Hochhaus
Kantonsplaner äussert Vorbehalte gegenüber «Nadel von Liestal»

Es wäre das mit Abstand höchste Gebäude im Baselbiet: Der 182 Meter hohe Wohnturm löst eine Kontroverse aus. Der Baselbieter Kantonsplaner Martin Kolb ist skeptisch, dass die Oristalstrasse in Liestal der geeignete Standort für ein Gebäude sei, das aufgrund seiner Grösse nicht bloss den Kantonshauptort, sondern die ganze Region präge.

Hans-Martin Jermann
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Die «Nadel von Liestal» würde man – ähnlich wie den Basler Roche-Turm – von fast überall in der Region her sehen.

Die «Nadel von Liestal» würde man – ähnlich wie den Basler Roche-Turm – von fast überall in der Region her sehen.

Visualisierung/zvg

Unweit des Liestaler Bahnhofs soll ein 182 Meter hoher Wohnturm gebaut werden: Die in der bz lancierte Idee des Architekten Bernhard Bossard sorgt für gehörig Gesprächsstoff. Passt ein solches Hochhaus – es wäre das mit Abstand höchste des Kantons Baselland und höher als der Basler Roche-Turm – an den angedachten Standort an der Liestaler Oristalstrasse. Nein, findet der Baselbieter Kantonsplaner Martin Kolb.

Für derart hohe Gebäude, die eine ganze Region prägen, müsste der Standort besonders sorgfältig ausgesucht werden. Denn ähnlich wie früher Kirchtürme das Zentrum einer Stadt definierten, sind heute Hochhäuser Fix- und Orientierungspunkte in der Landschaft. Kolb beurteilt zwar die vorliegende Idee kritisch, er lehnt aber Hochhäuser in dieser Grössenordnung im Kanton Baselland nicht ab. Es sei letztlich alles eine Frage des richtigen Standorts, betont Kolb im bz-Interview.

Herr Kolb, ist die Idee für einen 182 Meter hohen Wohnturm in Liestal mehr als ein Witz im Sommerloch?

Martin Kolb: Sagen wirs so: Ich bin skeptisch, dass diese Idee in die Realität umgesetzt werden kann. Es gibt aus städte- und raumplanerischer Sicht einige Vorbehalte: Ein Turm von 182 Metern Höhe prägt städtebaulich nicht nur die unmittelbare Umgebung, wie dies etwa bei beiden Hochhäusern am Prattler Bahnhof der Fall ist. Diese «Nadel von Liestal» würde man wie den Basler Roche-Turm von fast überall in der Region her sehen. Was den Impact auf die Landschaft angeht, haben diese Hochhäuser eine überkommunale Bedeutung. Deswegen müssten sie punkto Einpassung in die Landschaft höheren Anforderungen genügen. Gemäss Hochhauskonzept des Kantons müssen Projekte mit Höhen über 80 Meter genauer unter die Lupe genommen werden.

Das alleine spricht noch nicht gegen den 182-Meter-Turm in Liestal.

Das ist so. Ich sehe gleichwohl einen Konflikt zum Hochhauskonzept: Demnach muss bei besonders prominenten Bauten wie diesem 182-Meter-Turm erklärt werden, weshalb ausgerechnet dort ein Punkt städtebaulich derart stark bezeichnet wird. Im Mittelalter definierten die Kirchtürme als höchste Bauten einer Stadt deren Zentrum. Weshalb soll das höchste Gebäude des ganzen Kantons ausgerechnet an der Oristalstrasse liegen? Es gibt, ausser den privaten Eigentumsverhältnissen des Architekten, keinen Grund. Ich denke, es wäre ein grosses Missverständnis, wenn in Liestal ausgerechnet dort eine derart markante urbane Flagge hochgezogen würde.

Der Wohnturm läge unweit des Liestaler Bahnhofs auf der anderen Seite der Geleise. Er könnte die Entwicklung am Bahnhof aufnehmen.

Die aktuelle Dynamik in Liestals Stadtentwicklung verstehe ich so, dass das Bahnhofareal mit seinen aktuell 25 Meter bis dereinst 57 Meter hohen Gebäuden eine Ergänzung sein will zur historischen Altstadt – keine Konkurrenz. Der Bahnhof soll kein neues urbanes Zentrum begründen, sondern höchstens den Eindruck verstärken, dass es sich hierbei um die Kantonshauptstadt handelt. In Liestal gilt es zudem Sorge zur historischen Stadtsilhouette zu tragen.

Wie beurteilen Sie die «Nadel von Liestal» aus wirtschaftlicher Sicht?

Der Architekt spricht selber von einem Investitionsvolumen von 55 Millionen Franken, dies bei nur 114 Wohnungen. Ich wage zu bezweifeln, dass der Architekt eine vertiefte Kosten-Nutzen-Analyse angestellt hat. Diese Wohnungen müssten in einem stark hochpreisigen Segment angesiedelt werden, doch dann muss die Klientel vorhanden sein, die bereit ist, an diesem Ort Geld für teure Wohnungen auszugeben. Damit sind wir wieder bei der Standortfrage: Ist die Oristalstrasse wirklich diese tolle Adresse, wo sich Gutbetuchte eine schicke Wohnung leisten? Das klingt nach einer zumindest eigenwilligen Idee.

Verträgt es aus Ihrer Sicht überhaupt solch hohe Gebäude im Baselbiet?

Also denkbar sind solche Projekte schon. Der Standort und der räumliche Kontext sind entscheidend. Im Gebiet Schaulager und Spengler in Münchenstein existieren Pläne für Gebäude, die über 100 Meter hoch würden. Ich kann mir das durchaus vorstellen. Das dortige Umfeld ist bereits heute stark genutzt. Im nahen Dreispitz spüren wir eine starke Dynamik und neues urbanes Leben.

Der Hochhausbau hat in den letzten Jahren auch im Baselbiet eine Renaissance erlebt. Wie geht es weiter?

In den Gemeinden mit dichter Nutzung wird der Bau von Hochhäusern das dominierende Thema der räumlichen Entwicklung sein. Viele Gemeinden können ihre Bauzonen nicht mehr erweitern, schon alleine deshalb nicht, weil sie über keine Reserven mehr verfügen. Politisch ist der Bau von Hochhäusern allerdings vielerorts umstritten. Ich denke da an das knapp 40 Meter hohe Wohnhochhaus am Wald, das vom Reinacher Volk abgelehnt worden ist. Ich höre die Stimmen einiger Gemeinden, welche die Finger lassen wollen von Hochhäusern. Andernorts wiederum – etwa in Pratteln oder Münchenstein – ist die Dynamik im Hochhausbau sehr stark. Und in Muttenz hat die Gemeinde eine breite Mitwirkung organisiert, um bei der geplanten Überbauung des Schänzli- und Beton-Christen-Areals Goodwill zu schaffen für eine sehr dichte Bebauung mit bis zu 80 Meter hohen Gebäuden. Der Trend ist uneinheitlich, in einigen Baselbieter Gemeinden werden aber in den kommenden Jahren weitere Hochhaus-Projekte realisiert. Die Höhenrekorde dürften purzeln.