Jagd
Jungjäger: «Meine Mutter war über meinen Berufswunsch schockiert»

Der Jungjäger Marcel Beugger ist mit der Landwirtschaft aufgewachsen und hat sein Hobby zu seinem Beruf gemacht. Er ist Jäger und erklärt im Interview wie seine Verwandten auf diese Berufswahl reagierten und was die Faszination des Jagens ausmacht.

Boris Burkhardt
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Marcel Beuggers Lebenslauf

Marcel Beugger (23) wuchs in Böckten auf einem landwirtschaftlichen Hof mit Mutterkuhwirtschaft auf. Der Baumaschinenmechaniker begann im Herbst 2010 mit seiner Jagdausbildung. Die Prüfung bestand er zusammen mit 23 anderen Anwärtern im März. Vergangene Woche bekamen die Jungjäger im Rahmen der Generalversammlung des Kantonalverbandes Jagd Baselland ihr Diplom überreicht. (bob)

Marcel Beugger: Ich wollte mich weiterbilden und suchte ein Hobby zum Ausgleich für die Arbeit. Man muss aber natürlich auch das Interesse für die Natur haben, dass man diesen Entschluss fasst. Ich bin mit der Landwirtschaft aufgewachsen und wollte deshalb auch einen Beitrag zur Verhütung von Wildschäden leisten. Letztlich hat man sicher auch noch einen Jagdtrieb in sich; schliesslich gibt es die Jagd, seit es Menschen gibt.

Wie nahmen Ihre Verwandten und Freunde Ihren Entschluss auf?

In manchen Familien ist es dem Sohn in die Wiege gelegt, Jäger zu werden, weil der Vater und Grossvater schon Jäger waren. Bei mir war dem nicht so. Deshalb war meine Mutter anfangs schon etwas schockiert. Aber als ich in die Schulung ging, merkte sie schnell, dass die Ausbildung weit über die Jagd an sich hinausgeht. Es geht ja auch darum, die ganzen Zusammenhänge der Natur zu verstehen und nutzen zu können. Da braucht es eine ganze Palette an Interessen. Deshalb sensibilisiert es schon sehr, Jäger zu werden.

Dennoch gibt es viel Vorurteile gegen die Jagd: Wie kann man denn aus Ihrer Sicht verhindern, dass «Schiesswütige» Jäger werden?

Jemand, der nur Tiere schiessen will, würde gar nicht bis zur Diplomprüfung kommen. Davon bin ich überzeugt: Für die Prüfungskurse muss man sich mindestens ein Jahr freihalten. Wenn es einem nur ums Schiessen geht, ist der Aufwand, Jäger zu werden, einfach zu gross. Auch als ausgebildeter Jäger bleibt das Abschiessen schwierig, weil jedes Revier seine Abschussquoten hat. Abgesehen davon braucht es viel Geduld zum Jagen: Um eine Wildsau zu schiessen, muss man nicht selten fünfzig Stunden warten.

Haben Sie denn schon geschossen?

Auf ein Tier, nein. Es gibt dazu die Möglichkeit nach der Schiessprüfung, die im Herbst war. Aber das machte niemand aus meiner Klasse. Alle waren sich einig, erst die Abschlussprüfung zu machen.

Und wie bereitet man sich dann aufs Töten vor?

Das muss ich selber noch herausfinden. Ich habe aber schon widersprüchliche Gefühle, wenn ich daran denke. Man hat als Jäger wirklich eine Beziehung zu den Wildtieren; man arbeitet ja nicht gegen das Tier. Man übernimmt ein Stück weit aber auch eine Funktion der Regulation. Zudem sind wir nach wie vor eine Fleischessergesellschaft; und Wildfleisch ist ein natürlich produziertes Nahrungsmittel. Aus beiden Gründen, denke ich, muss man dann auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn man das Wild abschöpft. Beim kranken Tier ist es etwas anderes: Man will das Tier erlösen und die Krankheit eindämmen. Das sind dann Abschüsse, die mich einfacher dünken als bei gesunden Tieren.

Sind Sie vom elterlichen Betrieb das Schlachten gewohnt?

Nein, wir schlachten nicht selbst. Das Aufbrechen des erlegten Wildes ist sicher nicht die schönste Arbeit; ich musste das im Lehrgang einige Male tun. Man wird sich dadurch aber voll bewusst, was man getan hat und stellt eine Beziehung zu dem Tier her. Das gibt einem schon einen gewissen Respekt vor dem, was man tut, wenn man tötet. Durch die Tradition der Jäger versöhnt man sich auch mit dem Tier; man bedankt sich ein Stück weit.

