Kanton zeigt Reue
«20 verlorene Jahre»: Baselland entschuldigt sich bei den Verdingkindern

Regierungsrätin Kathrin Schweizer erklärte offiziell das Bedauern des Kantons über die fürsorglicherlichen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen von Kindern, die bis 1981 stattgefunden haben. Als Mahnmal werden zwölf Sitzbänke aufgestellt.

Tobias Gfeller
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Regierungsrätin Kathrin Schweizer entschuldigt sie bei ehemaligen Verdingkindern wie Paul Richener. Beide sitzen auf einer Erinnerungsbank.

Regierungsrätin Kathrin Schweizer entschuldigt sie bei ehemaligen Verdingkindern wie Paul Richener. Beide sitzen auf einer Erinnerungsbank.

Bild: Kenneth Nars

Paul Richener hätte gar nicht viel sagen müssen, um klarzumachen, wie es ihm geht. Es war dem einstigen Verdingkind anzumerken, wie ihm die Situation mitnimmt. Zuvor hatte sich die Baselbieter Sicherheitsdirektorin Kathrin Schweizer (SP) direkt an ihn gewandt und sich offiziell im Namen der Gesamtregierung und des Kantons bei den Betroffenen der fürsorglichen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 entschuldigt. Sie sagte:

«Für das grosse Leid, welches Ihnen zugefügt worden ist, bitte ich Sie im Namen der Gesamtregierung des Kanton Basel-Landschaft sowie im Namen aller Verantwortlichen aus dieser Zeit aufrichtig und von ganzem Herzen um Entschuldigung.»

Die Zeit der Verdingkinder sei eine Zeit, die man gerne vergessen würde, aber nicht vergessen dürfe, so Schweizer. Ihren gestrigen Worten im Allschwiler Gemeindepark folgte ein Entschuldigungsvideo auf der Kantonswebsite und persönliche Entschuldigungsschreiben an alle im Baselbiet bekannten Betroffenen. Von denen haben sich 172 bei der Opferhilfe beider Basel gemeldet. Die Dunkelziffer ist wohl hoch.

20 verlorene Jahre

Paul Richener, der als Kind in ein Heim gesteckt wurde, auf einem Bauernhof arbeiten musste und vier Jahre „zwangsversorgt“ wurde, nahm die Entschuldigung und Anerkennung zwar an, machte aber unmissverständlich klar, dass diese spät kommt. Von einer Wiedergutmachung könne nicht die Rede sein.

«Eine Wiedergutmachung wäre es nur, wenn sich die damals Verantwortlichen entschuldigen würden, wie sie damals mit den Kindern umgegangen sind, die ihnen anvertraut wurden.»

Viele Betroffene hätten die schweizweite Aufarbeitung der letzten Jahre und die Entschuldigungen nicht mehr erlebt, weil sie mit dem Erlittenen nicht umgehen konnten und sich das Leben nahmen, erinnert Richener, der von «20 verlorenen Jahren» in seinem Leben sprach.

Keine Akten vorhanden

Es seien damals viele Fehler passiert, stellt der alt Gemeindepräsident von Nusshof klar. Viele Betroffene hätten nicht einmal die Schule oder den Beruf selber wählen können, geschweige denn zur Schule gehen dürfen. Sein berufliches Glück wehrte nur kurz, da er während der Lehre zum Hochbauzeichner in Sissach abgeholt und versorgt wurde.

Auf der Gedenk-Bank wird auf die Geschichte hingewiesen.

Auf der Gedenk-Bank wird auf die Geschichte hingewiesen.

Bild: Kenneth Nars

Einen Grund dafür habe er nie erfahren. „Es gibt keine Akten davon. Von jedem Verbrecher gibt es Akten, weshalb er eingesperrt wurde“, klagt Richener in einer Mischung aus Traurigkeit und Verbitterung.

Wiedergutmachung ist unmöglich

Paul Richener war Mitglied der Arbeitsgruppe unter Federführung der Sicherheitsdirektion, die bestimmt hat, wie der Kanton Baselland dieser unrühmlichen Zeit gedenkt. Die geschwungenen Sitzbänke, die von jungen Erwachsenen im Massnahmenzentrum Arxhof aus Baselbieter Eichenholz gebaut wurden und im ganzen Kanton an zwölf Standorten aufgestellt werden, sollen zu Gesprächen einladen.

Hatten damals nichts zu melden: Buben vor dem Leiter des Knabenerziehungsheims Oberbipp im Kanton Bern, 1940.
4 Bilder
Ehemalige Verdingkinder und Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen im März 2014 vor dem Bundeshaus. Ursprünglich forderten sie 500 Millionen Franken Entschädigung, jetzt sind es 300 Millionen.
Zum Beispiel Michel Mischler: Er wurde im Kinderheim Mariahilf in Laufen BL (damals BE), schwer misshandelt. Ihm wurde eingebläut: «Du chasch nüd, du besch nüd und us dir wird nüd!»
2. Version von bz Verdingkinder

Hatten damals nichts zu melden: Buben vor dem Leiter des Knabenerziehungsheims Oberbipp im Kanton Bern, 1940.

Paul Senn

Die „Gedanken-Bänke“ seien nicht nur ein Zeichen der Erinnerung, betonte Kathrin Schweizer, sondern auch ein Zeichen dafür, das so etwas nicht mehr passieren darf. Eine Wiedergutmachung werden solche Mahnmale aber nie sein können.