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Kein Olympia-Ticket unter dem Baum von Fechter Benjamin Steffen

Der Fechter Benjamin Steffen muss in den ersten zwei Weltcups 2012 alles geben, um doch noch nach London zu fahren.

Patrick Pensa
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Benjamin Steffen will als Teil des Teams «Basel4Olympia» die Qualifikation für London noch schaffen. KEYSTONE/Weyeneth

Benjamin Steffen will als Teil des Teams «Basel4Olympia» die Qualifikation für London noch schaffen. KEYSTONE/Weyeneth

Benjamin Steffen trinkt einen Tee und korrigiert Englischprüfungen seiner Schüler, als ich im Restaurant eintreffe. Es sei nicht seine Lieblingsaufgabe, sagt er. Akribisch nach Fehlern zu suchen, sei doch eigentlich eine sehr negative Aufgabe. Der 29-Jährige arbeitet in einem 85-Prozent-Pensum als Englischlehrer und Sportklassenbetreuer am Gymnasium Bäumlihof. Daneben trainiert der Fechter für seinen Olympia-Traum. Jede Minute will genutzt sein – für den Job oder fürs Training.

Guter Jahresbeginn

Das Jahr 2011 beginnt gut für den fünffachen Einzel-Schweizer-Meister. Die Umstellung, die 2008 erfolgte, als nach den Olympischen Spielen in Peking die zwei Italiener Angelo Mazzoni und Gianni Muzio die Nationalmannschaft übernahmen, scheint endlich Früchte zu tragen. Eine Stiländerung brauche immer Zeit, gerade bei erfahrenen Athleten.

Die Veränderung sei aber nötig gewesen, den er habe trotz Erfolgen gespürt, dass seine Entwicklung stagnierte, sagt Steffen. «Anfang Jahr habe ich gespürt, dass die Zahnräder langsam ineinandergreifen.» Ein erstes Ausrufezeichen setzt der flinke Linkshänder in Tallinn, als er am stark besetzten Weltcup Siebter wird.

Danach beginnt eine zermürbende Abwärtsspirale. Der Basler blockiert sich den Rücken, tritt in Paris aber trotzdem an. Im Nachhinein ein Fehler, wie er sagt. Das frühe Aus in der Qualifikation drückt aufs Selbstvertrauen. Trotz dieses Bruchs ist Steffen zuversichtlich für die folgenden Weltcups, die als Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele zählen. Zwei Schweizer dürfen nach London fahren.

In Heidenheim scheitert der 29-Jährige an seinem Teamkameraden von der Fechtgesellschaft Basel, Max Heinzer. In Stockholm der erste grosse Rückschlag: Der Berner Fabian Kauter gewinnt den eineinhalbfach zählenden Grand Prix. Steffen, der selbst einen schwachen Tag einzieht, freut sich für seinen Freund, sieht aber gleichzeitig seine Felle davonschwimmen. Am Grand Prix in Bern der zweite Schlag: Nun gewinnt Max Heinzer.

In diesem Moment sei er geknickt gewesen, sagt Steffen. Ans Aufgeben hätte er aber nicht gedacht. Zudem steht er mitten in der Saison. In Buenos Aires tritt der Basler stark auf, eliminiert zwei Russen. Stolpert aber am zweiten Tag über den Italiener Alfredo Rotta, den er als Angstgegner bezeichnet. Die darauf folgende Europameisterschaft in Sheffield wäre der ideale Moment für einen Exploit. Steffen bleibt im 32er-Tableau am aufstrebenden Franzosen Ronan Gustin hängen und wird 19.

Der Grossteil der Saison ist vorüber. In der anschliessenden Pause versucht Steffen abzuschalten und sich konsequent auf die Weltmeisterschaften von Oktober vorzubereiten. Im Trainingslager fühlt er sich gut, noch besser als zu Beginn des Jahres. Im Gegensatz zu Kauter und Heinzer muss er an der WM in Catania durch die Qualifikation. Er gewinnt sechs Gefechte und erreicht problemlos die Hauptrunde. Dort aber wieder das abrupte Ende.

Gegen einen Ukrainer muss Steffen nach anfänglichem Rückstand die Taktik wechseln. Dies gelingt, aber nach einer 6:3-Führung gibt er das Gefecht aus der Hand und verliert. Die sechs Siege hätten gezeigt, dass er bestehen könne. Er könne die Leistung einfach noch nicht über zwei Tage hochhalten.

Jubelnder Benjamin Steffen

Jubel dafür drei Tage später. Das Schweizer Männerteam gewinnt dank einer starken Mannschaftsleistung die Bronzemedaille. Die Live-Bilder zeigen einen wild jubelnden Benjamin Steffen. «Ich bin wie von einer Tarantel gebissen durch die Gegend gesprungen», sagt er. Es ist seine erste WM-Medaille, «die kann mir keiner mehr nehmen». Gäbe es in London einen Teamwettbewerb, wäre er wohl gesetzt. So steht er aber trotz Medaille mit leeren Händen da.

Eine kleine Chance gibt es aber noch auf die Olympia-Qualifikation. Und «Beni» wäre nicht «Beni», wenn er es nicht versuchen würde. «Wenn ich an den ersten zwei Weltcups nichts reisse, bin ich weg vom Fenster», sagt er. Ansonsten wäre aber wieder alles offen. Konkret heisst das: Steffen braucht fast zwei Siege, um einen seiner zwei Konkurrenten noch abzufangen.

Nach Olympia plant der 29-Jährige eine Auszeit. Egal, ob er in London war oder nicht. Seit gut 15 Jahren wäre er rastlos unterwegs. Schule, Studium, Arbeit und natürlich das Fechten hätten ihn immer voll in Anspruch genommen. Danach will er aber wieder einsteigen. Dreissig sei kein Alter für einen Fechter. Eine Einzel-WM-Medaille ist das grosse Ziel. Zudem denkt er bereits an die EM 2015 in der Schweiz. Danach sei auch eine Olympiateilnahme 2016 gut möglich. Dort gebe es ja auch wieder einen Teamwettbewerb.

Nur eines gibt es nicht für Benjamin Steffen: Aufgeben. Er will ein Vorbild sein für seine Schüler. Ihnen vorleben, was es für eine Karriere braucht. Dass ihm seine Schüler am Herzen liegen, merkt man, wenn man ihn nach seinem Wunsch für 2012 fragt. Natürlich will er die Olympia-Qualifikation erreichen, als Zweites sagt er aber: «Ich habe 2012 meine erste Maturklasse. Ich wünsche mir, dass alle meine Schüler und auch die Sportklässler ihre Prüfungen bestehen.»