein Dorn im Auge.

Jeremias Schulthess
Drucken
Teilen
Die Station Bottmingen ist ein beliebter Treff. Man hat alles im Blick – auch das Bottminger Schloss (im Hintergrund links).

Die Station Bottmingen ist ein beliebter Treff. Man hat alles im Blick – auch das Bottminger Schloss (im Hintergrund links).

Martin Töngi

Vollbärtige junge Männer stehen an der Tramstation Bottmingen. Hochgeschlagene Kapuzen, Dosenbier und selbst gedrehte Zigaretten. Es ist ein geselliges Beisammensein. Man trifft sich in der Kälte auf ein Feierabend-Bier. Daneben Passanten, die auf den Bus eilen oder gezwungenermassen an der Haltestelle stehen und aufs Tram warten.

Für viele ist der öffentliche Raum nur Durchgangsort. Man geht von A nach B. Der «Ur-Bottminger» Felix Wiesner nennt Bottmingen deshalb ein «Durchgangsdorf». Ähnliches liesse sich auch über Binningen sagen. Die Dörfer verkommen häufig zu Verkehrsknotenpunkten. Nur die Jugend schafft sich ihre Nischen im öffentlichen Raum - und kreiert damit ein neues Ortsbild.

Abhängen am Bahnhöfli

«Wir sind uns nicht zu fein, auch mal draussen ein Bierchen zu trinken», grinst einer der jungen Männer, die an der 10er-Haltestelle Bottmingen stehen. Sie treffen sich fast täglich am «Bahnhöfli», auch wenn die Abende immer kälter werden. «Hier dürfen wir sein - und auch mal etwas lauter», ergänzt ein anderer.

Welches Dorfzentrum?

Wer durch Binningen und Bottmingen fährt, mag sich fragen: Wo ist hier eigentlich das Dorfzentrum? Tatsächlich gibt es keine Zentren im klassischen Sinne. Und die Dorfplätze, die es gibt, fallen nicht ins Auge.

In Binningen liegt der eigentliche Dorfplatz abseits der Hauptstrasse zwischen Margrethenschulhaus und Gemeindehaus. Wer nicht aus Binningen kommt, weiss das in der Regel nicht. Diejenigen, die Binningen nur durch die Autoscheibe kennen, mögen den Kronenplatz an der Endstation der 2er-Linie als Zentrum wahrnehmen.

In Bottmingen zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Tramstation Bottmingen an der 10er-Linie und der Kreisel an der Kreuzung Schlossgasse, Therwilerstrasse bilden so etwas wie ein Zentrum. Der Wochenmarkt hinter dem Dorfmuseum Bottmingen ist auch ein Treffpunkt für viele Einwohner.

Drei junge Burschen stehen sich dort die Beine in den Bauch. Häufig treffen sie sich hier mit anderen Jugendlichen am Wochenende und tauchen anschliessend ins Basler Nachtleben ein. «Wir machen hier keinen Scheiss und so», sagt einer aus der Gruppe und zeigt dabei augenzwinkernd seinen Schweizer Pass.

Offenbar kommt es doch gelegentlich zu Konflikten mit Anwohnern. «Es gibt häufig Meldungen von Anwohnern am Kronenplatz und auch am Bottminger Bahnhöfli», weiss der Sprecher der Baselbieter Polizei, Nico Buschauer. Meistens seien es Ruhestörungen und auch Littering-Fälle, die gemeldet würden.

Polizei verteilt Bussen

Die Gemeinde Binningen beäugt den Kronenplatz-Treffpunkt mit Skepsis. Nicolas Kaufmann, der Kommunikationsbeauftragte der Gemeinde, meint: «Die Gemeindepolizei macht vermehrt Kontrollen und hat auch schon Bussen verteilt.» An Wochenenden komme es vor, dass «viel Abfall liegen bleibt». Auch Sprayereien müssten oft weggeputzt werden. «Manchmal geht es aber nicht lange, bis die frisch geputzte Wand wieder besprayt wird: Das ist eine Sisyphos-Arbeit», erklärt Kaufmann.

Auch für den Binninger Gemeinderat Urs-Peter Moos ist das Littering «teilweise problematisch». Im Allgemeinen aber meint er, «fällt die Jugend nicht negativ auf». Er sieht die positiven Aspekte im Vordergrund: «Mir fallen die vielen Kinder und Jugendlichen auf, die in Binningen Sport machen.»

Jugendhaus «Galaxy»

Ein Ort, an dem die Jugendlichen nicht nur geduldet, sondern auch erwünscht sind, ist das Binninger Jugendhaus «Galaxy 4102». Der Leiter Philipp Seiler möchte möglichst viele im Alter von 11 bis 18 Jahren erreichen. «Unseren Auftrag sehe ich darin, die Jugendlichen auf ihrem Weg in die Erwachsenenwelt zu unterstützen.» Dazu organisieren die Jugendhaus-Mitarbeiter Anlässe und Feste nach den Bedürfnissen der Jugendlichen. «Es ist uns wichtig, auch die Jugendlichen in die Planung miteinzubeziehen.» Und das Jugendhaus ist gut frequentiert. Dass es auch zu Konflikten kommen kann, ist für Seiler klar. «Wir unterstützen die Jugendlichen, die Konflikte auszutragen.»

Manche meiden das Jugendhaus trotzdem und ziehen die öffentlichen Plätze vor. Das Ortsbild wird dadurch belebt. Ältere Einwohner nutzen die Dorfplätze kaum als Aufenthaltsorte. Urs-Peter Moos sagt dazu: «Offenbar hält sich in Binningen das Bedürfnis der Bevölkerung nach öffentlichen Plätzen eher in Grenzen.» Jugendliche und junge Erwachsene suchen sich hingegen die Hotspots im Dorf - und gestalten dadurch auch eine eigene Dorfkultur.