Nun jagt ein Jäger aber nicht nur: Welche konkreten Naturschutzarbeiten waren Teil Ihrer Ausbildung?

Wir haben gelernt, in einem Waldstück ein Biotop anzulegen, also zum Beispiel einen Teich für bedrohte Froscharten. Für die Nahrungsaufnahme des Wilds lernten wir, Waldränder zu pflegen, Kirrungen anzulegen und Salzlecken aufzustellen. Ausserdem wurden wir in Forstarbeiten geschult, um zum Beispiel Baumsetzlinge vor dem Verbiss von Rehen zu schützen. Wir konnten auch in Zusammenarbeit mit dem Förster Wald auflichten, damit dort mehr Gräser und Kräuter wachsen und das Wild nicht zwingend zum Fressen aufs Feld muss.

Wie ist das Verhältnis zwischen Jägern und Förstern?

Soweit ich das in meiner Ausbildung erfahren habe, ist die Beziehung gut; man spricht sich ab. Oft können wir dem Förster im Wald helfen. Und einige Förster sind ja selbst Jäger.

Die Jäger betrachten die Förster also nicht als «Hilfsjäger ohne Waffen»?

Nein, das glaube ich nicht; der gegenseitige Respekt ist auf jeden Fall da.

Wie ist das Verhältnis von Jägern zu anderen Waldnutzern: Joggern, Mountainbikern, Spaziergängern, Hundehaltern?

Wichtig ist in der heutigen Zeit, dass sich die Jäger im Wald auch öffentlich zeigen. Die Jäger müssen einerseits erklären, was sie tun, wenn sie darauf angesprochen werden. Andererseits müssen sie den anderen Waldnutzern in einem Gespräch auch die Folgen ihres Handelns aufzeigen, wenn Mountainbiker beispielsweise abseits der Waldstrassen fahren. Man muss miteinander nach Lösungen suchen. Aber es gibt sicher auch immer wieder unangenehme Situationen, wenn Hunde zum Beispiel ohne Leine im Wald unterwegs sind und Wild jagen.

Ist es Ihnen recht, dass der Wald für alle da ist oder sollte Eintritt verlangt werden, wie kürzlich auf der Forstdirektorenkonferenz diskutiert wurde?

Es ist einer der Grundgedanken der Jägerschaft, dass der Wald für alle zugänglich sein sollte. Den Wald zu schliessen, würde die Jagd nach aussen nicht beliebter machen; man weiss ja, dass sie immer wieder in der Kritik steht.

Warum sieht man Jäger eigentlich immer nur mit dem Auto unterwegs?

(lacht) Das ist eine gute Frage. Immer öfter hat der Jäger sein Revier nicht mehr bei seinem Wohnort und muss deshalb mit dem Auto dort hinfahren. Dann hat ein Jäger heutzutage viel mehr Ausrüstung dabei als früher, die in kurzer Frist zur Hand sein muss. Die Jagd im Revier selber wird aber durchaus zu Fuss betrieben; es ist ja nicht so, dass man mit dem Auto bis unter den Hochsitz fährt. Was von der Öffentlichkeit wohl besonders stark wahrgenommen wird, sind die Treibjagden, wenn ein Dutzend Autos in den Wald hineinfahren. Aber heute achtet man sehr darauf, an Sammelpunkten so viele Autos wie möglich stehenzulassen und Fahrgemeinschaften zu bilden.

Ist Ihre Ausbildung jetzt in der ganzen Schweiz anerkannt? Könnten Sie auch in den Alpen auf Jagd gehen?

Die Jagdprüfungen sind kantonal geregelt. Einige erkennen sich die Abschlüsse gegenseitig an, andere nicht. In der Nordwestschweiz herrscht mit der Revierjagd dasselbe System. In den Alpen aber überwiegt die Patentjagd; und es gibt andere Wildtierarten, die Priorität haben. In Graubünden zum Beispiel müsste ich deshalb nochmals die Bündner Jagdprüfung nachholen.

Wie weit geht die Geselligkeit unter den Jägern? Ist man auch mit prominenten Kameraden wie Peter Zwick per Du?

Nein, für mich als Jungjäger ist da Vorsicht geboten, besonders, wenn man irgendwo eingeladen ist. Wenn man zu respektlos erscheint, kann man sich schnell unbeliebt machen in einer Jagdgesellschaft. Es bleibt dem Älteren vorbehalten, den Jüngeren das Du anzubieten.