Wiedergewählt
Kirchenratspräsident Martin Stingelin: «Das wird die schwierigste Amtsperiode»

Nachdem er am Mittwoch in seinem Amt bestätig wurde, wartet eine herausfordernde Amtsperiode auf Martin Stingelin. Da weniger Geld zur Verfügung stehen wird, müssen neue Wege gegangen werden.

Andreas Hirsbrunner
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«Es besteht die Gefahr, dass Eigeninteressen zu spielen beginnen.» Martin Stingelin, alter und neuer Kirchenratspräsident der Reformierten

«Es besteht die Gefahr, dass Eigeninteressen zu spielen beginnen.» Martin Stingelin, alter und neuer Kirchenratspräsident der Reformierten

Roland Schmid

Die Synode der reformierten Kirche Baselland wählte Martin Stingelin (59) am Mittwoch für eine dritte Amtsperiode zum Präsidenten des Kirchenrats, also sozusagen zum reformierten Regierungspräsidenten. Sie machte das mit 60 von abgegebenen 64 Stimmen. Auf den Pfarrer warten aber keine einfachen Jahre, wie er im bz-Interview klar macht.

Herr Stingelin, herzliche Gratulation zur guten Wiederwahl als Kirchenratspräsident. Wir behaupten, Ihre dritte Amtsperiode wird die schwierigste.

Martin Stingelin: Ich behaupte sogar, es wird nicht nur die schwierigste meiner Amtsperioden, sondern die herausfordernste in der Geschichte unserer kantonalen reformierten Kirche, die in der heutigen Form seit rund 65 Jahren besteht.

Im Vordergrund dürften die schwindenden Finanzen stehen.

Ja, einerseits die Finanzen, andererseits aber auch die Anpassung unserer Strukturen. Wir müssen darüber nachdenken und bestimmen, wie wir uns als Landeskirche positionieren wollen mitten in den Veränderungen, in denen wir stecken. Ich denke da an die Umsetzung der Visitation, aber auch an die zurückgehenden Mitgliederzahlen und die sich ändernde Altersstruktur. Gleichzeitig spielen die Finanzen verrückt. Deshalb besteht die Gefahr, dass Eigeninteressen zu spielen beginnen.

An was denken Sie?

Ich denke da an Ängste, dass das, was man gerne hatte, nicht mehr geleistet werden kann, weil andere das Geld brauchen. Ich denke aber auch an die Geldflüsse zwischen Kantonalkirche und Kirchgemeinden. Da stellen sich Fragen zur Aufgabenverteilung und wie weit die Kantonalkirche subsidiär zu den Kirchgemeinden wirken muss, vor allem aber, was es wirklich braucht. Die Meinungen gehen hier auseinander. Nach unserem Selbstverständnis findet das kirchliche Leben hauptsächlich in den Kirchgemeinden statt. Aber es gibt auch gesamtgesellschaftliche Aufgaben, welche durch die Fachstellen der Kantonalkirche geleistet werden.

Die grösste finanzielle Baustelle ist die erneute Pensionskassen-Ausfinanzierung. Hier war einmal von zehn Millionen Franken die Rede, die die reformierte Kirche einschiessen muss. Rechnen Sie immer noch mit diesem Betrag?

Mindestens. Denn die zehn Millionen Franken sind gemäss Hochrechnung alleine dafür nötig, das Loch bei den Rentnern zu stopfen, das durch die Herabsetzung des technischen Zinsfusses von drei auf 1,75 Prozent entsteht. Wir müssen uns aber auch überlegen, was wir für die Aktiven tun wollen. Machen wir nichts, könnten wir von bis zu 20 vorzeitigen Pensionierungen überschwemmt werden, weil die Betroffenen gehen, bevor der Umwandlungssatz ganz gesenkt ist. Auch das hätte Kostenfolgen für uns. Damit man die Relationen sieht: Die Kantonalkirche gibt pro Jahr knapp sieben Millionen Franken aus. Der Rest geht an die Kirchgemeinden.

Die zweite Baustelle ist die Unternehmenssteuerreform III. Mit welchen Einbussen rechnen Sie hier?

Es besteht eine grosse Unsicherheit. Die erste Hochrechnung vom Kanton rechnete mit 1,9 Millionen Franken. Unterdessen gibt es ja neue Zahlen vom Kanton, die das angenommene Wirtschaftswachstum berücksichtigen. Dazu sollen die Landeskirchen an den Ausgleichszahlungen des Bundes partizipieren. Unter dem Strich werden uns nach dieser neuen Rechnung ab 2024 jährlich noch 300 000 bis 400 000 Franken fehlen. Niemand kann uns aber im Moment saubere Zahlen liefern, was die Unternehmenssteuerreform III bedeutet, es herrscht eine Art Glaubenskrieg. Das ist aber meine persönliche Meinung.

Drohen jetzt Entlassungen?

Wir haben drei Handlungsebenen. So müssen wir wahrscheinlich unsere Beiträge an alle Institutionen kürzen oder streichen, die dadurch nicht in ihrer Existenz gefährdet sind.

Das wäre zum Beispiel?

Ich will im jetzigen Stadium keine Namen nennen. Eine andere Ebene ist das Generieren von Drittmitteln durch Fachstellen und Spezialpfarrämter, was nicht einfach sein wird. Und die dritte Ebene ist die Streichung von Stellen. Aber alle unsere Fachstellen und Spezialpfarrämter kosten uns jährlich 2,5 Millionen Franken; dabei betrachte ich vieles als unverzichtbar. Das Sparpotenzial ist also auch hier begrenzt. Wir müssen aber Lösungen finden, und das ist die grosse Herausforderung der nächsten Amtsperiode. Gleichzeitig hoffen wir, dass es finanziell nicht ganz so schlimm wird, wie es jetzt aussieht.