Oberwil
Kein Orgel-Unikat für die Region: Reformierte sprechen sich gegen Renaissance-Instrument aus

Die reformierte Kirchgemeinde will keine Renaissance-Orgel nach polnischem Vorbild. Die Gemeinde will am Erscheinungsbild der Kirche festhalten. Für den Organisten Márton Borsányi eine herbe Niederlage.

Yann Schlegel
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Kenneth Nars

Seine Enttäuschung ist gross: «Wir hätten eine Kulturbotschaft von Osten nach Westen bringen können», bedauert Márton Borsányi. Doch die Oberwiler Reformierten sprachen sich an einer ausserordentlichen Versammlung gegen eine Renaissance-Orgel aus. Sie war das Herzensprojekt des ungarischen Organisten gewesen.

«Als Musiker hätte er sich etwas Einmaliges für die Schweizer Orgel-Szene gewünscht», sagt Laurent Perrin. Der Co-Präsident der Kirchenpflege kann Borsányi nachfühlen. «Er leidet unter der Qualität der jetzigen Orgel.» Seit 1952 ist die reformierte Kirche in Oberwil mit einer Orgel ausgestattet. Das aktuelle Instrument hat noch eine Lebensdauer von rund fünf Jahren.

In einem 2014 erstellten Gutachten schrieb Orgel-Experte Theo Ettlin: «Aus meiner Sicht sollte die Orgel in nächster Zeit nur mit minimalstem Aufwand funktionstüchtig erhalten werden. Strebt man eine gute Kirchenmusik an, so wäre ein Neubau unumgänglich.»

Basierend auf dieser Einschätzung entstand in Oberwil ein Orgel-Projekt. Der gebürtige Ungare Márton Borsányi setzte sich an vorderster Front dafür ein. Daher überrascht es nicht, dass der Kirchgemeinde am Donnerstagabend eine Renaissance-Orgel nach polnischem Vorbild vorgeschlagen wurde. «Diese einzigartige Orgel wäre eine grosse Chance für die Region, die ganze Schweiz oder gar Westeuropa gewesen», sagt Perrin. «Aber nicht in unserer Kirche.»

Die rund 350 000 Franken teure Orgel hätte sich durch spezielle Klangfarben ausgezeichnet. Sie wäre wie die Orgel in der Basler Kartäuserkirche einen Halbton höher als übliche Orgeln gestimmt gewesen und hätte über hierzulande unbekannte Register verfügt.

Eine Dreiviertelmehrheit unter den Oberwiler Reformierten entschied sich gegen das Experiment. Jedoch nicht wegen der aussergewöhnlichen Stimmtonhöhe. Sie hätte das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten erschwert. «Das Zusammenspiel ist immer möglich, solange der Organist fähig ist zu transponieren», sagt Borsányi.

An der Versammlung sprachen sich die Reformierten wegen Grösse und Standort der Orgel gegen das konkret vorliegende Projekt aus. In der Oberwiler Kirche hätte nur der Chorraum für das 28-Register-Instrument ausgereicht. Doch die Kirchgemeinde wollte nicht die vor 15 Jahren durch Architekt Thomas Osolin und Künstlerin Martina Klein errichtete Installation zugunsten der Orgel opfern. Der sakral gestaltete Kirchenraum bezieht sich auf die Gotteserfahrung von Moses. Borsányi fällt es schwer, dieses Argument so anzunehmen. «Die Künstlerin war nicht bereit, Kompromisse zu finden», sagt der Organist, «denn ich sehe es nicht als ein Entweder-oder». Ginge es nach Borsányi, hätte die Kirchgemeinde fragen müssen, wie man Kunst und Kirchenmusik integrieren könne.

Offensichtlich sei die Kunstinstallation der Gemeinde ans Herz gewachsen, sagt Laurent Perrin. Obwohl sich die Reformierten gegen eine Renaissance-Orgel aussprachen, soll es in Oberwil weiterhin Kirchenmusik geben.

Um eine Ersatzlösung für die alte Orgel zu finden, wird die Kirchgemeinde in näherer Zukunft eine neue Orgelkommission einsetzen. Für Perrin ist klar: «Das neue Instrument wird sicher nicht den Platz im Chorraum beanspruchen.»

Verlässt Organist Borsányi nach diesem wegweisenden Entscheid Oberwil? Der Ungare dazu: «Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass wir für relativ wenig Geld etwas Einmaliges hätten schaffen können.» Borsányis Trost: Wenn er seine Heimat besucht, kann er im Dorf Szár eine Orgel bespielen, wie er sie sich in Oberwil gewünscht hätte.