Öffentlicher Verkehr
«Kein Problem»: Autobus-Aktionären wird kein reiner Wein eingeschenkt

Die zumindest ungenaue Information durch den Verwaltungsrat könnte für die Kleinaktionäre der Autobus AG mit Verlusten enden.

Daniel Haller
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Steht die Autobus AG Liestal nach der Ausschreibung ihrer Buslinien ohne Räder da? Diese Diskussion unterblieb an der Generalversammlung.

Steht die Autobus AG Liestal nach der Ausschreibung ihrer Buslinien ohne Räder da? Diese Diskussion unterblieb an der Generalversammlung.

Martin Töngi

Wurden sie richtig informiert? Fast hätte man meinen können, da versammelten sich Pensionierte zu einem gemeinsamen sommerlichen Car-Ausflug: Grau-weisse Haare dominierten an der Generalversammlung (GV) der Autobus AG Liestal (AAGL). Die privat gestreuten Aktien sind offensichtlich vor allem in der Hand der älteren Generation, die ihre Ersparnisse bei der AAGL in Sicherheit glaubt und sich einer jährlichen Rendite von 6 Prozent des Nominalwerts erfreut.

Geduldig liessen die Versammelten die statutarischen Tagesordnungspunkte über sich ergehen und eiferten dem Apéro und dem Abendessen entgegen: Die GV als sozialer Anlass, eine Diskussion fand nicht statt.

Irreführende Präsidialadresse

Dafür sorgte nicht zuletzt Christian Haidlauf. Zur Debatte, ob die AAGL von der Baselland Transport AG übernommen werden soll, betonte der Verwaltungsratspräsident in seinen Mitteilungen: «Es wurde gesagt, wir würden uns gegen eine Übernahme wehren. Zur Klarstellung: Es wurde kein konkreter Fusionsvorschlag an uns herangetragen. Wir wurden auch nicht aufgefordert, irgendwelche Fusionsmöglichkeiten zu prüfen. Bei uns ist niemand entsprechend vorstellig geworden.»

Dem stehen zwei Aussagen gegenüber, die der bz vorliegen:

Dieter Leutwyler, Sprecher der Bau und Umweltschutzdirektion antwortet auf die Frage, ob BLT-Verwaltungsratspräsident André Dosé im März beim gemeinsamen Abendessen mit Haidlauf das Thema Fusion aufgriff: «Herr Dosé hat das Thema Fusion angesprochen, aber aus eigenem Antrieb (BLT), nicht im Auftrag des Kantons.»

BLT-Direktor Andreas Büttiker erklärt nach Rücksprache mit Dosé bezüglich des gleichen Treffens: «Unser Verwaltungsratspräsident sagte Haidlauf, die BLT möchte die AAGL übernehmen, um damit für den Kanton beträchtliche Kostensynergien zu realisieren. Dieser antwortete, die AAGL wolle selbstständig bleiben. Dosé schlug vor, der AAGL-Verwaltungsrat solle sich dies doch in Ruhe überlegen. Man einigte sich darauf, dass Haidlauf mit Dosé nochmals das Gespräch sucht. Bis zum heutigen Tag hat die BLT nichts mehr von der AAGL gehört.»

Trotzdem erweckte Haidlauf mit dem Fazit «die AAGL wurde bis anhin nur aus den Medien und nicht von den massgebenden Stellen mit dem Thema konfrontiert» den Eindruck, es gebe keine Fusionsdebatte – obschon diese der Hintergrund dafür ist, dass die AAGL den Verwaltungsratskandidaten des Kantons zurückgewiesen hat. Doch auf den Vorwurf, er habe die Aktionäre nicht wahrheitsgemäss informiert, erklärt er: «Diese Vorhaltung ist falsch. Die an der GV abgegebene Information war korrekt.»

Tanz auf dem Vulkan

Spätestens mit der telefonischen Mitteilung des Kantons am Vorabend der GV, er werde die Buslinien der AAGL 2019 ausschreiben, war jedoch eine Situation entstanden, in der die Fusionsfrage die Interessen der Aktionäre tangiert. Damit stehen nämlich folgende Extrem-Szenarien zur Debatte:

Entweder widersetzt sich die AAGL weiterhin den Absichten des Kantons Baselland, der eine Integration der öV-Sparte der AAGL in die BLT anstrebt. Damit riskiert sie, dass er bei der Ausschreibung den Buslinien-Leistungsauftrag an ein anderes Transportunternehmen vergibt, denn grössere Firmen können von Skaleneffekten profitieren. Damit brächen das Kerngeschäft und somit vier Fünftel des Umsatzes weg. Die Aktien der AAGL verlören stark an Wert, insbesondere bei einer allfälligen Liquidation der Autobus AG.

Oder AAGL und BLT einigen sich gemäss Wunsch der Baselbieter Regierung auf einen geordneten Fusionsprozess, bei dem man sowohl die Interessen der Steuerzahler, günstigere Buslinien zu bekommen, als auch den berechtigten Wunsch der Aktionäre, dem Wert der AAGL entsprechend entschädigt zu werden, berücksichtigen müsste – so wie dies bei der Fusion der Waldenburgerbahn mit der BLT geschah.

Der Kanton hat sein AAGL-Aktienpaket bis auf 1 Franken abgeschrieben. Er erleidet also im schlimmsten Fall keinen nennenswerten Verlust. Anders die Kleinaktionäre: Für 2015 setzten sie pro Aktie mit Nominalwert 100 Franken im Baselbiet einen Wert von 393 Franken in die Steuererklärung ein, in anderen Kantonen sogar von 519 Franken.

Ausserordentliche GV im Herbst?

Die Fragen, ob die AAGL den Alleingang-Kurs des Verwaltungsrats fortsetzen soll, der die Wünsche des Hauptauftraggebers ignoriert, und welche Risiken dies für die Aktionäre bedeutet, kamen also aufgrund irreführender und unvollständiger Information nicht zur Sprache. Dafür ist der Kanton mit verantwortlich: Die Regierung hat ihren am 23. Mai gefällten Beschluss der betroffenen AAGL erst am 20. Juni mitgeteilt. «Die Ankündigung kam lediglich mündlich und viel zu kurzfristig, um an der GV reflektiert darüber informieren zu können», erklärt Haidlauf.

«Wenn Elefanten kämpfen, leidet das Gras», sagt man in Afrika. Wollen die Rentner ihre Ersparnisse im Kampf zwischen dem Verwaltungsrat der AAGL und dem Kanton nicht als zertretenes Gras enden sehen, haben sie gemäss Artikel 697 des Obligationenrechts die Möglichkeit, an der Generalversammlung «vom Verwaltungsrat Auskunft über die Angelegenheiten der Gesellschaft» zu verlangen. Fällt diese Auskunft unzureichend aus, können Aktionäre gemäss Artikel 697a «bestimmte Sachverhalte durch eine Sonderprüfung abklären lassen, sofern dies zur Ausübung der Aktionärsrechte erforderlich ist».

Sich um ihre Rechte zu kümmern, werden sie bald Gelegenheit bekommen: «Sobald der Regierungsrat einen Verwaltungsratskandidaten nominiert hat, wird der Kanton bei der AAGL beantragen, eine ausserordentliche GV einzuberufen», erklärt Leutwyler. Dies voraussichtlich im Herbst.