Naturschutz
Keine menschlichen Eingriffe mehr: Vor Liestals Stadttoren entsteht ein Urwald

Die Bürgergemeinde Liestal stellt 92 Hektaren Wald unter Schutz. Davon steht die Hälfte unter Totalschutz, was die zweitgrösste Fläche im Kanton ist.

Andreas Hirsbrunner
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Auf 45 Hektaren Wald im Röserental wird es künftig keine menschliche Eingriffe mehr geben.

Auf 45 Hektaren Wald im Röserental wird es künftig keine menschliche Eingriffe mehr geben.

zvg

Die Liestaler Bürgergemeindeversammlung hat am Montagabend einen einstimmigen Entscheid von kantonaler Bedeutung gefällt: Sie stellte im Röserental eine Waldfläche von 92 Hektaren unter Schutz, davon 45 Hektaren unter Totalschutz. Das heisst, auf dieser Fläche gibt es mit einer Ausnahme keine menschlichen Eingriffe mehr.

Die Ausnahme: Die Wege bleiben begehbar. Wird dabei ein Baum zum Sicherheitsrisiko, wird er gefällt, bleibt aber vor Ort liegen. Somit könne auch der Banntag bedenkenlos durch dieses Grenzgebiet zu Nuglar geführt werden, versicherte Markus Plattner einem besorgten Bürger; Plattner leitet im Ebenrain-Zentrum die Abteilung Natur und Landschaft.

Entscheid ist wichtig für den Naturschutz

Bei solchen strikten Naturschutzflächen im Wald redet man von Totalwaldreservaten. Das Röserental ist das zweitgrösste solche Reservat im Kanton. Das grösste ist das Gebiet Bogental-Geitenberg auf Lauwiler Boden mit 77 Hektaren; auf den weiteren Plätzen folgen der Dürstelberg in Langenbruck, das Gebiet Löffelberg-Baanholz in Liesberg und der Rehag auf Boden von Bennwil, Oberdorf und Waldenburg mit noch 25 Hektaren.

Kreisförster Andreas Etter vom Amt für Wald beider Basel betont, dass die kleinräumige Wald-Offenland-Verzahnung und die hohe Dichte an Infrastrukturen das Ausscheiden von grossen Totalwaldreservatsflächen im Baselbiet erschwerten. Und er fügt bei: «Umso wichtiger für den Naturschutz ist der positive Entscheid der Bürgergemeindeversammlung.»

Ein Eldorado für Käfer, Spechte und Pilze

Noch etwas anderes gibt dem Entscheid besonderes Gewicht: Das Liestaler Röserental ist das erste grosse Baselbieter Totalwaldreservat unmittelbar am Rand eines Bevölkerungszentrums. Es ermöglicht somit einem grösseren Publikum, die Veränderungen in einem total geschützten Wald mitzuerleben.

Und wie sieht dieser Wald nach 50 Jahren, der minimalen Nutzungsverzichtsdauer eines derartigen Reservats, aus? Dazu Etter: «Im Jahr 2070 hat dieser Wald einen urwaldähnlichen Charakter. Das heisst, man sieht die verschiedenen natürlichen Phasen des Waldzyklus vom Altern über den Zerfall bis hin zur Erneuerung.» Die Altbäume und damit deren ökologischer Wert nähmen zu, weil sie mehr Versteckmöglichkeiten und Nahrung böten.

Zunehmen würde auch das Totholz und damit die Arten, die darauf angewiesen seien. Etter erwähnt Käfer, Wildbienen, Fledermäuse, Spechte, verschiedene Pilze sowie Asseln und Springschwänze, die letztlich das Totholz zu Humus zersetzen. Aber nicht nur das Totalwaldreservat, sondern auch das restliche Schutzgebiet im Röserental ist sehr wertvoll für die Natur. Das, weil hier ganz unterschiedliche Lebensräume zu finden sind.

Helen Rutishauser, die ebenfalls im Ebenrain im Bereich Natur und Landschaft arbeitet, bezeichnete an der Bürgergemeindeversammlung den feuchten Talgrund mit dem naturbelassenen Rösernbach und den vielen Hochstauden als eigentlichen Hotspot für Waldschmetterlinge. Daneben gebe es trockene Bereiche, wo lichtliebende Baumarten wie Eichen und Föhren gefördert würden.

Schöner Bonus für weniger Nutzung

Die Bürgergemeinde Liestal erhält für die Nutzungseinschränkung in den nächsten 25 Jahren vom Kanton eine einmalige Abfindung von 325000 Franken; 22000 davon sind ein Extrabonus für das Totalwaldreservat. Nach 25 Jahren würden die vereinbarten Pflegeziele überprüft und die Bürgergemeinde danach erneut entschädigt, sagt Etter. Welche weiteren Totalwaldreservate in der kantonalen Pipeline stecken, will er nicht verraten. Derzeit stehen 3700 Hektaren Wald unter Schutz, was 17 Prozent der Baselbieter Waldfläche entspricht. 830 Hektaren davon sind Totalwaldreservate.

Reiche Bürgergemeinde hilft armer Stadt

Die Bürgergemeinde Liestal erwartet 2021 ein weiteres Goldjahr. Dabei spielt ein doppelter Faktor: Zum letzten Mal schenkt die Deponie Höli mit einem Restvolumen von einer Million Tonnen finanziell nochmals kräftig ein; zwei Drittel davon sollen im nächsten Jahr gefüllt werden. Und eine andere relevante Geldquelle beginnt 2021 erstmals zu sprudeln: Die Überbauung Grammet ist fertig (bz berichtete); dort besitzt die Bürgergemeinde 61 Mietwohnungen und einen Doppelkindergarten. Unter dem Strich budgetiert der Bürgerrat für 2021 einen Einnahmeüberschuss von 5,1 Millionen Franken. Die Stadt andererseits rechnet mit einem Verlust von 5,7 Millionen.

Das brachte an der Bürgergemeindeversammlung den ehemaligen Grünen-Einwohnerrat Jürg Holinger so richtig in Fahrt: «Unter demselben Dach wohnen in Liestal zwei Familien, die eine hat warm, die andere hat kalt. Es braucht jetzt Solidarität in dieser besonderen Lage.» Seinem Antrag, dass die Bürgergemeinde 2021 der Stadt die Baurechtszinse für den ganzen Gitterli-Komplex vom Stadion bis zum Hallenbad in der Höhe von 333000 Franken erlässt, stimmte die Versammlung mit 50 zu 4 Stimmen zu.

Und auch der Antrag eines zweiten, nicht ganz unbekannten Bürgers namens Edgar Senn passierte die Versammlung: Die Bürgergemeinde soll 2021 jene Institutionen, die das kulturelle und sportliche Leben in Liestal bereichern und wegen Corona darben, mit maximal 300000 Franken unterstützen. Auffallend: Selbst Franz Thür, neuer Finanzchef im Bürgerrat, stimmte zweimal zu. (hi)